Abstand und neue Pläne

Wir nutzen die Zwischenzeit im Süden Deutschlands um unsere Erfahrungen sacken zu lassen und unseren Einsatz für uns auszuwerten. Auch hier sind wir wieder in einer Grenzregion unterwegs, die tschechische grüne Grenze ist in Sichtweite.

Auf einer Wanderung begegnet uns der „Leuchtturm der Menschlichkeit“ mitten im Wald. In mühevoller Schwerstarbeit wurden ca. 10 Tonnen Steine vermauert, die aus den verschiedensten Gegenden und Ländern der Welt stammen. In westlicher Richtung wurden 4 handgegossene Glaselemente eingesetzt, die mittels Solartechnik nachts leuchten. So senden, neben einer Weltscheibe – ein islamischer Halbmond, ein christliches Kreuz und ein Davidstern – Lichtsignale in die Welt, um die Menschen zu mehr Frieden und Verständnis untereinander aufzurufen.

Leuchtturm der Menschlichkeit

Insbesondere die Weltscheibe ist das Symbol, dass vielleicht am Besten beschreibt, warum wir diese Zeit in Bosnien verbracht haben: Wir leben gemeinsam auf dieser Erde und die Augen zu verschließen macht aus Gründen der eigenen Psychohygiene Sinn. Genauso kann es aber auch Sinn machen, die Augen zu öffnen und das Leid anderer Menschen anzusehen, es wahrzunehmen, sich davon berühren zu lassen und zumindest kleinste Zeichen der Solidarität zu geben.

Wir hoffen, dass es auf dem langen Weg der People on the move, bei manchen schon fünf Jahre, immer wieder Menschen gibt, die Kraft spenden, die tatkräftig unterstützen, die den Weg für ein paar Tage leichter machen. Und besonders hoffen wir, dass die von uns unterstützten Menschen (und naütrlich alle anderen auch) in ihren Zielländern solidarische Leute finden, die Dublin II (Abschiebung in das erste Land, in dem jemensch registriert wurde) erklären und gemeinsam Lösungen für ein Bleiberecht finden.

Unser Einsatz war nur möglich dank der Unterstützung durch euch. Ohne euer Geld oder auch Sachspenden wäre diese Fahrt nicht zustande gekommen. Wir möchten uns dafür ganz herzlich bedanken und wissen das sehr zu schätzen. Es ist schon toll, wenn innerhalb von ein paar Wochen mehrere tausend Euro zusammen kommen und ihr damit signalisiert, dass auch ihr mit uns die Situation an den EU-Außengrenzen für unerträglich haltet.

Bosnischer Blumenstrauß für euch (eigentlich war er Teil unserer Tarnung als Tourist*innen bei der Erkundung des Grenzstreifens (Bosnien/Kroatien) um PushBack-Spots zu suchen)

Im Moment schweben uns ein paar Nachfolgeideen durch den Kopf, einige sehr träumerisch, andere eher realistisch. Mehr davon werden wir in unserem Newsletter schreiben.

Wenn ihr immer noch nicht genug habt, über die Situation der Flüchtenden in Bosnien zu lesen, sei euch hier noch ein Podcast ans Herz gelegt, der unsere Erfahrungen noch ein wenig ergänzt:

https://podcastaddict.com/episode/123404666

Morgen reisen wir ins Wendland zurück. Dies ist jetzt doch unser letzter Blog-Eintrag geworden. Es grüßen euch erfüllt, wütend (Katja), noch sehr dünnhäutig (Katja), tatkräftig (Matthias) und sehr dankbar, dass wir diese Arbeit machen durften

Matthias und Katja

3. Übergabe

Sonntagmorgen fahren wir gut gelaunt und mit einem leicht wehmütigen Gefühl zum Grenzübergang nach Velika Kladusa. Wir sind extra früh aufgestanden und geraten unerwartet in einen langen Grenzstau. Ein wenig aufgeregt sind wir, denn wir führen fremdes Gepäck mit uns.

Doch bevor wir an den Grenzschalter kommen entscheidet unser Auto, dass es weder vor noch zurück geht. Die elektronische Handbremse ist fest und lässt sich nicht lösen. Hinter uns bricht ein Hupschwall los, wir bleiben ruhig. Im Handbuch gibt es nichts Anständiges zu dem Thema zu lesen, stattdessen rufen wir unsere Werkstatt (Dank an Eckart, ASG, aus Lüchow) privat an und bekommen fachkundige Beratung. Parallel schicken wir eine SMS an unseren Gastgeber (von vor vier Wochen), der Automechaniker ist. Er antwortet prompt (alles bosnisch – deutsch mit Google (Graus!)-Übersetzer), das er jemensch vorbeischickt. Matthias prüft Sicherungen und regelt den Verkehr. Das alles 1 m vor der kroatischen Grenze auf der Brücke des Grenzflußes.

