Serbische Polizei

[Ich weiß nicht, ob ich mich über meinen deutschen Pass freuen soll.]

Am 6.3. hat das Krankenhaus die Polizei gerufen, als sie zwei Flüchtende behandelten. Dies sei bei Verletzungen nach Gewaltverbrechen üblich.

Wir kennen die Beamten. Es sind die beiden, die letzte Woche bei der Dusche am See den Tipp gegeben hatten, wir mögen uns an die Stadt bzgl. eines Duschorts wenden.

Auch diesmal waren sie sehr freundlich. Auch während der Zeit mit den Flüchtenden in der Polizeistation.

Ist das ein Zerrbild? Oder wird Folgendes zu einem Zerrbild?

Wir haben hier in Serbien gelernt, dass die Beförderung von Flüchtenden verboten ist. Genau, wie vor einem Jahr in Griechenland. Auch in Serbien interessiert uns das nicht bzgl. unseres praktischen Handelns.

Wir haben dementsprechend kein Problem damit, dass die Polizei uns bittet, die Flüchtenden vom Krankenhaus ins Polizeirevier zu fahren, weil sie es nicht dürften („weil die Gewalt ja von ungarischen Menschen in Ungarn ausging und es deswegen kein Fall für die serbische Polizei sei“), obwohl sie (die serbische Polizei) eine Befragung in der Polizeistation durchführen wolle.

Hä?

Während die Befragung der Flüchtenden in der Polizeistation stattfindet, sitzt einer von uns im Foyer und kann die Gespräche durch die offene Bürotür mithören (nicht inhaltlich). Es scheint alles gut. Irgendwann stossen die anderen beiden mit dem Taxi von der Flüchtendenversorgung dazu. Im großen Foyer sind 5 an die Wand geschraubte Sitzplätze. Wir sind zu dritt. Der „Pförtnerpolizist“ hat uns die ganze Zeit hinter seiner Glasscheibe sitzend „unter Kontrolle“. Trotzdem kommt plötzlich einer der verhörenden Beamten zu uns und gibt uns zu verstehen, dass drei Personen nun im Foyer zu viel seien und zwei von uns gehen müssten.

ohne sichtbare Sitzgelegenheiten und ohne (sichtbare) Misshandlungen ???

Böse Frage: warum dürfen drei „Zeugen“ nicht im Foyer einer Polzeistation sitzen und das dort alltägliche Treiben „beobachten“?

[Vor einer Woche wurde von der serbischen Polizei eine Unterkunft von Flüchtenden geräumt. 2 Flüchtende wurden zum Verhör mit auf die Polizeistation genommen. Nach dem Verhör hat die internationale Begleiterin einen von ihnen mit Rippenbruch ins Krankenhaus gebracht.]

Als die Flüchtenden die Polizeistation verlassen, wird uns von einem verhörenden Beamten gesagt, wir hätten nun eine Stunde Zeit, die Flüchtenden (verbotenerweise) zu befördern. Sollten wir in dieser Zeit angehalten werden, werde er eh kontaktiert und die Situation klären. Klingt doch nett.

Ein Protokoll der Vernehmungen gibt es in Kopie nicht. Weil ungarische Menschen in Ungarn die Verletzungen zugefügt hätten, sei es kein serbischer Fall.

Hä?

Am nächsten Morgen kommen wir in unserem Hotel an den Frühstückstisch. Zwei Tische weiter sitzen zum ersten Mal zwei uniformierte Polizisten, trinken noch eine halbe Stunde Tee und gehen dann. …

Wir treffen die beiden Flüchtenden auch am nächsten Tag wieder. Im Gespräch wird deutlich, dass dies nicht ihre erste Polzeivernehmung war. Sie berichten, die Polizei hätte hauptsächlich nach der sie begleitenden deutschen Person befragt. In verschiedenen Varianten. Und sie berichten, dass sie die Beamten kannten:

„They are cruel.“ [cruel=grausam]

Veröffentlicht unter 2017

„Im Norden nichts Neues“

6.3.2017

Wir stehen nicht früh auf. Die letzten Tage haben wir die Sonnenaufgänge nahe einer Push-back-Zone verbracht. Wir haben Gruppen getroffen und versorgt, die es nicht durch den ersten Zaun geschafft hatten und deswegen unmisshandelt blieben. Wir haben Menschen getroffen und versorgt, die weiter gekommen waren und gefoltert wurden.

