Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine – die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag

Julia:
Heute geht es für uns um die Situation in Bosnien-Herzegovina bzw. auf dem Westlichen Balkan selbst, da wir Treffen mit Personen haben, die hier u.a. im Bereich Konflikttransformation tätig sind.
Zuerst fahren wir nach Banja Luka in der Republika Srbska. Auf dem Weg fällt uns auf, dass die Flaggen, die man immer wieder sieht, nicht mehr die gelb-blauen der Föderation Bosnien und Herzegovina sind, sondern das Rot-Blau-Weiß der Republika Srbska, die 49% des Staatsgebietes von Bosnien-Herzegovina ausmacht (die Farbkombination findet sich auch in den Flaggen Serbiens, Kroatiens und Russlands). Wir treffen uns vor der Ferhadija- Moschee aus dem 16. Jahrhundert, die während des Krieges zerstört und danach wieder aufgebaut wurde. Innerhalb von eineinhalb Monaten wurden zu Anfang des Krieges alle 18 Moscheen und 4 katholische (kroatische) Kirchen in Banja Luka zerstört. Bei Grundsteinlegung zum Wiederaufbau 2001 gab es Ausschreitungen von Serben, bei denen ein Mann ums Leben kam. Wie schnell es geht, zu zerstören, und wie lange, wiederaufzubauen und die Wunden – individuell und gesellschaftlich – wieder zu heilen!

In einem Cafe treffen wir zwei Trainer*innen für gewaltfreie Kommunikation, die Workshops für Lehrerinnen in entlegenen Gebieten des Landes anbieten. Sie erzählen, dass die Lehrkräfte die ersten Tage mit verschränkten Armen da sitzen, und es einiges an Durchhaltevermögen braucht, aber dass sie dann „auftauen“ und dann ein gemeinsamer Austausch und voneinander Lernen möglich ist. Früher hätten sie auch in der Republika Srbska Workshops angeboten, aber dafür hätten sie keine Genehmigung mehr. Als das Gespräch politischer wird, bittet die Frau ihren Kollegen, die Stimme zu senken. Hinter uns hat ein schwarzer Wagen angehalten mit einem unsympatischen Mann, der sich an den Nebentisch setzt. Höchstwahrscheinlich eine Art Zivilpolizist. Die beiden erzählen uns, wie sie die vielschichtige Krisendynamik der letzten Jahre erleben: Die Pandemie, die mit den Ausgangssperren etc Erinnerungen an die Kriegszeit wieder hochholte, die Wirtschaftskrise, und die zunehmenden Spannungen durch die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Republika Srbska, insbesondere angeheizt von Milorad Dodik und seiner Partei SNSD, die von Serbien, Russland, und auch von ungarischen Akteuren unterstützt wird. Der Krieg in der Ukraine hat auch hier eine Gewalteskalation wiederum wahrscheinlicher gemacht. Unsere Gesprächspartner*innen begrüßen, dass Annalena Baerbock vergangene Woche in Sarajevo war und dort u.a. den Termin für die Wahlen im Oktober bekräftigt hat. Außerdem sagen sie, dass die NATO sich auch hier klar positionieren sollte. Das hören wir an dem Tag mehrfach, da Putin ein „Bully“ sei der sich nicht irgendwann zufriedengeben würde, wenn man ihn nicht stoppt. Die aktiven pro-demokratischen Kräfte auf allen Seiten sind klein, und obwohl sie sich mit ihnen identifizieren, übersteigt es ihre Kräfte, sich in dem Bereich zu engagieren, sagen sie. Auch von der mangelnden Aufarbeitung des Krieges hören wir an diesem Tag häufiger. Wobei es in der Republika Srbska keine Kampfhandlungen gegeben habe, sondern „nur“ ethnische Säuberungen.