Irgendwann kommt „unser“ Mechaniker, drückt 20x auf den Schalter für die Handbremse, bis wir ihn stoppen. Denn natürlich tut sich nichts, haben wir ja auch schon probiert. Er ruft eine andere Werkstatt an. Die kommt relativ schnell im Hupgewitter an und fängt direkt vor Ort an zu arbeiten. Der Motor der linken Handbremse wird ausgebaut, das Auto fährt wieder- bis zur Werkstatt zurück nach Velika Kladusa. Dort wird innerhalb einer Stunde der Rest der Reparatur vorgenommen und mit 4,5 Stunden Verspätung stehen wir wieder im Grenzstau nach Kroatien. Nach 30 Minuten kommen die Werkstattmonteure angerast, finden uns ungefähr an der selben Stelle wie bei der Panne und überreichen freudig erregt die Nuß, die zum Reifenwechsel dringend erforderlich ist, und die sie aus Versehen in der Werkstatt in ihren Werkzeugkasten getan haben. Wir sind begeistert über die Menschen, die uns an diesem Morgen so schnell und dabei noch so zuverlässig und freundlich in der „festgefahrenen Situation“ geholfen haben. Dabei vergessen wir fast, dass wir das Gepäck von den zwei Familien im Kofferraum haben, die vor ein paar Tagen „irrtümlich“ und als inoffzielle Patchworkfamilie im Krankenwagen nach Kroatien „überführt“ wurden.

Am Vorabend hatte uns der Vater des verletzen Sohnes aus Zagreb aus dem „Begrüßungszentrum für Asylsuchende“ angeschrieben, ob wir Gepäck aus Sturlic nach Zagreb bringen könnten. Unser letzter Abend am Samstag war dann mit der Abholung ausgefüllt und mit der Übernahme eines Handys von einer anderen Familie, dass wir auch mitnehmen sollten.

Für die Grenze war uns ein wenig unklar, wie wir dieses fremde Gepäck bei einer genauen Kontrolle erklären sollten – aber so weit kam es dann gar nicht. Die Grenzer waren nicht an unserem Gepäck interessiert.

In Zagreb klappt alles wunderbar. Unserer Kontaktfrau nimmt in einiger Entfernung zum Asylzentrum das Gepäck entgegen. Die zwei Familien stehen dort noch für weitere 10 Tage unter Quarantäne. Wir bitten beide Familien uns per Facebook den Erhalt der Dinge zu bestätigen. Die Bestätigung ist bisher nicht eingetroffen und wir hoffen sehr, dass das Eigentum irgendwann richtig dort ankommt.

Abends um 22 Uhr erreichen wir dann unser Quartier im Bayerischen Wald. Hier wollen wir uns Zeit nehmen, um Abstand zu bekommen, die Zeit in Bosnien auszuwerten, Restarbeiten zu machen und die Nacharbeit für zuhause zu planen. Noch ist uns nicht nach Telefonaten mit lieben Menschen, oder sms schreiben. Wir sind noch in einer Zwischenwelt- zumindest ich, Katja, brauche Zeit und merke, wie mir beim Schreiben die Tränen kommen. Ich brauche Zeit, bei mir anzukommen, ohne mich gleich auf andere einzustellen, den Kummer und die Hilflosigkeit zu verarbeiten und Kraft zu tanken, die Menschen, denen wir begegnet sind, loszulassen – und sie gleichermaßen weiter im Herzen zu tragen.

Bis Sonntag werden wir hier im Blog noch Themen ansprechen, die bisher keinen Platz gefunden haben.

Allerdings dürfen Clara und Jan ab jetzt entspannt davon ablassen, unsere Reise zu verfolgen. Sie waren unsere Sicherheitsstruktur für den Fall, dass wir uns auf einmal nicht mehr melden. Herzlichen Dank an die beiden für die wohltuende und Sicherheit gebende Arbeit!

2. Übergabe

Heute am letzten echten „Arbeitstag“ treffen wir uns morgens mit der bosnischen Solifrau, deren Namen wir hier immer noch nicht nennen wollen, um ihre Arbeit nicht zu gefährden. Wir tauschen Neuigkeiten über die Situation der Migrants aus, zum Glück weiß auch sie von keiner neuen bosnischen Polizeigewalt. Aber sie weiß, dass sechs junge Männer, die sonst bei ihr duschen waren, es bis nach Italien geschafft haben.