Wir haben auch festgestellt, dass die Frequenz der Bewegungen der Flüchtenden unregelmässig ist. Dementsprechend haben wir die letzten Tage eine sinkende Zahl bis auf null wahrgenommen. Wir beschließen deswegen, an diesem Tag auf unsere morgendliche Wacht zu verzichten.

Auf Grundlage unserer bisher gemachten Erfahrungen suchen wir noch einmal ein Grenzgebiet auf, in dem wir mögliche Lager von Flüchtenden vermuten. Wir erkunden das Gelände und kommen zu dem Schluss, dass dort in der letzten Zeit Gruppen nur kurz gelagert haben – wahrscheinlich auf ihrem nächtlichen Weg zum Grenzübertritt. Wahrscheinlich ist der Ort doch zu weit von existenzieller Grundversorgung entfernt.

Der Müll liegt dort von etlichen Vor-Bewohner_innen. Die jetzigen Bewohner haben freien Fussbodenplatz für Lagerung von Lebensmitteln geschaffen.

Dann eine SMS.

„Broken hand,hungarian police action, please help, some food.“

Wir sind 1,5 Fahrstunden entfernt, antworten aber sofort, dass wir uns auf den Weg machen.

Wir finden „unsere“ Gruppe vor, so wie es hier üblich ist. Mit 15 Personen ist die Gruppe gestern Abend über die Grenze gegangen. Heute vormittag wurden sie entdeckt. Danach drei Stunden Folter. Jeweils 3 Beamte für einen Flüchtenden. Danach Push-back und 2 Stunden humpelnd Rückkehr zum Ausgangspunkt.

2 Menschen der Gruppe sind in Ungarn verloren gegangen, 2 Flüchtende fahren wir ins Krankenhaus, 6  Flüchtende behandeln wir vor Ort, 5 Flüchtende sind unverletzt zurück.

Heute versorgen wir Hundebisse, Schlagstockschwellungen an Knien, Schultern, Handgelenken. Die Häufigkeit von Knie- und Handgelenksverletzungen lässt auf planmässiges Vorgehen der ungarischen Staatsschläger schließen.

 

Versorgung im Stehen, da Sitzen auf Grund der Knieverletzung nicht möglich ist.

Nach der Versorgung fallen die Flüchtenden in ihre Schlafstätten.

Im Krankenhaus wird bei einem Flüchtenden die Kopfwunde genäht, das massiv malträtierte Handgelenk geschient. Beide Flüchtende haben zum Glück keine Brüche und können das Krankenhaus wieder verlassen. Einer von uns begleitet sie die gesamte Zeit. Auch zur Polizei, die vom Krankenhaus gerufen worden war. (Normal bei Verletzungen durch Gewalt).

Auf der Fahrt zurück schlafen die Flüchtenden schon im Auto ein. Wir setzen sie ab, sie verschwinden.

Unser Tag endet um 2 Uhr.

 

 

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Flüchtlingsnothilfe an der serbisch-ungarischen Grenze 14.2. bis 14.3.2017

Wir machen uns noch einmal auf den Weg. Wir sind zu dritt und nicht viele, aber vielleicht können wir ein wenig die medizinische und menschliche Not lindern. Wir werden tun, was nötig ist: heißen Tee kochen, Wunden verbinden, die durch Hundebisse und Knüppelschläge der Grenztruppen entstanden sind, Erfrierungen behandeln, zuhören, Da Sein.

Nur für eine kurze Zeit – 4 Wochen.

