Abstand und neue Pläne

Wir nutzen die Zwischenzeit im Süden Deutschlands um unsere Erfahrungen sacken zu lassen und unseren Einsatz für uns auszuwerten. Auch hier sind wir wieder in einer Grenzregion unterwegs, die tschechische grüne Grenze ist in Sichtweite.

Auf einer Wanderung begegnet uns der „Leuchtturm der Menschlichkeit“ mitten im Wald. In mühevoller Schwerstarbeit wurden ca. 10 Tonnen Steine vermauert, die aus den verschiedensten Gegenden und Ländern der Welt stammen. In westlicher Richtung wurden 4 handgegossene Glaselemente eingesetzt, die mittels Solartechnik nachts leuchten. So senden, neben einer Weltscheibe – ein islamischer Halbmond, ein christliches Kreuz und ein Davidstern – Lichtsignale in die Welt, um die Menschen zu mehr Frieden und Verständnis untereinander aufzurufen.

Leuchtturm der Menschlichkeit

Insbesondere die Weltscheibe ist das Symbol, dass vielleicht am Besten beschreibt, warum wir diese Zeit in Bosnien verbracht haben: Wir leben gemeinsam auf dieser Erde und die Augen zu verschließen macht aus Gründen der eigenen Psychohygiene Sinn. Genauso kann es aber auch Sinn machen, die Augen zu öffnen und das Leid anderer Menschen anzusehen, es wahrzunehmen, sich davon berühren zu lassen und zumindest kleinste Zeichen der Solidarität zu geben.

Wir hoffen, dass es auf dem langen Weg der People on the move, bei manchen schon fünf Jahre, immer wieder Menschen gibt, die Kraft spenden, die tatkräftig unterstützen, die den Weg für ein paar Tage leichter machen. Und besonders hoffen wir, dass die von uns unterstützten Menschen (und naütrlich alle anderen auch) in ihren Zielländern solidarische Leute finden, die Dublin II (Abschiebung in das erste Land, in dem jemensch registriert wurde) erklären und gemeinsam Lösungen für ein Bleiberecht finden.

Unser Einsatz war nur möglich dank der Unterstützung durch euch. Ohne euer Geld oder auch Sachspenden wäre diese Fahrt nicht zustande gekommen. Wir möchten uns dafür ganz herzlich bedanken und wissen das sehr zu schätzen. Es ist schon toll, wenn innerhalb von ein paar Wochen mehrere tausend Euro zusammen kommen und ihr damit signalisiert, dass auch ihr mit uns die Situation an den EU-Außengrenzen für unerträglich haltet.

Bosnischer Blumenstrauß für euch (eigentlich war er Teil unserer Tarnung als Tourist*innen bei der Erkundung des Grenzstreifens (Bosnien/Kroatien) um PushBack-Spots zu suchen)

Im Moment schweben uns ein paar Nachfolgeideen durch den Kopf, einige sehr träumerisch, andere eher realistisch. Mehr davon werden wir in unserem Newsletter schreiben.

Wenn ihr immer noch nicht genug habt, über die Situation der Flüchtenden in Bosnien zu lesen, sei euch hier noch ein Podcast ans Herz gelegt, der unsere Erfahrungen noch ein wenig ergänzt:

https://podcastaddict.com/episode/123404666

Morgen reisen wir ins Wendland zurück. Dies ist jetzt doch unser letzter Blog-Eintrag geworden. Es grüßen euch erfüllt, wütend (Katja), noch sehr dünnhäutig (Katja), tatkräftig (Matthias) und sehr dankbar, dass wir diese Arbeit machen durften

Matthias und Katja

3. Übergabe

Sonntagmorgen fahren wir gut gelaunt und mit einem leicht wehmütigen Gefühl zum Grenzübergang nach Velika Kladusa. Wir sind extra früh aufgestanden und geraten unerwartet in einen langen Grenzstau. Ein wenig aufgeregt sind wir, denn wir führen fremdes Gepäck mit uns.

Doch bevor wir an den Grenzschalter kommen entscheidet unser Auto, dass es weder vor noch zurück geht. Die elektronische Handbremse ist fest und lässt sich nicht lösen. Hinter uns bricht ein Hupschwall los, wir bleiben ruhig. Im Handbuch gibt es nichts Anständiges zu dem Thema zu lesen, stattdessen rufen wir unsere Werkstatt (Dank an Eckart, ASG, aus Lüchow) privat an und bekommen fachkundige Beratung. Parallel schicken wir eine SMS an unseren Gastgeber (von vor vier Wochen), der Automechaniker ist. Er antwortet prompt (alles bosnisch – deutsch mit Google (Graus!)-Übersetzer), das er jemensch vorbeischickt. Matthias prüft Sicherungen und regelt den Verkehr. Das alles 1 m vor der kroatischen Grenze auf der Brücke des Grenzflußes.