Wir haben für ihre Kinder nach einem kleinen Abschiedsgeschenk gesucht und haben zum Glück mit der Hängematte aus gewebtem Stoff eine kleine Freude machen können. Für die Soli-Arbeit vor Ort lassen wir eine Geldsumme da, damit die Familie nicht immer weiter ihre letzten Reserven benutzt, um People on the Move zu unterstützen. Geld für die Waschmaschine, für die Überweisung mit Western Union, für Essen, für Strom für die Dusche in ihrem Haus. Natürlich wird unser Geld erst zurückgewiesen, doch dann dankbar angenommen.

Unsere nächste Übergabe findet mit einer medizinischen NRO statt, dies bisher noch keine Anerkennung hat und deren Namen wir hier deswegen auch nicht nennen. Wir erzählen von unseren Erfahrungen in den letzten 4,5 Wochen, unserer Einschätzung, dass es viel weniger Krätzebefall gibt als angenommen, lassen Medikamente da und vergessen uns für die wichtigen Kontakte zu bedanken, die wir durch den Koordinator der NRO bekommen haben. Das holen wir später nach.

Um morgen problemloser über die Grenzen kommen, waschen wir unser total eingestaubtes Auto.

Passat noch ungewaschen im Einsatz

Matthias rasiert sich, um seriöser auszusehen (Katja sieht immer seriös aus, sagt er) und wir recherchieren noch einmal die aktuelle Corona-Situation. Zum Glück fällt uns dabei auf, dass die Testpflicht, Einreiseanmeldungspflicht und auch die Quarantänepflicht wegfällt, weil Bosnien seit einer Woche kein Risikogebiet mehr ist. Wir können also unseren geplanten PCR-Test am Grazer Flughafen stornieren und freuen uns über die gesparten 200€ für den Verein.

Abends erreicht uns noch eine dringende Nachricht aus Sturlic. Es scheint, dass morgen doch nicht nur ein Heimreisetag sein wird, sondern zumindest zur Hälfte noch ein „Arbeitstag“.

Das System zeigt eine andere Seite

Wir treffen heute noch einmal kurz einen Vater aus dem Haus mit den drei Familien. Er hatte uns das Foto eines Schreibens geschickt, mit der Bitte, es ihm auszudrucken. Er erzählt uns erfreut eine unglaubliche Geschichte.

Ein Kind einer der beiden anderen Familien hatte einen Unfall. Wir verstehen nicht ganz, ob es ein Autounfall oder ein anderer Unfall war. Egal. Klar ist nur, der Junge hatte ein ganz große, offene Wunde am Oberarm. Sein Vater war bei ihm. Dann auch die Polizei. Der Polizist war wohl auch entsetzt, ob der Wunde und ruft den Krankenwagen. Der Krankenwagen kommt und nimmt den Jungen, samt Vater auf. Zusätzlich eine Mutter plus drei Kinder. Alle sechs rasen Richtung Krankenhaus – nach Kroatien. Dort stellt die Mutter mit ihren drei Kindern einen Asylantrag – das entsprechende Papier sehen wir als Foto. Der Vater mit dem verletzten Kind wird wohl auch einen Asylantrag gestellt haben.

Warum erzählt uns der Vater vor Ort diese Geschichte so begeistert?

Es war seine Frau mit seinen Kindern, die zu dem anderen Vater mit dessenverletzten Sohn in den Krankenwagen gestiegen sind. Die Ambulanzfahrer*innen haben wahrscheinlich nur gezählt: ein Mann, eine Frau, vier Kinder. Passt, eine Familie.

Der Vater (mit dem verletzten Kind) in Kroatien ist derjenige, den ich in einem vorherigen Blog dahingehend beschrieben hatte, dass er mit einem Teil der Kinder alleine loswolle, um seine Frau und die restlichen Kinder anschließend nachzuholen. Anders als wohl geplant, hat er es nun geschafft.

Der Vater vor Ort ist glücklich, dass es seine Familie geschafft hat. Und er bekommt von uns den Ausdruck des Asylersuchens seiner Frau. Das oben erwähnte Schreiben. Damit hat er vielleicht Glück, wenn kroatische Grenzer*innen ihn aufgreifen und kann vielleicht auf familiäre Zusammenführung in Kroatien hoffen.

Wir freuen uns mit ihm. Und wir sind glücklich zu erleben, dass Krankenwagen auch für People on the Move gerufen werden. Und hoffentlich bleibt beim Jungen nur eine Narbe, auf die er später augenzwinkernd zeigen und eine Geschichte erzählen kann.