Immer noch harren viele Menschen auf der ehemaligen Balkanroute an staatlichen Grenzen in der Kälte des Winters aus. Sie sind einmal aufgebrochen auf der Suche nach einem besseren Leben, ohne Krieg, Verfolgung und Armut. Sie flohen im Vertrauen auf uns. Doch Europa ist dicht für Menschen – und gleichzeitig offen für den Transfer von Waffen und Gütern.

An der serbisch-ungarischen Grenze leben junge Männer aus Afghanistan und Pakistan, einige 13 Jahre und andere nur wenig älter. Auf die Reise geschickt von Familien, die all ihre Hoffnungen auf diese Kinder und jungen Männer setzen. Diese Menschen sind in großer Not: Sie werden jede Nacht neu von Grenztruppen verletzt. Sie erleiden körperliche und seelische Wunden durch Erniedrigung und Demütigung. Weil sie aus angeblich „nicht-fluchtwürdigen Ländern“ kommen, ist ihnen der Zutritt in die staatlichen Lager verwehrt. Sie sind die vergessenen Flüchtlinge. Und doch ruht die Hoffnung ihrer ganzen Familie auf ihnen.

Wir freuen uns über finanzielle Unterstützung, um vor Ort das kaufen zu können, was not-wendend erscheint:Verbandmaterial, Wärmflaschen, Heizmaterial, Trinkwasser, Schuhe, Jacken, Decken,… Auch über Beiträge zu unseren Fahrt- und Unterkunftskosten sind wir dankbar ⇒ Bankverbindung

Wir, das sind Falko Berkemeier, Katja Tempel und Matthias Wiedenlübbert. Wir haben medizinische Kenntnisse als Krankenpfleger und Hebamme, verfügen über logistische Erfahrungen und uns verbindet langjährige Zusammenarbeit in schwierigen Situationen im Gewaltfreien Widerstand.

Veröffentlicht unter 2017

Im passenden Moment die passenden Menschen in der passenden Stimmung mit den passenden Möglichkeiten – Zufall / Glück

Mittwoch, 11.5.2016

Die Fahrt nach Nordgriechenland ist nun schon eine Weile her. Aber sie verfolgt uns immer noch.

Ich bin dem Blog noch die Geschichte von dem Menschen schuldig, den Joost und ich (Matthias) an seinen verbrannten Füssen versorgt haben. Seinerzeit war seine Geschichte noch nicht spruchreif. Und eigentlich ist sie es immer noch nicht – wenn ich die gesamte Familie mit einbeziehe. Weil diese Geschichte aber noch lange währen wird, nun den ersten Teil davon.

Der deutsche Arzt Joost wurde irgendwann zum Camp an der BP-Tankstelle gerufen, weil sich dort ein querschnittgelähmter Mensch kochendes Wasser über die Füsse gegossen hatte. Joost hat seine Wunden einmal alleine verbunden, danach habe ich ihm assistiert.

Der Mann ist seit einem Granateinschlag in Syrien vor zwei Jahren querschnittgelähmt. Nach Idomeni wurde er von seinem Bruder getragen. Zum in Idomeni anwesenden Familienverband gehören noch die Frau und die Kinder des Bruders, ein Cousin samt Frau und Kindern, sowie eine Cousine mit Kindern.

Wie auch immer es Joost geschafft hat: Auf einmal hatten wir Kontakt zu einer aktiven Frau und einem Arzt in der Schweiz, der wenige Tage später, wie durch Zufall, Joost in der Betreuung des Patienten ablöste.

Hätte dieser sich nicht aus Versehen heißes Wasser über die Füsse gegossen … Hätte Joost nicht diese Kontakte hergestellt … Wäre die aktive Frau nicht zufällig involviert gewesen … Wäre der schweizerische Arzt nicht zufällig aufgetaucht … Hätte sich dies alles nicht zufällig zu einem Gesamtbild zusammengefügt.

