„…das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.“

Julia:
Am Mittwoch wollten wir eigentlich von Osjek in Kroatien aus noch verschiedene Punkte in Nordserbien an der ungarischen Grenze anfahren, um Aufkleber zu verteilen etc. Aber an der serbischen Grenze werden die Fahrzeugpapiere verlangt – sie sich beim besten Willen und langem Suchen nicht finden lassen. Wir versuchen es nochmal beim nächsten Grenzübergang – wieder wird nach den Fahrzeugpapieren gefragt. Mist. Wir fühlen uns ausgebremst und unzufrieden. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, schon am nächsten Tag an die ukrainische Grenze zu fahren und von dort zurück. Immerhin erklärt sich ein Internationaler in der Region, die Sticker zu verteilen und gibt mir eine Postadresse. Hartnäckig wie wir sind, verlängern wir zudem unsere Reise kurzfristig um einen Tag, um am nächsten Tag zu Fuß von Ungarn aus nach Serbien zu gelangen. Vor dem Grenzübergang bei der Kleinstadt Horgos lassen wir das Auto stehen und spazieren über die Grenze, die von einem mehreren Meter hohen Natodraht-Zaun markiert wird. Bereits kurz hinter der Grenze stehen auf der rechten Seite verfallene Häuser aus Tagen Jugoslawiens. Zwischen den Gebäuden sehen wir Menschen herumlaufen, die leicht als Flüchtende zu erkennen sind. Wir gehen erstmal weiter in Richtung Dorf, um uns umzusehen.
Auf dem Weg treffen wir zwei Algerier einen Marrokaner, und sprechen sie an. Der Marokkaner spricht gut Englisch. Wir fragen ihn, warum sie hier und nicht an der bosnisch-kroatischen Grenze seien – da wir die ungarische Polizei für berüchtigt halten und in Ungarn mehr Rassismus vermuten. Er sagt, er sei 3 Jahre an der bosnisch-kroatischen Grenze gewesen und habe es nicht geschafft. Da sei er bei Nacht und Nebel einfach über eine Grenze nach Serbien spaziert (einfacher, als es für uns mit dem Auto gewesen war), denn er glaubt dass es letztlich hier leichter sei. Mit 20 habe er sein Zuhause in Agadir verlassen, jetzt sei er 26 – 6 Jahre habe er verloren. Wenn er gewußt hätte, was passieren würde, wäre er nicht gegangen. Er wolle nur eine Chance. „Bin ich denn kein Mensch?“ fragt er, „Ebenso wie die Menschen aus der Ukraine?“ Er hat in Marokko Wirtschaft und Jura studiert, und spricht neben Arabisch, Tamazight („Berberisch“), Englisch, Französisch und Serbokroatisch. Einer der Algerier ist Klempner – ein in Deutschland sehr gefragter Beruf. Und doch hat er wegen unerlaubten Grenzübertritts 3 Monate im Gefängnis in Österreich gesessen und ist dann zurück nach Serbien abgeschoben worden. An der ungarischen Grenze sind neben ungarischer auch tschechische Polizei und manchmal auch österreichische Polizei bei den Push-Backs beteiligt. „Borders mean nothing to me“ sagt der Marokkaner.

Uschi:
Sie sind mit dem Flugzeug in die Türkei gekommen, wie auch viele der Männer aus Westafrika. Gefragt, ob die Route von Marokko nach Spanien wegen der Nähe nicht einfacher sei, meinten sie, die sei sehr gefährlich, es gebe sehr viele Tote dort. Aus meiner Arbeit von einigen Jahren in Syke, wo auch viele Westafrikaner im Wohnprojekt lebten, weiss ich von Erzählungen, dass der Grenzzaun von Ceuta nur mit hohem Risiko zu überwinden ist. Etliche der jungen Männer dort berichteten von gezielten Schüssen der marokkansichen Soldaten auf Menschen, die den Zaun zu überwinden versuchten. Es gibt dort keinen Schutz vor gezielten Schüssen! Die Ostafrikaner*innen können sich wiederum oft die Flüge in die Türkei nicht leisten, und gehen über Ägypten nach Libyen und dann die riskante Route übers Mittelmeer.
Die drei jungen Männer hier gingen zu Fuss von der Türkei nach Griechenland… auch dort wurden sie mehrfach zurück-ge“pusht“. Einer sagt: „An der ungarischen Grenze wird nur geprügelt, an der griechischen werden die Knochen gebrochen“. Sie berichteten von Haft in Bulgarien („wir wussten gar nicht, was passierte und wieso, es gab keine Übersetzter, wir wurden eingesperrt und nach einigen Wochen wieder entlassen und fortgejagt…“). Auch die Grenze von Serbien nach Ungarn war bislang unüberwindbar für die drei, der eine junge Mann hat ein verletztes Bein und geht mit Krücke – seit dem letzten „Game“ in der letzten Nacht. Er meinte, manchmal versuchten grosse Gruppen von bis zu 40 jungen Männern den Grenzzaun zu überwinden – dann schaffen es vielleicht 20, während die anderen durch Schläge und Tritte vom Zaun gezogen und zurückgejagt würden. Sein Vater, mittlerweile 80 Jahre alt, habe 10 Jahre in Frankfurt gearbeitet und sei dann zurückgekommen, aus Sehnsucht nach der Heimat.Er habe ihn dann „auf den Weg“ geschickt, um ein besseres Leben als in Algerien zu haben , und versuche, ihm jeden Monat etwa 60 Euro zu schicken. Damit und von der Unterstützung von einer internationalen NGO hier, die zweimal in der Woche in der Unterkunft etwas Essen und Wasser verteilen, müsse er überleben. Er lebe mit dem Marokkaner und dem algerischen Kumpel in einem verlassenen Haus ohne Strom und Wasser…..

