Reisen zur anderen Seite

Julia:
Anders als erwartet hat unsere gemeinsame „Aktionszeit“ begonnen.
Als wir die Reise planten (und den Ankündigungsnewsletter schrieben), hatte Putin die Invasion in die Ukraine noch nicht gestartet (Krieg war in der Ostukraine ja schon vorher gewesen). Und obwohl Krieg die Erfahrung von so vielen Menschen weltweit ist, und ich ihm physisch immer wieder genauso nahe oder näher war als jetzt, fühlt sich dieser anders an. Das Gefühl der Fassungslosigkeit gegenüber so viel sinnlosem Leid und Zerstörung ist zwar gleich. Anders ist, dass jetzt die realistische Gefahr eines „Dritten Weltkriegs“ mit Atomwaffen in der Luft liegt. Ich fühle mich persönlich bedroht und erpresst. Dazu die Aufrüstung der Bundesregierung, die Stärkung der neuen Rechten in so vielen Ländern, die noch nicht überwundenen gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, und die so übermächtige und gut verdrängte Dringlichkeit der global gerechten industriellen Abrüstung angesichts der Klima- und Artenkrise – – es fühlt sich jeden Tag so an, als ob ich hinterher-hinke in der Analyse was das alles bedeutet, wie es zusammenhängt, und welche Handlungsstrategien – kollektiv und individuell – sinnvoll und Priorität sind…
Und dann reduziert sich der Blick wieder auf einzelne Menschen, einzelne Schicksale derer, die jetzt fliehen, die Verlust und Tod begegnen, die in Zwangslagen sind, die trotzem Mut und Menschlichkeit zeigen, auf allen Seiten. Alles, was zur Zeit mein „normaler Alltag“ ist in meinem zumeist extrem privilegierten Umfeld, fühlt sich wie Zeitverschwendung an. Ich will solidarisch handeln und bin froh, ohnehin erstmal mit unserem Aktionsplan einen konkreten Fokus auf das Thema Flucht zu haben. Zwischen Ungeduld und „Ruhe vor dem Sturm“ fahre ich langsam hoch in den Aktionsmodus, den ich selbstverordnet die letzten eineinhalb Jahre pausiert habe. Höchste Zeit ihn zu reaktivieren!
Etwa eine Woche vor geplantem Reisebeginn diskutieren Uschi und ich, was angesichts der neuen Entwicklungen zu tun ist: Sollen wir anstatt dem urspünglich geplanten PushBack-Mapping und Verbreitung der Online-Plattform in Bosnien nun doch lieber an die ukrainische Grenze fahren und fliehende Menschen ohne ukrainischen Pass abholen, die auf ihrer Flucht zusätzlich Rassismus ausgesetzt sind? Das Ergebnis: Wir wollen an der Bosnienreise festhalten, denn wir denken dass es in der nächsten Zeit weniger Unterstützung und weniger politischen Fokus auf der Situation Flüchtender und von Push-Backs Betroffener auf der Balkanroute geben wird, speziell in Bosnien-Herzegovina, einem Land das selbst immer instabiler wird und wo Kriegsgefahr herrscht.. Falls es dann noch sinnvoll ist, wollen wir auf dem „Rückweg“ an die ukrainische Grenze, um mehrfachdiskriminierte fliehende Menschen abzuholen. Und Uschi fährt vorab mit zwei Sudanes*innen einem weiteren deutschen schon eine erste Abhol-Tour an die ukrainische Grenze. Ich begleite digital, auch eine andere Gruppe sudanesischer Studierender aus der Ukraine, die zeitgleich und komplett übernächtigt mit dem Zug in Deutschland ankommen – wo sie weitere 24h mit minimaler Schlafmöglichkeit an verschiedenen bürokratischen Stationen feststecken, und direkt und ohne jegliche behördliche Erklärungen einen Fragebogen ausfüllen müssen, ob sie Asyl beantragen wollen oder nicht.
Als Uschi sich dann auf dem Weg aus dem Wendland zu mir nach Süddeutschland schlapp fühlt und einen Covid-Test macht, ist dieser positiv. Bei ihrer Ankunft erstmal Krisensitzung mit Maske 🙁 Schließlich entscheiden wir, dass ich zunächst alleine losfahre, ab Zagreb dann mit einer weiteren Bekannten aus Holland weiterreise und unsere Aktivitäten beginne, bis Uschi mit dem Zug nachkommt.
Das Auto ist gut gefüllt mit Flyern, Stickern, Kleidung, Babytragen, Schlafsäcken, Verbandszeug, Power-Banks… Auf der Autobahn Richtung Zagreb spielt das Radio REM: „It’s the End of the World as We Know It“. But I don’t feel fine.