Hätte, hätte…

Aber es ist so: Nicht ganz zwei Wochen nach der Erstbehandlung der Verbrennung ist der Flüchtende mit der Querschnittlähmung in die Schweiz ausgeflogen worden. Leise haben im Hintergrund motivierte Menschen etwas möglich gemacht, was so nur klappen konnte, weil sie sich zufällig getroffen haben. Alles hat gepasst.

Ich denke, man dürfte die Frage stellen (die nur die Betroffenen beantworten könnten), ob es langfristig eine gute Lösung ist, einem Menschen zwar über den ausgrenzenden Zaun zu helfen, dafür aber damit bezahlen zu lassen, von der Familie getrennt zu sein.

Damit diese Frage aber niemand stellen muss wird leise weitergearbeitet.

Und die Geschichte ist eigentlich noch nicht zu Ende. Und wahrscheinlich weiter erzählt, wenn es soweit ist.

So hat das Fernsehen über die Situation berichtet. Nicht alle beteiligten Akteure werden erwähnt…

http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2016/Wegschauen-wie-Fluechtlingselend-ertraeglich-wird,idomeni222.html

Rückfahrt

Sonntag, 24.4.2016

Heute brechen wir auf zurück nach Deutschland. Zusammen mit Sebastian werden wir uns ein paar Tage Zeit nehmen, um Abstand zu gewinnen, unseren Einsatz zu reflektieren und zu überlegen, wie es zuhause weiter gehen soll.

Wir werden zwei schöne Orte in Nordwestgriechenland ansteuern und dann in Ruhe über Albanien, Montenegro, Kroation und Österreich nach Deutschland zurückkehren. Dort wollen wir am 1.Mai ankommen.

Wir werden die Rückfahrt nutzen, um verschiedene Aspekte unseres Wirkens zu reflektieren.

Abschied

Samstag, 23.April 2016

Unser letzter richtiger Tag in der Flüchtlingsunterstützungsarbeit in Griechenland.

Wir haben viel vor:

Am Morgen macht Katja Abschlussbesuche auf der EKO (Tankstelle an der Autobahn nach Mazedonien, auf der zur Zeit ca. 450 Menschen leben.) Der Abschied fällt schwer. Bei vier Frauen mache ich noch eine Vorsorge, freue mich mit ihnen, dass es ihnen gut geht. Die letzten Vorräte an Folsäure und Weledasachen werden verteilt. Wir lachen und versuchen die beklemmende Situation zu verdrängen. Es gibt keine Nachfolgerin für mich. Ich kann den Frauen nur empfehlen, bei Problemen zu den unterschiedlichen Ärzteteams zu gehen oder wahrscheinlich besser, den Krankenwagen zu rufen und ins Krankenhaus zu fahren. Die Ärzteteams bestehen häufig aus Ärzten ohne gynäkologische Qualifikation, die aber gerne und viel Antibiotika bei Husten oder bei Atembeschwerden verschreiben. Häufig sind auch Medizinstudent_innen vor Ort, die hier eine  „Probetätigkeit“ ausüben – das wird den Menschen aber meist nicht gerecht. Da ist die aufsuchende Arbeit im Zelt eine ganz andere, die Frau als Ganzes wahrnehmen und nicht nur ihre entzündeten Augen, ihr spröden Lippen oder ihre Kopfschmerzen. Stehend vor einem Medizinerauto in eine Gruppe von wildfremden Menschen mit einer 2-Minuten-Sprechzeit ist nicht angemessen. Gerade die ständigen Kopfschmerzen oder auch Nierenschmerzen sind nur der Eisberg eines im totalen materiellen Mangel befindlichen wie auch heimatlosen Menschen und brauchen Behandlung. Darüberhinaus aber auch noch mehr….

Matthias fährt zur BP-Tankstelle und verabschiedet sich von der syrischen Familie des schon im Blog erwähnten querschnittsgelähmten Flüchtenden. Schaut am Donnerstag in der ARD „Panorama“. Es kann sein, dass dort deren Geschichte dargestellt wird. Matthias ist entschlossen vorher hier seine Sicht auf ein kleines Wunder zu beschreiben.