Später erfahren wir von einer anderen Familie, dass alle diejenigen, die eine Chance auf ein Asylverfahren bekommen und nicht gleich gepushtbackt werden, erst einmal für 14 Tage in Quarantäne nach Zagreb kommen.

1. Übergabe

Heute sind wir mit den ersten Übergabeaktivitäten gestartet und haben Alma von „Rahma“ getroffen. Sie ist die bosnische Mitorganisatorin einer einheimischen Hilfsorganisation, die seit Jahren hier vor Ort Hilfe in Form von Essen und Kleidung organisiert.

Schwerpunkte der Übergabe waren Dinge, die vielleicht wichtig sind, um hier vor Ort auch noch die nächsten 10 Jahren gut und nachhaltig arbeiten zu können.

Dazu gehörte die

  • Push Back Map. Bisher war hier nur das Border Violence Monitoring Network bekannt, dass durch Reporter*innen Berichte von PushBacks aufnimmt, veröffentlicht und damit Druck auf die EU macht. Aber es gibt ja auch noch die PushBackMap, in der Migrant*innen selber ihre Erfahrungen mit Deportationen, Gewalt, Demütigung, Diebstahl und Verweigerung der Annahme des Asylersuchens dokumentieren können. Wir würden gerne aus Deutschland die Arbeit der PushBackMap mit Arbeitskraft unterstützen, doch fehlt hier vor Ort die Mobilisierung für dieses selbstermächtigende Werkzeug. Alma ist begeistert davon und will einen kleinen Hinweis-Zettel auf englisch, französisch, urdu, farsi und arabisch in jeder Hilfslieferung an People on the Move beilegen. Wir freuen uns, dass unsere Initiative so schnell aufgegriffen wird. Jetzt ist es an uns in Deutschland Menschen zu finden, die Lust haben, die PBM zu unterstützen und Berichte von Deportationen zu redigieren und zu übersetzen.
  • Trinkwasserdesinfektion. Wir haben von Flüchtenden Desinfektionstabletten für Trinkwasser gezeigt bekommen, die sie von NROs bekommen hätten. Damit verbunden war die Aussage, dass das Wasser aus der naheliegenden Quelle (mit Wasserhahn) nicht trinkbar wäre und alles Wasser desinfiziert werden müßte. Diese Aussage ist einfach falsch. Zur bosnisch-muslimischen Kultur gehört es, viele öffentliche Trinkwasserstellen zu errichten, auch um in diesem Leben etwas Gutes für andere zu tun. Diese Quellen werden viel frequentiert und das Wasser ist hochwertig. Für Migrant*innen sind sie lebensnotwendig. Wenn jetzt jemensch vorbei kommt und vor dem Genuß des Wassers warnt (ohne Grund) gerät eine wichtige Ressource der Menschen (freier Zugang zu Trinkwasser) ins Wanken. Es kann zur massiver Verunsicherung führen; Menschen trauen sich nicht mehr, das öffentlich zugänglich Wasser zu trinken. Kopfschmerzen, Dehydration, Schwäche, Nieren- und Blasenentzündungen können die Folge sein. Und noch schlimmer: Würden die Flüchtenden jetzt die Desinfektionstabletten benutzen und evtl. zu hoch dosieren, so nach dem Motto: Viel hilft viel, könnte ihre eigene positive Darmflora abgetötet werden. Insbesondere da eine Tablette für 10l ist, die Menschen aber nur Wasserflaschen mit 1l mit sich führen. Gut gemeint ist hier gefährlich und der Grundsatz von „do no harm“ wird verletzt. Nichtstestotrotz kann es Sinn machen, Tabletten für jeweils 1l Wasser dabei zu haben, damit im Game auch aus Flüssen sicher getrunken werden kann. Wenn aber die Kommunikation diese Unterscheidung nicht zulässt, ist es sicherer, den Zugang zu Wasser offen zu halten und nicht mit Ängsten vor Vergiftungen zu belasten.
  • Babytragen. Wir vermitteln den Kontakt zu der Schweizer Gruppe, die gebrauchte Babytragen für Fluchtsituationen sammelt.
  • Krätzebekämpfung. Wir betonen unsere Einschätzung, dass hier in der Region wenig Krätzebefall ist und das Hautjucken von mangelnder Waschgelegenheit kommt. Wir lassen unser Scabie-Wash-Project Papier da. Mal sehen, wer es hier aufgreift.
  • Alarmphone Österreich. Wir informieren über das Alarmphone Austria, dass nach Grenzübertritt Hilfe beim Asylersuchen anbietet.
  • Polizeigewalt. Falls „Rahma“ doch noch eineN Anwält*in findet, um gegen die bosnische Polizeigewalt juristisch vorzugehen, erklären wir, mit eurer Hilfe, die Kosten dafür zu übernehmen. Es ist ein Auftrag von Zuher und Hassan, den wir noch auf unseren Schultern fühlen.
  • Hilfstransport. Wir wissen, dass Alexander aus Hitzacker eine NRO als Empfängerin für einen Hilfstransport sucht. Wir stellen den Kontakt her.