Irgendwann kommt „unser“ Mechaniker, drückt 20x auf den Schalter für die Handbremse, bis wir ihn stoppen. Denn natürlich tut sich nichts, haben wir ja auch schon probiert. Er ruft eine andere Werkstatt an. Die kommt relativ schnell im Hupgewitter an und fängt direkt vor Ort an zu arbeiten. Der Motor der linken Handbremse wird ausgebaut, das Auto fährt wieder- bis zur Werkstatt zurück nach Velika Kladusa. Dort wird innerhalb einer Stunde der Rest der Reparatur vorgenommen und mit 4,5 Stunden Verspätung stehen wir wieder im Grenzstau nach Kroatien. Nach 30 Minuten kommen die Werkstattmonteure angerast, finden uns ungefähr an der selben Stelle wie bei der Panne und überreichen freudig erregt die Nuß, die zum Reifenwechsel dringend erforderlich ist, und die sie aus Versehen in der Werkstatt in ihren Werkzeugkasten getan haben. Wir sind begeistert über die Menschen, die uns an diesem Morgen so schnell und dabei noch so zuverlässig und freundlich in der „festgefahrenen Situation“ geholfen haben. Dabei vergessen wir fast, dass wir das Gepäck von den zwei Familien im Kofferraum haben, die vor ein paar Tagen „irrtümlich“ und als inoffzielle Patchworkfamilie im Krankenwagen nach Kroatien „überführt“ wurden.

Am Vorabend hatte uns der Vater des verletzen Sohnes aus Zagreb aus dem „Begrüßungszentrum für Asylsuchende“ angeschrieben, ob wir Gepäck aus Sturlic nach Zagreb bringen könnten. Unser letzter Abend am Samstag war dann mit der Abholung ausgefüllt und mit der Übernahme eines Handys von einer anderen Familie, dass wir auch mitnehmen sollten.

Für die Grenze war uns ein wenig unklar, wie wir dieses fremde Gepäck bei einer genauen Kontrolle erklären sollten – aber so weit kam es dann gar nicht. Die Grenzer waren nicht an unserem Gepäck interessiert.

In Zagreb klappt alles wunderbar. Unserer Kontaktfrau nimmt in einiger Entfernung zum Asylzentrum das Gepäck entgegen. Die zwei Familien stehen dort noch für weitere 10 Tage unter Quarantäne. Wir bitten beide Familien uns per Facebook den Erhalt der Dinge zu bestätigen. Die Bestätigung ist bisher nicht eingetroffen und wir hoffen sehr, dass das Eigentum irgendwann richtig dort ankommt.

Abends um 22 Uhr erreichen wir dann unser Quartier im Bayerischen Wald. Hier wollen wir uns Zeit nehmen, um Abstand zu bekommen, die Zeit in Bosnien auszuwerten, Restarbeiten zu machen und die Nacharbeit für zuhause zu planen. Noch ist uns nicht nach Telefonaten mit lieben Menschen, oder sms schreiben. Wir sind noch in einer Zwischenwelt- zumindest ich, Katja, brauche Zeit und merke, wie mir beim Schreiben die Tränen kommen. Ich brauche Zeit, bei mir anzukommen, ohne mich gleich auf andere einzustellen, den Kummer und die Hilflosigkeit zu verarbeiten und Kraft zu tanken, die Menschen, denen wir begegnet sind, loszulassen – und sie gleichermaßen weiter im Herzen zu tragen.

Bis Sonntag werden wir hier im Blog noch Themen ansprechen, die bisher keinen Platz gefunden haben.

Allerdings dürfen Clara und Jan ab jetzt entspannt davon ablassen, unsere Reise zu verfolgen. Sie waren unsere Sicherheitsstruktur für den Fall, dass wir uns auf einmal nicht mehr melden. Herzlichen Dank an die beiden für die wohltuende und Sicherheit gebende Arbeit!

2. Übergabe

Heute am letzten echten „Arbeitstag“ treffen wir uns morgens mit der bosnischen Solifrau, deren Namen wir hier immer noch nicht nennen wollen, um ihre Arbeit nicht zu gefährden. Wir tauschen Neuigkeiten über die Situation der Migrants aus, zum Glück weiß auch sie von keiner neuen bosnischen Polizeigewalt. Aber sie weiß, dass sechs junge Männer, die sonst bei ihr duschen waren, es bis nach Italien geschafft haben.

