Pain, Beauty and Organising

Uschi:
Unser Plan für den Tag war es, uns aufzuteilen: Lenie blieb zurück in unserer Unterkunft und widmete sich dem Crowd-Funding für den direkten Support von People on the Move und Initiativen vor Ort! Abends konnten wir das sensationelle Ergebnis von insgesamt beinahe 1000 Euro feiern… ein Riesenerfolg! Einiges an Geld haben wir schon an einige „people in move“ weitergegeben und an die wunderbare Koordinatorin der lokalen NGO in Velika Kladusa!
Julia und ich machten uns auf den Weg, zunächst zu einem verlassenen Fabrikgebäude, in dem Flüchtende 2 kleine Unterkünfte haben, die von der NGO „blindspot“ wetterfest gemacht wurden. Wenn man das Gebäude betritt, kann man sich kaum vorstellen, dass da Menschen wohnen können: zerbrochene Fenster, zerbrochenes Dach….. Mein erster Gedanke war: da wollte jemand dieses Gebäude unbedingt unbewohnbar machen. Doch auf der ersten Etage liefen uns 2 kleine Hunde entgegen, ein Zeichen, dass dort doch Menschen wohnen….und richtig, wir fanden zu den beiden verschlossenen Räumen. Es war jedoch niemand da und wir begnügten uns damit, Sticker an die Türen zu kleben und unten an die Fabrikwände die Webadresse von „PBM“ zu sprayen…
Dann machten wir uns auf den Weg zum Warenlager der lokalen NGO, die von einer deutschen Initiative beliefert wird, um einige weitere Männer- und Frauenpullover ,-jacken und -hosen weiterzugeben. Nun sind nur noch die Klamotten für Kleinkinder und Babys im Auto, die hier wenig gebraucht werden, und eine große Tüte Gummistiefel in allen Größen. Erstere werden wir an die ukrainische Grenze mitnehmen, und letztere am Abend an die Initiative „Land of Hope“ übergeben, die (in Zusammenhang mit SOS Bihac) dabei ist, ein Landwirtschaftsprojekt mit Flüchtenden und Einheimischen aufzubauen.
Die lokale Aktivistin in Velika Kladusa arbeitet im „Broterwerbsberuf“ auch noch als Lehrerin. Als ich sie fragte, ob das eine zweite 40-Stunden-Stelle sei, sagte sie: „manchmal mehr…“ Eine junge schmale Frau, der man die Erschöpfung im Gesicht ansah. Wir sprachen nochmal über die Pushback-Map und eine weitere Organisation die in Velika Kladusa nicht nur Duschen anbietet sondern auch hier und in Tusla Essen kocht und ausgibt. Die Koordinatorin dieser anderen NGO schafften wir nicht mehr zu treffen da sie unterwegs ist, aber unsere Ansprechperson nimmt zahlreiche Sticker an sich, die dann bei der Essensausgabe verteilt werden. Es wird interessant werden, ob daraus einige neue Einträge auf der Pushback-Map folgen werden.. Außerdem gaben wir der Koordinatorin Geld für eine junge Frau on the move in Tusla, deren Baby aufgrund einer Allergie spezielle Babynahrung benötigt.
Anschließend ein Einkauf in einem Supermarkt: Wasser und einige Kleinigkeiten, die wir an die Gruppe von jungen Pakistani weitergeben wollten: Tee, Zucker, einige Snacks.
Dabei fiel uns ein junger Mann mit einem strahlend-warmen Lächeln auf, der uns an der Kasse den Vortritt lassen wollte. Offensichtlich aus Westafrika kommend.
Auf einer Wiese vor dem Supermarkt saß er mit seinen Einkäufen: einer Packung Kekse und einer Tüte Saft. Ich ging zu ihm, um ihm einen Sticker zu geben – er hörte gerade Musik und schaute in die Sonne….Wir fanden heraus, dass wir uns am besten auf Französische unterhalten konnten – er stammt aus dem Senegal und ist am Tag zuvor von einem Push-back wiedergekommen. Er berichtete, dass er in einer Gruppe von 5 jungen Männern von Sarajevo aus losgezogen sei : aus Kamerun, Mali, Ruanda und dem Senegal stammend. Nun sei er neu in Velika Kladusa.
Er hörte Musik von einem Smarttphone, also fragte ich ihn, wie es käme, dass er nun doch ein Smartphone habe. Er habe es von einem Kumpel aus Kamerun im Camp geliehen. Er sei so traurig und müsse alleine sein und Musik hören…und dabei immer dieses warme Lächeln, kein verbitterter Gesichtsausdruck… Er sei traurig, dass es nicht geklappt habe – er würde es natürlich wieder versuchen, sobald er heile Schuhe habe. (wir konnten ihn mit „no name kitchen“ verknüpfen, die auch Kleidung verteilen.)
Viele Männer aus Westafrika würden mit billigen Flügen in die Türkei fliegen und dann den Weg nach Griechenland antreten, entweder zu Fuß oder mit dem Boot. Er wählte den letzten Weg und das Boot kam auch heile in Mytelini (Insel Lesbos) an. Dort war er 7 Monate im Camp Moria, bis es ihm gelang, aufs Festland zu kommen und den Weg weiter durch Griechenland bis nach Bosnien zu nehmen – meist zu Fuß… Eine Weile sei er im Camp in Sarajevo gewesen und dann einen Tag vor dem Pushback nach Velika Kladusa gekommen. Ein Freund wohne in Deutschland und habe da Arbeit, er wolle zu ihm, egal wie lange es dauert. Sein Vater ist Moslem, seine Mutter Christin. Er wolle Christ sein und das ist im fundamentalistischer werdenden Umfeld ein Problem. Außerdem will er eine gute Arbeit finden, die gäbe es im Senegal nicht – und so ging es allen seinen Freunden aus den verschiedenen Ländern auch. Nun sei er eben traurig, aber das Leben gehe weiter – und so Gott wolle werde er es schaffen. Er hatte von einem alten Mann ein wenig Geld bekommen für die Kekse und den Saft, wir gaben ihm noch einmal ein wenig Geld – denn die Seele braucht manchmal ein paar Süßigkeiten und verabschiedeten uns gegenseitig mit „god bless you“.
Weiter ging es zu der verlassenen Datsche, in der 5 junge Männer aus Pakistan ihre Unterkunft haben. Davon wird Julia nun berichten:

Julia:
Die Datsche, oder das „Pakistani White House“, wie die Unterstützer*innen es nennen, finden wir erst im Abendlicht wieder. Wir geben die Tüte mit den „Teatime-Zutaten“ ab, und nochmal etwas Geld für den Einkauf von Nahrungsmitteln. Heute sind sieben Männer da, ein paar tragen die Jacken, die wir letztes Mal mitgebracht hatten. Auch sie erzählen von ihrer langen Flucht, über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan. Sie wollen nach Italien, die 20 Tage Fußmarsch durch Kroatien und Slowenien, haben es schon mehrfach probiert. „Nächstes Mal ist das letzte Mal“ sagt einer lachend. Wir denken traurig daran, wie wenige Chancen sie in Italien oder Deutschland haben werden… Wir hinterlassen nochmal die Infos zur Pushback-Map an den Wänden, und verabschieden uns. Als wir gehen, streckt uns ein Mann mit ganz feinen Gesichtszügen zwei der Schokocroissants entgegen, die wir mitgebracht hatten. Er, wie so viele andere, hält seine Würde Tag für Tag unter widrigsten Umständen aufrecht, in diesem Moment indem er an der Gastfreundschaft seiner Kultur und dem Prinzip des Teilens festhält, das wir in unserer Kultur so schlecht geübt sind. Nach einem Zögern nehmen wir eines der Schokocroissants an um es unter uns zu teilen. Manche Begegnungen werden einem lange in Erinnerung bleiben. Für mich war die Begegnung mit diesem jungen Mann so eine.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 2022 von Julia. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

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