Nur noch die letzten 227 km

Damaskus-Triest: 3070 km, Bagdad-Triest: 3740 km, Teheran-Triest: 4040 km, Kabul-Triest: 6088 km, Islamabad-Triest: 6560 km.

Velika Kladusa-Triest: 227 km.

Jetzt haben es die Menschen soweit gebracht und kurz vor dem Ziel soll alles vorbei sein?

Die Körper werden geschunden. Sie lassen sich schlagen. Schon seit Jahren. Immerhin scheinen sie von den kroatischen Grenzer*innen nicht so gefoltert zu werden, wie von den ungarischen Grenzer*innen (zumindest in 2017). Und nicht immer schlagen die kroatischen Grenzer*innen. Und wenn, dann in der Regel „nur“ die Männern. Und nur ganz selten auch die Kinder. … Sie tragen „zuviel“ Last, sie gehen „zu lange“ Wege, sie machen „zu selten“ Pause – sie haben keine Chance auf Erholung. Die Muskeln werden müde, die Sehnen gereizt, die Haut geht auf, der gesamte Körper ist überfordert.

Wo immer wir ankommen, klagen die Menschen über Körperschmerzen. Sie zeigen uns die Male kroatischer Staatsgewalt und die Fußblasen ihrer eigenen Anstrengungen. Sie möchten eine gereizte Achillissehne fitgemacht bekommen und das Heilmittel gegen den Rückenschmerz.

Nur noch die letzten, verdammten 227 km.

Die Familien werden getrennt. Es gibt die große Gruppe der alleinreisenden, (in der Regel) jungen Männer. Wir haben im Blog aber auch schon von einer Mutter mit ihren 2 Kindern berichtet. Und jetzt kennen wir noch eine Variante mehr: weil die Familie mit ihren 5 Kindern immer wieder von den kroatischen Grenzer*innen entdeckt wird, hat eine Familie beschlossen, dass der Vater mit ein paar Kindern alleine Richtung Kroatien losgeht und die Frau mit den restlichen Kindern in Bosnien warten soll. Wie groß muss die Not für eine solche Entscheidung sein? Wie groß muss die Hoffnung sein, dass ein solcher Plan gelingt? Und der Plan ist ja noch nicht in dem Moment vollendet, in dem der Vater mit den Kindern in Italien, Österreich oder sonstwo ankommt. Die Frau wird mit ihren Kindern lange warten. In einer wasserarmen Gegend, einer nicht-legalen Behausung, …

Geld wird verbrannt. Von kroatischen Grenzer*innen. Oder von ihnen gestohlen. Oder von Schleppern, die ihren Job schlecht machen und sich erwischen lassen. Zusammen mit denen, die sie bezahlt haben. Oder, ganz aktuell, von Schleppern, die nach vier Monaten immer noch nicht aufgetaucht sind, um ihren Job zu machen. 15.000 EUR. Weg.

Satt, sauber, gesund. Wir haben mit Familien gesprochen, die noch bis vor kurzem im nahegelegenen Camp im „Hotel Sedra“ waren. Sie haben es als, den Umständen entsprechend gut beschrieben. Sie wussten aber auch zu berichten, dass es in anderen Camps nicht so gut ist. Aber wenigstens dort war es „gut“. Camp Sedra wird demnächst geschlossen.

Die Bedingungen in den Wäldern, leeren Häusern und alten Industrieanlagen sind nicht so gut. Lokale und ausländische Gruppen versuchen, die Bedingungen zu verbessern. Sie verteilen Lebensmittel und Kleidung. Im Winter organisieren sie Brennholz. Die provisorischen Unterkünfte werden baulich aufgewertet mit „Fenstern“, Öfen, Türen. Im Bereich Buzim bezahlt eine lokale Gruppe die medizinischen Behandlungen im Gesundheitszentrum für People on the Move. Im Bereich Velika Kladusa und Sturlić versucht eine ausländische NRO eine flächendeckende medizinische Versorgung zu gewährleisten – obwohl es verboten ist. Alle stärken die Infrastruktur für das Sein. Es ist gut, dass es diese Strukturen und Gruppen gibt.