Am Nachmittag versuchen wir gute Lösungen für unser restliches Material zu finden. Einige Kisten landen in dem supertollen „warehouse“, dem Lagerhaus der independent volunteers. Anderes, insbesondere Medikamente geben wir an medizinische Fachkräfte ab.

Im Lagerhaus suchen wir Decken, Bergstiefel und warme Jacken

Im Lagerhaus suchen wir Decken, Bergstiefel und warme Jacken

Ein letztes Mal kaufen wir 0,5l Wasserflaschen, laden im Lagerhaus neue Wanderstiefel, Rucksäcke, Decken und Windeln ein und fahren zu dem von uns nun schon sehr vertrauten Ort (den wir hier nicht näher beschreiben, damit die Menschen dort nicht gefährdet werden.)

Dort treffen wir erneut auf völlig erschöpfte Familien und Einzelne, die kaum noch Kontakt aufnehmen können. Sie waren in der Nacht wieder unterwegs, sind aufgegriffen worden und gerade am Zurückkehren.

Heute abend gibt es fordernde Männer, die schon fast ein wenig zornig sind, dass wir keine Schuhe oder Hosen in ihrer Größe haben. Wir ziehen uns wieder zurück und fangen dann erstmal wieder nur mit den Babytragen an. Fast alle große Tragen, die wir mitgebracht hatten, sind nun schon vergeben. Zum Glück ziehen nur wenige Familien mit sehr kleinen Säuglingen nachts über die Grenze, so daß wir noch einige Tragen übrig haben.

Heute verteilen wir Schokolade direkt an die Gruppen, die losziehen. Auch Wasser wird wieder dankbar angenommen.

Katja trifft heute noch eine neue Schwangere an einem ganz neuen Zeltort. Sie ist im 7. Monat schwanger und macht sich Sorgen um ihr Baby. Bisher hat sie noch keine Herztöne gehört, da sie keinerlei medizinische Versorgung für ihre Schwangerschaft hatte. Es ist das erste Mal, dass es gelingt, auch den Vater mit einzubeziehen. Er tastet sein ungeborenes Baby im Bauch und beide freuen sich, den Herzschlag ihres Kindes zu hören. Evtl. hat die Familie die Chance, an einem Relocationprogramm der UN teilzunehmen. Katja schreibt ein Bestätigung, dass eine Umsiedlung in ein besseres Quartier im 60km entfernten Thessaloniki dringend notwendig ist.

Früh um 21.30 Uhr sammeln sich keine neuen Gruppen mehr um loszugehen. Heute abend konnten wir noch mal einigen Menschen ein wenig Wegzehrung mit auf den Weg geben. Wir gehen mit ein wenig Wehmut. Zeit für ein Fazit wird in den nächsten Tagen sein.

With love and peace

Freitag, 22.4.2016, 17.45 Uhr

Packen von Notfallpacks im Wohnwagen

Notfallpacks im Wohnwagen packen

Wieder einmal haben wir Notfallpacks für ziehende Gruppen ausgegeben. Die Gruppen rasten an manchen Punkten für 30 Minuten oder auch länger. Dann ziehen sie weiter. Während der Pause wickeln und füttern Mütter ihre Kinder, Toiletten und Wasserhähne werden benutzt, Informationen werden ausgetauscht. Gestern gab es gleichzeitig medizinische Versorgung durch Krankenschwestern aus der Schweiz.

Jeweils eine Gruppe von ca. 10 Personen bekommt eine Notfalltüte von uns mit auf den Weg. Feuchttücher, Schokolade, Bachblüten-Notfalltropfen, Arnika-Globuli, Bepanthen, Kohletabletten, etwas gegen Fieber, Traubenzucker, Rettungsdecken, Pflaster, Verbandmaterial und eine kleine Blume aus Holz.