Wir haben für ihre Kinder nach einem kleinen Abschiedsgeschenk gesucht und haben zum Glück mit der Hängematte aus gewebtem Stoff eine kleine Freude machen können. Für die Soli-Arbeit vor Ort lassen wir eine Geldsumme da, damit die Familie nicht immer weiter ihre letzten Reserven benutzt, um People on the Move zu unterstützen. Geld für die Waschmaschine, für die Überweisung mit Western Union, für Essen, für Strom für die Dusche in ihrem Haus. Natürlich wird unser Geld erst zurückgewiesen, doch dann dankbar angenommen.

Unsere nächste Übergabe findet mit einer medizinischen NRO statt, dies bisher noch keine Anerkennung hat und deren Namen wir hier deswegen auch nicht nennen. Wir erzählen von unseren Erfahrungen in den letzten 4,5 Wochen, unserer Einschätzung, dass es viel weniger Krätzebefall gibt als angenommen, lassen Medikamente da und vergessen uns für die wichtigen Kontakte zu bedanken, die wir durch den Koordinator der NRO bekommen haben. Das holen wir später nach.

Um morgen problemloser über die Grenzen kommen, waschen wir unser total eingestaubtes Auto.

Passat noch ungewaschen im Einsatz

Matthias rasiert sich, um seriöser auszusehen (Katja sieht immer seriös aus, sagt er) und wir recherchieren noch einmal die aktuelle Corona-Situation. Zum Glück fällt uns dabei auf, dass die Testpflicht, Einreiseanmeldungspflicht und auch die Quarantänepflicht wegfällt, weil Bosnien seit einer Woche kein Risikogebiet mehr ist. Wir können also unseren geplanten PCR-Test am Grazer Flughafen stornieren und freuen uns über die gesparten 200€ für den Verein.

Abends erreicht uns noch eine dringende Nachricht aus Sturlic. Es scheint, dass morgen doch nicht nur ein Heimreisetag sein wird, sondern zumindest zur Hälfte noch ein „Arbeitstag“.

1. Übergabe

Heute sind wir mit den ersten Übergabeaktivitäten gestartet und haben Alma von „Rahma“ getroffen. Sie ist die bosnische Mitorganisatorin einer einheimischen Hilfsorganisation, die seit Jahren hier vor Ort Hilfe in Form von Essen und Kleidung organisiert.

Schwerpunkte der Übergabe waren Dinge, die vielleicht wichtig sind, um hier vor Ort auch noch die nächsten 10 Jahren gut und nachhaltig arbeiten zu können.