Aber niemand möchte hier bleiben. Nur noch verdammte 227 km.

Eigentlich fehlt die Hilfe für den Weg. Es fehlen die Menschen aus der EU, die die Zäune einfach einreißen. Ein Level niedriger: es fehlen die Menschen, die eine sichere Beförderung in Kroatien organisieren. Wahrscheinlich ein ähnliches Level: es fehlen die Menschen, die ohne Bezahlung People on the Move über die Grenzen lotsen. Ein Level niedriger: es fehlen die Strukturen, die die People on the Move auf ihrem eigenen Weg für diesen Weg unterstützen.

Man müsste Schmerzmittel und Bandagen für den Marsch verteilen. Bei den Amateur-Marathonläufen dopen sich die Läufer*innen mit ganz legalen Schmerzmittel auch (deswegen ist der Begriff an dieser Stelle juristisch eigentlich falsch). Denn sie werden gehen. Egal, ob die Sehne reißt, der Rücken bricht oder die Haut aufplatzt. … Man müsste ihnen Schlafsäcke zur Verfügung stellen. … Man müsste ihnen Rucksäcke zur Verfügung stellen – oder Sammelstellen für das private Habe organisieren, um es ihnen dann irgendwann nachzuschicken. … Man müsste ihnen Kartenmaterial von Kroatien und Slovenien, sowie einen Kompass zur Verfügung stellen, damit die Smartphoneabhängigkeit fällt (und mit ihr, die daraus resultierenden Gefahren).

In Bewegung sein, heißt aber auch, einen Schritt zurück machen können. Die People on the Move darüber informieren, dass es Rückkehrhilfen gibt oder Schutzprogramme für Minderjährige. Wer aufgibt, soll nicht daran verenden.

Ich ärgere mich kollosal, dass wir kein Kartenmaterial von Kroatien dabei haben.

227 km.

Solidarität

Immer wieder gibt es Menschen, die sich solidarisch mit den Flüchtenden zeigen. Es ist ganz vielfältig: Sie erlauben People on the move auf ihrem Grundstück Wasser zu entnehmen; sie geben Strom für Handys an Supermärkten ab; sie hängen Müllbeutel auf, wo Menschen in Gruppen ins Game aufbrechen; sie geben eine bosnische Mark an Migranten, die vor dem Supermarkt stehen; sie lassen PoM ihr Handy benutzen; sie verteilen Essen; sie werfen Essen nicht weg, sondern hängen es gut sichtbar auf;

gerettetes Essen

Vielleicht liegt es an den eigenen Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung, die viele Menschen durch die Kriege in Ex-Jugoslawien hier gemacht haben. Diese Erfahrung, dass sie selber schon mal mit Gewalt in die Fremde getrieben wurden, dort neu anfangen mußten, nur geduldet wurden.

Ständig liegt die Kriegserfahrung des Landes direkt vor unseren Augen. Wenn wir weiter Richtung Süden fahren kommen wir durch Gegenden, wo mehr als 50 Prozent der Häuser zerstört sind, wo ein Bombenkrater neben dem anderen große Hochalmen und tiefe fruchtbare Täler zerfurcht. Überall Friedhöfe. Muslimische Gräber getrennt von serbischen Grabfeldern. Es kommt uns vor, als ob Bosnien ein einziges Schlachtfeld ist. Welche Verletzungen haben die Bombenkrater, die Einschüsse in den Hauswänden, die Massenhinrichtungen hinterlassen? Das ist alles ist gerade mal so alt wie meine Kinder. Zwischen den zwei Geburten von Johanna 1991 und Clara 1995 ist das alles passiert. Ein Genozid direkt vor unserer Haustür. Wir haben weggeguckt. Die UN hat Srebenica geschehen lassen. Wir, als Kriegsgegner*innen, haben wahrscheinlich gegen einen bewaffneten UN-Einsatz argumentiert. Das macht auch Sinn, weil Militär immer mehr Gewalt und Leid mit sich bringt. Aber wo waren unsere zivilen Alternativen? Wo waren zivilgesellschaftliche Kräfte, die sich mutig zwischen die verrückt-unübersichtlichen Fronten eines ethnisch-religiös-territorial aufgeheizten Brennpunkts gestellt haben? Wo war die Pause-Taste, die es den Konfliktparteien ermöglicht hätte, mit Abstand auf die Situation zu gucken, sich zu besinnen, nachzugeben, womöglich aufzugeben…

Bei langen Autofahrten lesen wir immer wieder Neues über die Balkankriege und verstehen doch immer weniger.