Uschi & Julia:
Im Norden der Republika Srbska treffen wir zwei bosnische Frauen von einer lokalen NGO, die während des Krieges nach Deutschland flüchten mussten, und dort auf „Duldung“ für einige Jahre lebten. Sie sprechen beide noch hervorragendes Deutsch, obwohl sie bereits seit über 20 Jahren wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt sind. Sie erzählen, wie schwierig diese Rückkehr war: Die neuen serbischen Bewohner*innen ihrer Häuser hatten ihnen zwar zunächst zugesagt dass sie die Häuser bei der Rückkehr räumen würden, was dann aber nicht geschah. Die beiden Frauen lebten zunächst provisorisch in Sichtweite ihrer Familienhäuser, und mussten jahrelange Klagen anstrengen, bis dann später ein Gesetz die Rückgabe regelte. Beide haben noch Familienmitglieder in Deutschland, wo die zweite Generation jetzt fester verwurzelt ist. In den Häusern der vorwiegend bosnischen Nachbarschaft der einen Frau sind oft die Rolläden unten und Fenster vernagelt. Sie kommentiert, wo deren Besitzerinnen leben und in welchem Haus noch eine einzelne alte Person lebt. Umso wichtiger, dass ihre NGO eine Altenbegegnungsstätte und einen Pflegedienst organisieren. Diese Angebote sind für alle, egal ob bosnisch, serbisch, kroatisch oder anderer Herkunft.
Außerdem organisieren sie internationale Jugendbegegnungen und eine Frauengruppe. Am Frauentag haben sie eine Aktion gemacht, bei der auch das Thema Frieden vorsichtig eingestreut wurde – aber auch das Thema häusliche Gewalt, das seit der Pandemie auch hier verstärkt auftritt. Ihrer Erfahrung nach haben die Frauen bei der Rückkehr viel der Organisation geleistet und seitdem auch eine stärkere Position in den Familien eingenommen. Ihren hartnäckigen Protesten ist es wohl auch mitzuverdanken, dass der Grenzübergang über den Fluss nach Kroatien nach einigen Jahren wieder geöffnet wurde. Zudem setzen sie sich für interreligiösen Dialog ein. Bei einer Jugendbegegnung sollten die jungen Menschen gegenseitig die Religionshäuser besuchen. Die Besuche bei der (kroatischen) katholischen Kirche und der serbisch-orthodoxen Kirche war das kein Problem, aber als die serbischen Jugendlichen die Moschee besuchen sollten, wurde das verhindert – mit dem Vorwurf sie sollten da „zu Türken gemacht werden“.
Uns wird deutlich, wie wenig der Konflikt hier aufgearbeitet wurde, und wie gefährlich das letztlich ist. Bei einem ehemaligen Internierungslager in dem bosnische Menschen gefangen waren, gibt es heute keinerlei Erinnerung an die bosnischen Opfer, aber ein Denkmal für die serbischen. An den Wänden sind serbische „Kriegshelden“ aufgesprüht.
Wir gehen am Ufer der Una spazieren, die hier den Grenzfluss bildet und ruhig durch die Ebene fließt im Gegensatz zu in den Bergen Westbosniens. Auf der anderen Seite „winkt“ Kroatien. Ich wundere mich, warum von Flüchtenden weit und breit nichts zu sehen ist, wo der „Traum“ Europa doch so greifbar nahe liegt. Wir erfahren, dass es hin und wieder Versuche gegeben habe, den Fluß zu überqueren, aber es sei kaum machbar. Zwar fließt die Una so friedlich dahin und viele Menschen planschen im Sommer hier im Wasser, aber um den Fluß schwimmend zu durchqueren müsse man schon gut mit den Strömungen vertraut sein. Auf der anderen Seite, für uns unsichtbar aber dennoch präsent, patroullieren kroatische Polizeistreifen, und da das andere Ufer kaum bewaldet ist, wird es kaum möglich sein, ihnen zu entkommen. Wir fühlen uns an die Fluchgeschichten über die Elbe im Wendland erinnert.
In unseren Gesprächen kommen wir zu dem Punkt, wie wichtig es ist, Kriegs- und Verteibungserfahrungen aufzuschreiben – sei es zur eigenen Verarbeitung oder zur Erinnerung für die Nachwelt! Aufschreiben oder erzählen in akzeptierender Runde kann so wichtig sein für seelische Gesundung… Unsere Gastgeberin erzählt, dass sie und die anderen Teilnehmenden bei einem Kurs zu Konflikttransformation eine lange Einzelmeditation machen sollten. Sie merkte, dass ihr das überhaupt nicht gut tat, da dabei viele traumatische Bilder hochkamen. Für viele Jahre war das für sie nicht möglich und sinnvoll, sich dem auszusetzen, da sie versuchen musste, ihre Kräfte zum Weiterleben zusammenzuhalten. Sie und andere Teilnehmende mit Kriegserfahrung sind daher lieber zusammen spazierengegangen. Für andere ist es vielleicht Musik, oder Yoga, oder Kickboxen, was im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen Ventile und Linderungsschritte bieten kann.
In noch weiteren Begegnungen beschäftigen uns diese Themen. So hat eine Frau, die wir treffen, den Krieg in der Familie, mit einer kroatischen Mutter und einem serbischen, stark gewalttätigen Vater. Die Familie des Vaters hat die kroatische Mutter nie akzeptiert. Sie sagt, dass es letztlich nicht möglich ist, wirklich Frieden zu schließen und gesund zu werden, wenn man nur „über die Konflikte hinweggeht“ – man muss hineingehen um sie bearbeitbar zu machen. Aber das braucht auch immer wieder einen guten Rahmen und Unterstützung, auch wenn man manche Schritte – wie zum Beispiel sich letztlich von einem gewalttätigen Partner zu lösen – nur selbst machen kann. Und „Bullies“ wie Putin, Trump oder anderen toxischen Männer kann man nicht das Feld überlassen – auch nicht im eigenen Herzen. Sie beschäftigt sich mit „Acceptance and Commitment Therapy“ (ACT), die u.a. auf eine Verankerung in und Umsetzung der eigenen Werte fokussiert – ein sehr spannender Ansatz. Uschi zitiert den Dalai Lama, der einmal auf die Frage sagte, ob er die Chinesen hasse: „Nein, denn jeder Chinese war auch einmal ein kleines unschuldiges Baby“.