Sind Kleinkinder und Babys mit in der Gruppe gibt es eine extra Babytüte mit Windeln, Schnuller, Babycreme, extra Feuchttücher, Vitamin C Bonbons. Auf den Tüten steht „With love and peace“.

Rastplatz vor der Grenzüberquerung

Rastplatz vor der Grenzüberquerung

Gestern trafen wir eine Gruppe, die es schon zweimal über die Grenze geschafft hatte. Jedes Mal sind die Männer aufs Heftigste von der mazedonischen Polizei verprügelt worden – aber sie leben noch und werden es mit Frauen und Kindern wieder versuchen.

Diese Heimatlosen berühren uns tief. Manche rennen an uns vorbei, folgen einem ortskundigen Führer, habe keine Zeit zu verweilen. Babys auf den Schultern, Kleinkinder im Arm, zu große Schuhe an den Füssen. Mit stummer Miene ziehen sie konzentriert  an uns vorbei. Die, die verweilen, genießen die Fürsorge, die neue Kindertrage auf dem Rücken, den Abschied, den wir ihnen hinterherrufen.

Heute abend geht es weiter. Neue Tüten sind gepackt. Neue Gruppen werden ziehen.

Herztöne im Orkan

Mittwoch, 20.4.2016, 23 Uhr

Idomeni im Sturm bei Orkanböen

Ein kalter, heftiger Sturm weht seit heute Nacht durch die Region. Die ganze Nacht wankt der Wohnwagen und wir wissen, dass heute Nacht wieder viele Menschen ihr Obdach verlieren.

Um 10 Uhr fahre ich, Katja, mit einer jungen Freiwilligen nach Idomeni ins Hauptcamp um eine besorgte Schwangere aufzusuchen. Die Luft ist voll mit Staub und Sand. Die Augen brennen, der Wind peitscht uns um die Ohren. Viele Zelten und kleinere Bauten stehen nicht mehr. Es liegt eine eigenartige Ruhe über dem immer leerer werdenden Lager.

Eine Einheit von griechischen Polizisten marschiert in diesem Orkan mit Helmen, voller Kampfmontur und Schutzschilden durchs Camp. Sie verursachen Angst und Lähmung. Keine Kinderstimmen sind mehr zu hören. Alle halten den Atem an. (Später stellt sich heraus, das die Regierung das Lagerareal zur militärischen Zone erklärt hat und dort mitten zwischen den Flüchtlingen auch Übungen stattfinden können.)

Nach ein wenig Suchen finden wir das richtige Zelt. Die junge Frau macht sich Sorgen um ihr Kind, weil es sich viel bewegt. Sie hat eine kräftige Bronchitis, zur Heilung ein Antibiotikum bekommen (dass sich zum Glück mit ihrer Schwangerschaft verträgt) aber auch mal wieder Paracetamol. Diesmal 1000mg gegen den Husten. Wir setzen das PCM sofort ab, weil sie selbst erkennt, das ein Schmerzmittel nicht den Husten lindert. Und schon gar nicht in dieser hohen Dosierung.

Ihrem Kind scheint es gut zu gehen. Ich ertaste die Lage, höre gemeinsam mit der Familie die Herztöne. Alle sind begeistert. Währenddessen peitscht der Wind immer wieder das kleine Zelt auf unsere Köpfe. Verständigung ist nur mit Brüllen möglich. Auch die Herztöne können wie nur schwer hören – so laut sind die Windgeräusche. Blutdruckmessung geht auch nicht mehr übers Hören im Stethoskop, sondern nur übers Wahrnehmen der Nadel auf dem Druckmessgerät.

Mitten in der Vorsorge und dem Hinspüren zum Baby holt der Vater des Ungeborenen sein Handy raus und zeigt in die warme Freude über die Herztöne des Babys einen kleinen Film über die Zerstörungen von letzter Nacht in Syrien. Die Schießereien auf dem Handy sind diesmal laut zu hören, direkt vor dem Bauch der Schwangeren.