Dazu gehörte die

  • Push Back Map. Bisher war hier nur das Border Violence Monitoring Network bekannt, dass durch Reporter*innen Berichte von PushBacks aufnimmt, veröffentlicht und damit Druck auf die EU macht. Aber es gibt ja auch noch die PushBackMap, in der Migrant*innen selber ihre Erfahrungen mit Deportationen, Gewalt, Demütigung, Diebstahl und Verweigerung der Annahme des Asylersuchens dokumentieren können. Wir würden gerne aus Deutschland die Arbeit der PushBackMap mit Arbeitskraft unterstützen, doch fehlt hier vor Ort die Mobilisierung für dieses selbstermächtigende Werkzeug. Alma ist begeistert davon und will einen kleinen Hinweis-Zettel auf englisch, französisch, urdu, farsi und arabisch in jeder Hilfslieferung an People on the Move beilegen. Wir freuen uns, dass unsere Initiative so schnell aufgegriffen wird. Jetzt ist es an uns in Deutschland Menschen zu finden, die Lust haben, die PBM zu unterstützen und Berichte von Deportationen zu redigieren und zu übersetzen.
  • Trinkwasserdesinfektion. Wir haben von Flüchtenden Desinfektionstabletten für Trinkwasser gezeigt bekommen, die sie von NROs bekommen hätten. Damit verbunden war die Aussage, dass das Wasser aus der naheliegenden Quelle (mit Wasserhahn) nicht trinkbar wäre und alles Wasser desinfiziert werden müßte. Diese Aussage ist einfach falsch. Zur bosnisch-muslimischen Kultur gehört es, viele öffentliche Trinkwasserstellen zu errichten, auch um in diesem Leben etwas Gutes für andere zu tun. Diese Quellen werden viel frequentiert und das Wasser ist hochwertig. Für Migrant*innen sind sie lebensnotwendig. Wenn jetzt jemensch vorbei kommt und vor dem Genuß des Wassers warnt (ohne Grund) gerät eine wichtige Ressource der Menschen (freier Zugang zu Trinkwasser) ins Wanken. Es kann zur massiver Verunsicherung führen; Menschen trauen sich nicht mehr, das öffentlich zugänglich Wasser zu trinken. Kopfschmerzen, Dehydration, Schwäche, Nieren- und Blasenentzündungen können die Folge sein. Und noch schlimmer: Würden die Flüchtenden jetzt die Desinfektionstabletten benutzen und evtl. zu hoch dosieren, so nach dem Motto: Viel hilft viel, könnte ihre eigene positive Darmflora abgetötet werden. Insbesondere da eine Tablette für 10l ist, die Menschen aber nur Wasserflaschen mit 1l mit sich führen. Gut gemeint ist hier gefährlich und der Grundsatz von „do no harm“ wird verletzt. Nichtstestotrotz kann es Sinn machen, Tabletten für jeweils 1l Wasser dabei zu haben, damit im Game auch aus Flüssen sicher getrunken werden kann. Wenn aber die Kommunikation diese Unterscheidung nicht zulässt, ist es sicherer, den Zugang zu Wasser offen zu halten und nicht mit Ängsten vor Vergiftungen zu belasten.
  • Babytragen. Wir vermitteln den Kontakt zu der Schweizer Gruppe, die gebrauchte Babytragen für Fluchtsituationen sammelt.
  • Krätzebekämpfung. Wir betonen unsere Einschätzung, dass hier in der Region wenig Krätzebefall ist und das Hautjucken von mangelnder Waschgelegenheit kommt. Wir lassen unser Scabie-Wash-Project Papier da. Mal sehen, wer es hier aufgreift.
  • Alarmphone Österreich. Wir informieren über das Alarmphone Austria, dass nach Grenzübertritt Hilfe beim Asylersuchen anbietet.
  • Polizeigewalt. Falls „Rahma“ doch noch eineN Anwält*in findet, um gegen die bosnische Polizeigewalt juristisch vorzugehen, erklären wir, mit eurer Hilfe, die Kosten dafür zu übernehmen. Es ist ein Auftrag von Zuher und Hassan, den wir noch auf unseren Schultern fühlen.
  • Hilfstransport. Wir wissen, dass Alexander aus Hitzacker eine NRO als Empfängerin für einen Hilfstransport sucht. Wir stellen den Kontakt her.

Solidarität

Immer wieder gibt es Menschen, die sich solidarisch mit den Flüchtenden zeigen. Es ist ganz vielfältig: Sie erlauben People on the move auf ihrem Grundstück Wasser zu entnehmen; sie geben Strom für Handys an Supermärkten ab; sie hängen Müllbeutel auf, wo Menschen in Gruppen ins Game aufbrechen; sie geben eine bosnische Mark an Migranten, die vor dem Supermarkt stehen; sie lassen PoM ihr Handy benutzen; sie verteilen Essen; sie werfen Essen nicht weg, sondern hängen es gut sichtbar auf;

gerettetes Essen

Vielleicht liegt es an den eigenen Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung, die viele Menschen durch die Kriege in Ex-Jugoslawien hier gemacht haben. Diese Erfahrung, dass sie selber schon mal mit Gewalt in die Fremde getrieben wurden, dort neu anfangen mußten, nur geduldet wurden.

Ständig liegt die Kriegserfahrung des Landes direkt vor unseren Augen. Wenn wir weiter Richtung Süden fahren kommen wir durch Gegenden, wo mehr als 50 Prozent der Häuser zerstört sind, wo ein Bombenkrater neben dem anderen große Hochalmen und tiefe fruchtbare Täler zerfurcht. Überall Friedhöfe. Muslimische Gräber getrennt von serbischen Grabfeldern. Es kommt uns vor, als ob Bosnien ein einziges Schlachtfeld ist. Welche Verletzungen haben die Bombenkrater, die Einschüsse in den Hauswänden, die Massenhinrichtungen hinterlassen? Das ist alles ist gerade mal so alt wie meine Kinder. Zwischen den zwei Geburten von Johanna 1991 und Clara 1995 ist das alles passiert. Ein Genozid direkt vor unserer Haustür. Wir haben weggeguckt. Die UN hat Srebenica geschehen lassen. Wir, als Kriegsgegner*innen, haben wahrscheinlich gegen einen bewaffneten UN-Einsatz argumentiert. Das macht auch Sinn, weil Militär immer mehr Gewalt und Leid mit sich bringt. Aber wo waren unsere zivilen Alternativen? Wo waren zivilgesellschaftliche Kräfte, die sich mutig zwischen die verrückt-unübersichtlichen Fronten eines ethnisch-religiös-territorial aufgeheizten Brennpunkts gestellt haben? Wo war die Pause-Taste, die es den Konfliktparteien ermöglicht hätte, mit Abstand auf die Situation zu gucken, sich zu besinnen, nachzugeben, womöglich aufzugeben…

Bei langen Autofahrten lesen wir immer wieder Neues über die Balkankriege und verstehen doch immer weniger.