Es gab Menschen, die aktiv wurden. Darunter Günther und Heike aus dem Wendland. Eine Initiative (Den Krieg überleben) habe ich noch gut in Erinnerung. Wir haben einen Sommer lang (?) ein Haus wieder aufgebaut, das ursprünglich Bosniern gehörte, die fliehen mußten. Handwerker aus Deutschland kamen für ein paar Wochen nach Caplje zum Bauen. Auch ich kam (Clara-)schwanger mit Sigrun zu Günther, der dort auf der Baustelle den Sommer (oder war es länger?) verbrachte und wir arbeiteten 3 Wochen gemeinsam am Haus.

In Sanski Most, der nahegelegenen Stadt, wirkte Heike (nach meiner Erinnerung) am Aufbau einer Frauengruppe mit, die durch gemeinsame Treffen ganz vorsichtig mit der Versöhnungsarbeit anfing. Noch jetzt gibt es in Sanski Most ein Friedenszentrum und diverse Frauenprojekte.

[Wer mehr über die Kriegsgräuel der 90er in Sanksi Most lesen möchte, kann das zum Beispiel hier tun. Triggerwarnung: Die Inhalte könnten alte Wunden aufreißen oder als sehr belastend wahrgenommen werden: https://www.focus.de/panorama/reportage/reportage-die-archaologie-des-grauens_aid_161158.html ]

Wir fahren noch einmal in das kleine Dorf, in dem ich 1995 gearbeitet haben und finden es tatsächlich wieder. Es macht mir große Freude hier zu sein, auch wenn sich die Besitzverhältnisse geändert haben. Zwei Familien, die hier lebten, konnten in ihre eigenen Häuser zurückkehren. Die neue Besitzerin weiß, dass hier mal Deutsche das Haus wieder hergerichtet haben.

Hier in Bosnien treffen sich die Fluchterfahrungen der Menschen aus dem 2. Weltkrieg, den Balkankriegen und den sich verschärfenden Lebensbedingungen in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, dem Iran, aber auch Algerien oder Marokko. Was alle eint ist, das sie nicht freiwillig gegangen sind, sondern aus einem Zwangskontext heraus geflüchtet sind. Und ein zweiter gemeinsamer Nenner ist der moslemische Glaube, der hier im Norden Bosniens zur Kraftquelle für Solidarität mit den Migrant*innen wird. Über Herkunftsgrenzen hinweg.

Homöopathie auf Industriebrache

Nach der Deportation

Gestern haben wir drei Familien, die in einem Haus Nähe Sturlic wohnen, die Smartphones gebracht, damit sie irgendwann wieder handlungsfähig sind. Heute erreicht uns dieses Bild einer Teilgruppe. Sie haben sich anscheind gestern sofort wieder auf den Weg ins Game gemacht. Und heute kehren sie zwangsweise zurück. Schlimm für zwei der Familien ist, dass sie richtig obdachlos sind. Das Haus, das sie vorher mit drei Familien bewohnten, steht aus unklaren Gründen nicht mehr für alle zur Verfügung. 11 Menschen mit 6 Kindern sitzen bei 30 Grad ziemlich erschöpft im Schatten, ohne Zelt, ohne Isomatten und wissen nicht wohin. Wir können auch nicht helfen. Schnell fahren wir aber noch mal los und besorgen Brot, Ghee, Milch, Joghurt und Süßkram um den ärgsten Hunger ein wenig zu stillen.

Dann treffen wir Menschen wieder, die gestern aus der Industriebrache (siehe Blog am 2.6.) deportiert wurden. Morgens um 7 Uhr kam die bosnische Polizei mit Bussen vorgefahren und verfrachtete die Menschen dort hinein, fuhr nach Lipa und ließ sie dort in der Pampa raus. Heute morgen sind viele nach 62 km Strecke zu Fuss wieder zurück.

Wir verarzten Blasen und geben Rhus Tox. Globuli gegen den Muskelkarter,

Homöopathie auf Industriebrache

Flucht ist ein Glücksspiel

Es ist gut, dass wir so wenig spezialisiert sind. Deswegen stehen wir täglich vor den Fragen: Was machen wir hier? Warum? Und mit welcher Perspektive?

Die Endlichkeit unseres Seins vor Ort ist dabei immer ein begleitendes Thema.