Julia:
Der Marokkaner erklärt, dass es am Ort einen Chinesen gibt, in dessen Laden sie ihre Power Banks aufladen können. Währenddessen würden sie einen Kaffee trinken und spazierengehen. Wir wollen auch gern einen Kaffee trinken gehen und eine Toilette benutzen, und fragen ihn, wo das geht. Er erklärt, dass es zwei Cafe’s gäbe: Im einen – einer Art Sport-Bar & Spielhölle mit einem einzigen Mann an einem einarmigen Banditen – dürften sie nur Coffee To Go holen, aber nicht drinnen sitzen. Und da die Verkäuferin dort keine Becher hätte, müßten sie sich jedes Mal einzelne Plastikbecher im kleinen Supermarkt am Dorfplatz kaufen. Aber das sei noch das „bessere“ Cafe, denn der Besitzer des anderen sei so rassistisch, dass sie garnicht rein dürften. Er würde es uns dennoch empfehlen. Wir sind geschockt. Keinesfalls wollen wir dort in einem der Cafe’s sitzen! Wir gehen also in den Supermarkt, kaufen uns ebenfalls Plastikbecher sowie Kekse, und spazieren in das Sport-Cafe. Die Bar-Frau bedeutet uns herzlich, uns hinzusetzen. Wir nehmen unseren Kaffee in den Bechern mit nach draußen und setzen uns auf den Dorfplatz, unter den wachsamen Augen des uniformierten „Dorfplatzaufpassers“. Dennoch schaffen wir es, den einen oder anderen Sticker im Dorf zu hinterlassen. Etwas weiter in einer Seitenstraße finden wieder die Nordafrikaner von vorhin wieder, und geben ihnen die Kekse und restlichen Becher für ihre nächste „Kaffee- und Powerbank-Auflade-Tour“. Einen verfallenen Hof in der Gegend finden wir leider nicht, trotz langem Spaziergang bei dem uns aus jedem Hausgarten ein anderer Hund anbellt.

Uschi:
Auf dem Weg zurück zur Grenze begegnen wir dann einer weiteren Gruppe jungen Männer aus Marokko und Tunesien.
Wir erzählen ihnen von der push-back-map und verteilen Sticker und Tüten mit Obst und Snacks, ausserdem etwas Geld. Uns ist klar, dass ihnen all das nicht wirklich hilft und versuchen, unsere Geldgeschenke nicht allzusehr als „charity-act“ erscheinen zu lassen… „Macht Euch morgen einen schönen Nachmittag…“ Die Überraschung, angesprochen zu werden, ist offensichtlich, Freude ist zu sehen, es werden Fotos gemacht und ich werde gebeten, etwas für einen you-tube-Film zu sagen, den einer der jungen Männer online stellen will, sobald er an seinem Ziel Niederlande angekommen ist. Alle sind schon jahrelang unterwegs, alle haben schlimme Erlebnisse gehabt bei pushbacks….auch in dieser Gruppe hat ein junger Mann ein verletztes Bein und ein anderer a blau-violette Flecken unter den Augen von Schlägen… Sie wollen auf der Pushback-Map darüber schreiben und auch Sticker an die anderen in der Unterkunft verteilen. Einer von ihnen ist von der dem König verfreindeten Ethnie in Marokko, ein anderer ist Atheist. Alle haben so viele Träume, so viel Hoffnung , dass es klappen wird mit dem Überwinden der noch kommenden Grenzen, dass sie am Ziel ankommen werden. Wir können nur sagen: „Inschallah- wir wünschen Euch von Herzen, dass es gelingen wird“
Mir steckt der Hals voller Tränen: soviele Träume, soviele Hoffnungen, soviel erlebtes Leid. Als Mutter zweier erwachsenener Söhne sehe ich immer wieder die eigenen Kinder in der Notwendigkeit, aufbrechen zu müssen, um eine Zukunftsperspektive zu haben. Die Vorstellung, sie losziehen zu lassen auf einen Weg von 2,3 oder mehr Jahren ist unfassbar und unerträglich…..Und andererseits: welche eine Kraft diese jungen Menschen haben – natürlich auch Verzweiflung, aber auch viel Kraft – um diesen Weg auszuhalten, immer wieder Anläufe zu nehmen…Was könnte man alles mit dieser „gebündelten Kraft“ schaffen……!
Und immer wieder, wenn ich an die Flüchtenden denke, die zwischen Polen und Belaruss stecken, die unter Lebensgefahr den Weg über das Mittelmeer wagen, die über die türkisch-griechische Grenze laufen, aber auch die, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten in Flüchtlingscamps stecken, ohne grosse Hoffnungen auf Veränderung…muss ich an etwas denken, das mir ein Mann im Libanon gesagt hat: „Ihr akzeptiert uns nur als Flüchtende, wenn wir fast vor Euren Augen in Gefahr sind, erschossen zu werden….wenn wir verhungern oder erfrieren, sind wir nicht erwünscht, dann sind wir „Wirtschaftsflüchtlinge““…
Es ist kaum zu ertragen, dass wir die Grenze als freie Menschen einfach so überqueren dürfen, dass wir wissen, in der Heimat leben wir in Sicherheit und Komfort……wir können nur hoffen, dass wir den jungen Menschen, die wir getroffen haben, haben vermitteln können, dass wir beiden die politischen Verhältnisse nicht akzeptieren, und ich hoffe, dass wir ein ganz kleines bisschen Wärme zeigen konnten.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 2022 von Julia. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

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