Es gab Menschen, die aktiv wurden. Darunter Günther und Heike aus dem Wendland. Eine Initiative (Den Krieg überleben) habe ich noch gut in Erinnerung. Wir haben einen Sommer lang (?) ein Haus wieder aufgebaut, das ursprünglich Bosniern gehörte, die fliehen mußten. Handwerker aus Deutschland kamen für ein paar Wochen nach Caplje zum Bauen. Auch ich kam (Clara-)schwanger mit Sigrun zu Günther, der dort auf der Baustelle den Sommer (oder war es länger?) verbrachte und wir arbeiteten 3 Wochen gemeinsam am Haus.

In Sanski Most, der nahegelegenen Stadt, wirkte Heike (nach meiner Erinnerung) am Aufbau einer Frauengruppe mit, die durch gemeinsame Treffen ganz vorsichtig mit der Versöhnungsarbeit anfing. Noch jetzt gibt es in Sanski Most ein Friedenszentrum und diverse Frauenprojekte.

[Wer mehr über die Kriegsgräuel der 90er in Sanksi Most lesen möchte, kann das zum Beispiel hier tun. Triggerwarnung: Die Inhalte könnten alte Wunden aufreißen oder als sehr belastend wahrgenommen werden: https://www.focus.de/panorama/reportage/reportage-die-archaologie-des-grauens_aid_161158.html ]

Wir fahren noch einmal in das kleine Dorf, in dem ich 1995 gearbeitet haben und finden es tatsächlich wieder. Es macht mir große Freude hier zu sein, auch wenn sich die Besitzverhältnisse geändert haben. Zwei Familien, die hier lebten, konnten in ihre eigenen Häuser zurückkehren. Die neue Besitzerin weiß, dass hier mal Deutsche das Haus wieder hergerichtet haben.

Hier in Bosnien treffen sich die Fluchterfahrungen der Menschen aus dem 2. Weltkrieg, den Balkankriegen und den sich verschärfenden Lebensbedingungen in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, dem Iran, aber auch Algerien oder Marokko. Was alle eint ist, das sie nicht freiwillig gegangen sind, sondern aus einem Zwangskontext heraus geflüchtet sind. Und ein zweiter gemeinsamer Nenner ist der moslemische Glaube, der hier im Norden Bosniens zur Kraftquelle für Solidarität mit den Migrant*innen wird. Über Herkunftsgrenzen hinweg.

Homöopathie auf Industriebrache

Nach der Deportation

Gestern haben wir drei Familien, die in einem Haus Nähe Sturlic wohnen, die Smartphones gebracht, damit sie irgendwann wieder handlungsfähig sind. Heute erreicht uns dieses Bild einer Teilgruppe. Sie haben sich anscheind gestern sofort wieder auf den Weg ins Game gemacht. Und heute kehren sie zwangsweise zurück. Schlimm für zwei der Familien ist, dass sie richtig obdachlos sind. Das Haus, das sie vorher mit drei Familien bewohnten, steht aus unklaren Gründen nicht mehr für alle zur Verfügung. 11 Menschen mit 6 Kindern sitzen bei 30 Grad ziemlich erschöpft im Schatten, ohne Zelt, ohne Isomatten und wissen nicht wohin. Wir können auch nicht helfen. Schnell fahren wir aber noch mal los und besorgen Brot, Ghee, Milch, Joghurt und Süßkram um den ärgsten Hunger ein wenig zu stillen.

Dann treffen wir Menschen wieder, die gestern aus der Industriebrache (siehe Blog am 2.6.) deportiert wurden. Morgens um 7 Uhr kam die bosnische Polizei mit Bussen vorgefahren und verfrachtete die Menschen dort hinein, fuhr nach Lipa und ließ sie dort in der Pampa raus. Heute morgen sind viele nach 62 km Strecke zu Fuss wieder zurück.