Am folgenden Tag sprechen wir mit einer serbischen Aktivistin, der die Traumadynamiken auf der bosnischen Seite, und die aktuellen Kriegsängste, auch sehr bewusst sind. Sie kennt gleichzeitig auch die Annahmen, dass sie als Serbin eine bestimmte Einstellung oder Mitschuld hätte, obwohl sie seit vielen Jahren aktiv in eine andere Richtung ist. Ähnliches erkennt sie jetzt in der Behandlung von Russ*innen, die zum Beispiel im Westen ihre Jobs verlieren oder anderweitig rassistisch behandelt werden. Wir sind uns einig, dass die russische Zivilbevölkerung eine der wichtigsten Akteur*innen ist um die Kriegspolitik Putins zu stoppen. Und natürlich, dass alle flüchtenden Menschen dasselbe Recht haben, und es keine Flüchtenden erster und zweiter Klasse geben darf. Wir überlegen, ob diese Rassismus-Thematik im Moment ein guter Anker ist, um politische Kampagnenarbeit zu machen. Denn wenn es darum geht, was wir weiter tun können bezüglich der Pushbacks, ist sie desillusioniert, was das Adressieren offizieller Institutionen angeht – die Rechtsbrüche sind so bekannt, so verankert, geschehen seit so langer Zeit… Bei der unterschiedlichen Behandlung von Flüchtenden aus der Ukraine wird dieser Rassismus – der auch in Zusammenhang steht mit Kolonialgeschichte etc – vielen Menschen deutlich – und somit vielleicht mehr bearbeitbar. Dabei ist für sie – soweit wir verstanden haben – echte solidarische Aktion, wenn man dabei auf die eigenen Privilegien verzichtet. Konkrete Aktionsansätze wollen wir in der nächsten Zeit online diskutieren.

Nachdem wir Lenie auf einem Bahnhof irgendwo im Nirgendwo gebracht haben, da sie über Zagreb zurück in die Niederlande reist, fällt uns abends in der Unterkunft das Abschalten schwer. Zu sehr sind wir in Gedanken bei den gehörten Geschichten, versuchen nachzuvollziehen wie es sich anfühlt auf der Flucht zu sein, in den verschiedenen Phasen der Flucht, des Ankommens, des Zurücklassens, des Zurückkehrens. Wir könnten alle ein Buch schreiben, sagte unsere Gastgeberin. Und dennoch schweigen so viele über das was sie erlebt haben, hören wir diese Geschichten so selten, oder hören wir nur nicht zu? Warum findet Aufarbeitung – individuell und kollektiv – nicht immer, und wenn dann oft so spät statt?

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 2022 von Julia. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

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