Gestern haben wir zum ersten Mal bei einer Gruppe ausschließlich Lebensmittel vorbeigebracht. Es sind die drei Familien mit dem hoffnungslos-zuversichtlichen Vater. An dem Gesicht einer Frau können wir sehen, dass wir einigermaßen gut eingekauft zu haben scheinen. Reis, Mehl, Linsen, Öl, Gemüse, Curry, Salz, Zucker, Tee. Wir übergeben ihnen auch ihr jetzt einziges (Küchen)messer, damit sie die Melonen schneiden können.

Beim Pushback hatten sie „Glück“. Niemand wurde geschlagen und lediglich die Babytragen und das einzige Smartphone wurden zerstört. „Unsere“ Rucksäcke und ihr Gepäck durften sie behalten.

Weil sich jetzt herausstellt, dass eine der Frauen schwanger ist, kann Katja in das Haus gehen. Sie untersucht die Frau, stellt fest, dass es dem Baby gut geht und stellt einen Mutterpass aus. Sie sieht dabei auch, dass diese Familien tatsächlich nur das haben, was sie mit sich tragen. (In anderen Häusern sehen wir sonst auch alte Schuhe, alte Kleidung, Lebensmittel) Kleidung hängt auf Wäscheleinen vor dem Haus – sie haben noch nicht die Kraft verloren, für sich zu sorgen.

Wir fahren weiter und biegen ab auf ein altes Fabrikgelände, auf dem eigentlich nur noch die asphaltierten Flächen existieren. Wir treffen auf 20 von 40 dort lebenden Männern aus Pakistan. Auch sie haben Hunger. Wir haben nichts mehr. Sie bleiben trotzdem freundlich und wirken gut gelaunt. Wir bieten medizinische Hilfe an. Wir behandeln Fußverletzungen, geben Tipps gegen Juckreiz und Bachblüten gegen die innere Unruhe. Katja beobachtet dabei eine kleine Gruppe von Männern, die sich in den Trümmern des einzigen Gebäudes ihre Bärte mit einem Akkurasierer schneiden. Auch hier sorgen sie noch für sich. Und wir versprechen, in zwei Tagen wiederzukommen.

Wir spüren die unterschiedlichen Anspannungen. Hier Familienväter (die in der Regel mit uns kommunizieren), die ihre gesamte Familie im Blick haben müssen, dort einzelne Individuen, die sich als Gruppe organisiert haben. Beide Gruppen haben an diesem Tag Glück, dass wir ausgerechnet bei ihnen in ausgerechnet dieser Stimmung von ihnen und von uns vorbeigekommen sind.

Die drei Familien im Haus haben erkannt (und uns erzählt), dass sie als Gruppe zu groß seien. Beim letzten Game hatten sie ein Smartphone, dass sie zur Notgemeinschaft gemacht hat. Nun haben sie keines mehr. Die 40 Pakistani haben auch kein Smartphone.

Der Vater erzählt es eher resigniert. … Wir haben ein Smartphone dabei und diskutieren. Wir beschließen, jeder Familie einmalig ein Smartphone zu organisieren. Einem Vater geben wir das Smartphone nachdem wir uns von den anderen Vätern haben versichern lassen, dass wir ihnen in zwei Tagen auch je eines vorbeibringen. Der eine Vater mit dem Smartphone kann es kaum glauben und steht mit dem Smartphone in der Hand nur da. Hoffentlich sehen wir nach dem nächsten Game möglichst wenige Familien wieder. Für sie ist es eine Chance mehr. Nur eine Chance.

Den Pakistani würden wir auch gerne Smartphones geben. Die Zahl überfordert uns aber. Wir erklären es, weil wir natürlich gefragt werden. Der am besten englisch sprechende Pakistani gibt einen überraschenden Hinweis. Sie seien gut organisiert und hätten ein System. Wenn sie ein Smartphone besitzen, dann darf es jeder für eine Stunde nutzen und gibt es dann an den Nächsten weiter. Wir versprechen, in zwei Tagen mit einem Smartphone wiederzukommen.

Was wäre passiert, wenn uns die Familienväter bedrängt und gebettelt hätten? Hätten wir dann vielleicht entschieden, nur ein oder kein Smartphone organisieren zu können? Gleiches bei den Pakistani. Wie hätten wir entschieden?

Es ist gut, dass wir nicht spezialisiert sind. Denn dann hätten wir klare Regeln, die unser Leben erleichtern. So haben Katja und ich nur einen groben Leitfaden.

Wir werden den Familien nicht alle vier Tage neue Smartphones kaufen können. Einmal schon. Sie sind vorher irgendwie bis hierher gekommen und sie werden auch nach unserer Anwesenheit Wege suchen müssen. Dieses eine Mal war es einfach nur Glück für sie.