Wir verarzten Blasen und geben Rhus Tox. Globuli gegen den Muskelkarter,

Homöopathie auf Industriebrache

Push Back Tag

Wir sind wieder auf der Westseite in der Region Sturlic unterwegs. Schon am frühen Vormittag treffen wir viele Gruppen, die am frühen Morgen gepushbackt wurden. Darunter auch die drei Familien aus dem Haus von gestern. Über eine Wegstrecke von 3 km sind die 20 Personen in kleinen Untergruppen verteilt. Sie schleppen sich mit „unseren“ Rucksäcken und vielen Plastikbeuteln (die hauchdünnen) am Straßenrand entlang. Wir halten mehrmals an, begrüßen die enttäuschten Erwachsenen, verteilen Schokolade und neue Babytragen (nicht nur die Powerbank, die wir gestern ausgehändigt haben ist eingesackt worden, sondern auch die Babytragen sind den Familien weggenommen worden).

[ Babytragen werden hier nicht als Babytragen, sondern als Kindertragen für bis zu 4 Jahre alte Kinder genutzt. Der Verein „Babytragen spenden“ aus der Schweiz sammelt schon seit 2015 u.a. für uns gebrauchte Babytragen. Innerhalb von zwei Wochen nach Bitte um diese Tragen erhielten wir riesige Kartons mit 50 supertollen Babytragen, darunter auch Tragen für Neugeborene. An dieser Stelle noch einmal einen großen Dank, an euch, liebe Aktivist*innen aus der Schweiz ]

Vier-Jährige sitzen supergerne in diesen engen Tragen und fühlen sich vielleicht auch ein wenig „durchs Leben getragen“

Bevor die Familien ihr „Haus“ erreichen bringen wir noch Trinkwasser zur Begrüßung hin. Sie fragen nach Essen. Heute haben wir nichts dabei, der Kofferraum ist voll mit medizinischem Equipment und Wasser.

Wir fahren weiter und reichen noch an weiter „Wandergruppen“ Schokolade und Wasser und kommen dann zu dem Haus auf dem Berg, wo vorgestern noch 80 Menschen lebten. Heute ist es stiller hier. Leider ist die Frau mit dem Kaiserschnitt und Baby tatsächlich schon wieder „on the game“. Eigentlich hätte ich mir gerne noch einmal ihre Wunde angeguckt. Auch das hustende Kind, das zusätzlich einen heftigen Mundsoor hatte, wollte ich heute behandelt. Aber alle Familien von vorgestern sind unterwegs. Die 20 neuen Bewohner*innen freuen sich über das Wasser und wir können ein paar Dinge medizinisch versorgen: Krätze bei nur zwei Menschen (wir lassen Essig da), Zahnschmerzen (wir geben einem Jungen eine Mundspülung), Hautauschlag (wir geben Combudoron gegen den Juckreiz und beruhigen, dass es nichts schlimmes ist). Viele kleinere Probleme entstehen besonders durch die fehlende Körperreinigung auf Grund des Wassermangels und die fehlende Wechselkleidung.

[Essig gegen Krätze: In Serbien 2017 haben wir zusammen mit Falko ein Scabie-Wash Programm entwickelt. Grundgedanke war der, dass die chemische Keule Permethrin immer nur über ärztliche Verschreibung in den Durchreiseländer für Migrant*innen erhältlich ist. Wir behandeln alternativ mit Essig, das lindert den Juckreiz und kann in Verbindung mit frischer Kleidung (alte Kleidung eine Woche in Müllsäcken irgendwo verschlossen lagern) die Krätze zurückdrängen. Vorteil: Essig ist überall in der Welt preisgünstig erhältich; Migrant*innen haben eigenen Zugang zur Therapie und werden nicht abhängig von medizinischen Hilfsstrukturen; gesundheitliche Schäden werden vermieden. Mehr könnt ihr hier lesen (leider nur in englisch)]

Oben auf dem Berg steht das Haus ohne Wasser und Strom mit heute nur 20 anwesenden Menschen. Matthias berät bei Hautproblemen.

[ zu unseren Fotos: Vielleicht findet ihr unsere Fotos immer etwas unpersönlich. Das finden wir auch selber. Aber wir schützen das Recht der Menschen auf digitale Privatsphäre und versuchen, wo auch immer es passt, möglichst keine Gesichter in Nahaufnahme zu zeigen. Wer weiß, wo das Bundesamt für Migration oder ähnliche Behörden die Recherchen anstellen – und Gesichtserkennungssoftware ist mittlerweile nicht nur beim Militär erhältlich und einsetzbar]

Dann biegen wir ab zu einem neuen Haus. Auch dort gibt nur kleinere Hautprobleme und Überdehnung der Achillessehne und die „üblichen“ Kopfschmerzen („mehr Trinken“ als Beratungskern kann hier zum Glück umgesetzt werden, da der Nachbar immer mal wieder eine Wasserentnahme auf seinem Grundstück zulässt).