Uschi:
Am Sonntag, den 6.3. ist Julia nun endlich losgefahren Richtung Bosnien.
Ich bin durch Corona erstmal ausgebremst worden und werde nachreisen.
Was ich in der letzten Woche, durch das Abholen von jungen afrikanischen Flüchtenden an der polnisch-ukraininschen Grenze, von denen gehört habe – und auch drei Wochen davor von einem jungen Mann, der aus dem Wald zwischen Polen und Belarus flüchten konnte – lässt das klare Aushebeln der Menschenrechte erkennen…..
Dass an der polnisch-belarussischen Grenze Push-Backs stattfinden, ist nicht neu. Auch dort haben viele Geflüchtete es bis zu 15 Mal versucht, eine dieser Grenzen zu überschreiten. Sie wurden bei Minustemperaturen in eiskalten Gewässer gejagt, ihnen wurden Schlafsäcke, Kleidung, Handys weggenommen, sie hätten durch die Hilfe von unermüdlichen polnischen Hilfsgruppen nicht überlebt. Aber was da geschah, ist das In Kauf Nehmen von Tod vonseiten des Militärs und der Polizei. Fällt es schon unter die Definition von Mord?
Wer in die geschlossenen Camps auf polnischer Seite kam, sitzt mitunter monatelang fest, ohne eine Information zu bekommen, wie er oder sie weiter vorgehen kann. Ein Pflicht-Anwalt auf 100 Menschen – kein unabhängiger Anwalt (das Recht auf freie Anwaltwahl wird ausgehebelt..), nur ein Arzt kommt ins Camp ( kein Recht auf freie Arztwahl, keine weibliche Ärztin für die Frauen, kein Zugang zu gynäkologischer Versorgung), kein „Freizeitangebot“ für die Kinder zum „Kindsein“ .. spielen können, etwas Freude haben können. Kein Ausgang, keine Bewegungsfreiheit. Keine eigene Entscheidung des Essens……. Ist der Vergleich zu den libyschen Camps noch sehr herbeigeholt?
An der Grenze Polen-Ukraine erlebten die jungen Menschen, die wir abgeholt haben, dass sie im Vergleich zu Ukrainer*innen extrem langsam abgefertigt wurden – manche warteten mehrere Tage. Manche berichteten davon, von morgens 7 Uhr bis abends 20 Uhr in einer Schlange am Abfertigungsschalter gestanden zu haben. Sie wurden dabei von den Grenzern beobachtet……wer aus der Schlange herausging, hatte von deren Seite aus seinen Platz in der Schlange verloren (ausser er oder sie ging kurz beiseite, um einem menschlichen Bedürfnis nachzukommen). Sie hatten nicht ausreichende Kleidung, um in der Kälte ruhig zu stehen – einer der jungen Studierenden bekam Erfrierungen an den Füssen. Ob die Langsamkeit nun aufseiten der ukrainischen oder der polnischen Seite stattfand, liess sich nicht immer herausfinden. Aber die Schikane war da…… Ein Verzögerungs-„Push-Back“ auf psychischer Ebene, oder wie soll man das nennen? Andere erzählten auch von Schlägen im Verlauf der Flucht; es wird noch viel Aufzuarbeiten geben.
Nun kamen gestern Nachrichten von Militärbewegungen aus Bosnien. Die EUFOR erhöht ihre Personalstärke und Alarmbereitschaft, und macht Manöverübungen. Was geschieht in Zukunft mit den Flüchtenden auf der Balkanroute?
Werden die Menschen, die immer noch in den polnisch-belarussischen Wäldern ausharren, irgendwann „geräumt“ und interniert, weil die Soldaten, die dort die Grenze bewachen, anderenorts eingesetzt werden sollen?
Das sind so die Gedanken einer, die „ausgebremst“ wurde und auf dem Sofa verharren muss…….

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 2022 von Julia. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

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