Auf dem Rückweg kommen Anfragen per Facebook. Morgen bringen wir Essen für 20 Personen nach Sturlic (den Großteil haben wir schon heute abend eingekauft) und neue Kleidung für zwei Männer aus Afghanistan.

Und wir checken das Vereinskonto und freuen uns über neue Spenden von euch. Herzlichen Dank dafür!!!!!

UN schaut zu

Auf Grund der Polizeigewalt in Buzim lassen immer mehr Flüchtende diesen Ort rechts liegen und vermeiden die Nähe zu Buzim. Aus diesem Grund haben wir uns heute in die Region Sturlic aufgemacht. Es ist genau die westlichste Ecke des Kanton Una-Sana und dort gibt es sogar einen richtigen Grenzübergang.

Wir finden People on the Move in einem Haus hoch oben auf einem Hügel, mit Blick auf Kroatien. Das Haus besteht nur noch aus den Außenmauern, ein paar Innenmauern und dem Dach. Es gibt kein Wasser, keinen Ofen und natürlich keinen Strom. Ca. 80 Menschen leben hier vorübergehend, darunter ca. 40 Kinder, 30 Tage alt ist das Jüngste.

Eine Familie mit einem 10 Monate alten Baby lebt in einem kleinen 2 Personenzelt auf dem Vordach des Hauses ohne Absicherung zu den Seiten. Dort werde ich gebeten, mich um das kranke Kind zu kümmern. Es hat Husten, kann aber kräftig abhusten. Medizin wird von mir verlangt. Zum Glück frage ich nach Medizin, die vielleicht schon vorhanden ist. Ein Plastikgefäß kommt zum Vorschein mit Paracetamolsaft, Prospan-Hustensaft und einem antibiotischen Saft. Das Kind ist super gut versorgt- aber es würde nichts helfen, sagt die Mutter. Natürlich wirkt so ein Hustensaft nicht wie eine Paracetamoltablette. Es braucht seine Zeit. Ich erhöhe die Menge der Verordnung für den Hustensaft, ansonsten braucht das Kind nichts mehr – (als Ruhe, ein sicheres Zuhause, genug Flüssigkeit…) Die Mutter ist sauer, dass ich kein anderes Medikament verschreibe.

Auf dem Vordach des Hauses
Auf dem Vordach des Hauses

Oben im Haus, diesmal drinnen, „wohnt“ eine Frau, die heute vor einem Monat mit Kaiserschnitt ihr Baby im Krankenhaus von Bihac geboren hat. Seit der Entlassung hat keiner auf die Kaiserschittnaht geguckt. Das Pflaster von der Geburt klebt noch auf der Wunder. Ich entferne das Pflaster und die bisher nicht gut verheilte Naht kommt zum Vorschein. Nach Desinfektion spüle ich die Naht und klebe wieder ein großes steriles Pflaster drauf. Eigentlich wäre viel Luft gut, aber unter diesen hygienischen Bedingungen ist eine Abdeckung notwendig, sonst heilt sie noch schlechter. Morgen oder übermorgen geht es wieder „on the Game“- ein neuer Versuch in die EU zu kommen. Dem kleinen Baby geht es sehr gut. Es ist zu warm eingewickelt, hat geschwitzt, aber dass kenne ich schon von meiner Arbeit mit Geflüchteten im Wendland. Der Nabel ist zum Glück super gut verheilt, es hat einen Windelsoor, den ich behandele und hat seit der Geburt dank der Muttermilch schon 1 kg zugenommen. Es ist ein wunderbar kräftiges Mädchen, dass trotz des Weckens durch das Wiegen mit großen Augen zuhört, was ich alles erzähle. Sie wird ihren Weg gehen.

Kurz vorm Fahren kommt ein VW-Bus vom IOM (International Organization for Migration). Sie verteilen ein paar Plastiktüten mit Lebensmitteln, längst nicht ausreichend für alle. Auch Wasser haben sie nicht genug dabei. Sie kommen unregelmässig, die Menschen können sich nicht auf sich verlassen. Und vorallen Dingen tun sie nicht genug. Wie kann mensch als Teil des UN- Systems ein paar Tüten mit Essen verteilen, aber keine Intervention machen, dass hier Kinderschutz und Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Ich würde gerne viel mehr verstehen über das System des Nichthinsehen wollens, der Untätigkeit von bosnischer Regierung, Europa, der Vereinten Nationen. Es ist 2021 und hier leben Menschen, wie vor 200 Jahren- am Rande der Festung Europa und wir lassen sie dort leben. Wir wissen Bescheid und wir tun nichts. Ja klar, wir sind jetzt mal 4 Wochen hier. Aber das reicht nicht. Das ist nichts. Wir müssen unsere menschenblockierenden Grenzen aufmachen, diesen Menschen ein Zuhause bieten. Ich fühle mich so hilflos. Wo wollen wir enden in 10 Jahren? Wird auch die Grenze zwischen Bosnien und Kroatien so ausgebaut, wie der Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn? Überall Berliner Mauern? Ja, das können wir. Ich werde zynisch. Sollten wir nicht noch mal wieder üben, Mauern einzureißen?

Die Rückfahrt verbringen wir in Gedanken an die Schulgruppe, bei der wir heute morgen wieder waren. Dort bereiteten wir Elektroyte nach WHO Rezept zu.

Die Familien klagten über ihre Lebenssituation, trotz Ofen, vielen Lebensmitteln, einem geschlossenen Dach über dem Kopf. Sie wissen nicht, wie priviligiert sie in diesem kleinen solidarischen Dorf mit ihrer Unterkunft sind. Und trotzdem leiden sie, nicht nur an den Umständen, auch an der eigenen Hilflosigkeit und dem Ausgeliefert sein. Heute waren alle sehr zurückgenommen, noch erschöpft vom PushBack. Ohne Hoffnung.

In ein paar Tagen fahren wir wieder hin. Sie brauchen Medikamente, neue Kleidung.

Warten

Heute gibt es nur drei Dinge zu erzählen:

  1. Vormittags haben wir uns mit der lokalen Soliperson über die Polizeiübergriffe der letzten Nächte ausgetauscht. Diese Übergriffe gibt es nicht erst, seitdem wir in der Region sind. Wir schreiben das deshalb, weil wir uns darüber Gedanken gemacht haben. In Subotica in Serbien bauten andere Gruppen Öfen in 10 kleine verlassene Bahnwärterhäuschen. Kaum waren die Öfen richtig eingeweiht, die Flüchtenden endlich Temperaturen über dem Nullpunkt und nicht mehr minus 10 Grad ausgesetzt, wurden die Häuser von der Polizei geräumt, das Hab und Gut der Menschen verbrannt. „Do no harm“ („Richte keinen Schaden an“) ist als Ansatz immer wieder ein Kriterium für die Bewertung unserer Arbeit. Und auch hier hätte es sein können, dass die (Geheim-) Polizei unsere Anwesenheit wahrnimmt und die Repression sich gegen die Migranten* richtet. Aber das wird von der Soliperson vehement verneint. Es gäbe schon seit langem diese Übergriffe in Buzim.
  2. fahren wir wieder in das nördlich Dorf um Medikamente und Schuhe zu übergeben. Dort nimmt Matthias einen weiteren PushBack Bericht auf, während Katja eine Schwangerenvorsorge (Blutdruck, Gebärmutterstand, Kindslage, Kindsbewegungen, Herztöne) vornimmt. Die Urinkontrolle fällt weg. Ich will gar nicht wissen, wie groß die Eiweißausscheidung bei niedriger Flüssigkeitszufuhr ist, wie hoch der Nitritwert ist bei Kälte in der Nacht und damit verbundener latenter Blasenentzündung… Die Frau aus Afghanistan erhält einen Mutterpass, der ihr evtl. irgendwann mal ein Privileg verschafft.
  3. haben wir einen Zahnarzt gefunden, der einen Migranten behandeln würde. Wir fahren nach Velika Kladusa und warten dort um 16 Uhr zum Zahnarzttermin auf Hassan, um notfalls die Zahnarztrechnung zu begleichen. Aufgrund des Transportverbotes muß Hassan alleine die 35 km bewältigen. Er schafft es um 18.30 Uhr statt um 16 Uhr dort zu sein. Der Zahnarzt will schon lange nach Hause gehen, wartet dann aber doch. Leider klappt die Behandlung nicht, da Hassan eigentlich einen Kieferorthopäden braucht. Aber die Freundlichkeit des arabischsprechenden Arztes, der auch offen für weiterer (kostenfreie?) Behandlungen ist, ist einfach wohltuend, nach den Ereignissen der letzten Nächte.