Ein paar Minuten halte ich es aus, diesem Film zusehen, weil ich weiß, dies ist die Realität: Krieg, Zerstörung und Flucht, Elend und ein Funken Freude finden alle nebeneinander statt. Aber es nimmt immer mehr Raum ein und ich bin doch gerufen worden, um der werdenden Mutter Hoffnung und Zuversicht zu geben. Ich traue mich, den Vater zu bitten, das Handy jetzt in dieser Situation erstmal auszumachen. Aber die Realität hat uns alle in dem kleinen Zelt wieder eingeholt. Das Baby ist wieder unwichtig geworden.

Eine andere Familie vor ein paar Tagen: Gleich zu Anfang meiner Zeit hier hatte ich Kontakt zu einer Schwangeren. Bei einer Vorsorge erzählte die Frau, sie könne ihr Baby nicht spüren, es würde sich nicht bewegen. Ich konnte keine Herztöne finden.

Damals hatte ich die Hoffnung, dass die Schwangerschaft vielleicht doch jünger sei, als ich annahm und machte für eine Woche später einen neuen Termin aus. Als ich jetzt kam, sagte die junge Frau, dass sie vielleicht ein ganz wenig ihr Kind spüren würde. Diesmal hörten wir die Herztöne und auch das sich bewegende Kind. Allerdings spürte sie selber noch nichts. Meine Hände blieben auf ihrem Bauch liegen und ich erklärte, dass ich jetzt mit dem Baby reden würde. Ich spürte hin zu ihrem Baby, redete dabei auf deutsch mit dem Baby in sanften, lockenden Worten und plötzlich reagierte das Baby mit ganz zaghaften Bewegungen. Ein Lächeln huschte endlich über das Gesicht der Mutter. Ich redete weiter ermutigend mit dem Baby. Die Bewegungen wurden immer kräftiger. Alle Freundinnen im Zelt nahmen die Bewegungen unter der Bauchdecke wahr und murmelten sich zu, dass durch das Sprechen mit dem Kind das Baby reagiert hätte. Endlich konnte sich das Ungeborene den Raum nehmen, den es brauchte.

Wir verabredeten, dass sich die Mutter jeden Tag 10 Minuten Zeit mit ihrem Baby im Bauch nehmen solle, damit das Baby spürt, dass es erwünscht und geliebt sei. Endlich war die junge Frau auch wirklich Mutter eines ungeborenen Babys geworden.


Die Menschen verlassen die Camps. An der EKO-Tankstelle verrät die Natur das Verlassen. Deutlich ist auf dem Rasen zu erkennen, dass hier wochenlang Zelte gestanden haben müssen. An der BP-Tankstelle ist ein ganzes „Zeltdorf“ verschwunden. Vorgestern haben wir dort noch einen angebotenen Kaffee getrunken, gestern wurden wir von dort gegrüßt, heute ist dort nur noch staubige Leere. Das Camp an der kleinen Tankstelle, die wir die letzten Tage in unserem besonderen Fokus hatten, kann man eigentlich gar nicht mehr als Camp bezeichnen. Dass das große Camp in Idomeni schrumpft, ist oben schon beschrieben.

Viele Menschen lassen sich in die Militärcamps verlegen (wenn wir es richtig wahrnehmen, gibt es als staatliche Camps nur Militärcamps). Aus Idomeni wird berichtet, dass dort immer ein Bus bereitsteht. Ist er voll, fährt er ab Richtung Militärcamp und ein neuer Bus wartet. Haben die Menschen resigniert oder versuchen sie sich in Vertrauen in den Staat und entscheiden sich positiv bewusst?

Andere erhalten sich ihre Selbstbestimmung im Beschluss, in Kleingruppen über die Grenze(n) zu kommen. In kleinen Gruppen von 15-30 Personen sammeln sie sich und machen an einer uns bekannten Stelle Rast. Gestern sind wir bewusst auf sie zugegangen. Die Wasserflaschen, die wir verteilten, waren sofort weg. Obwohl die Menschen in meiner Vorstellung bestimmt auf das Gewicht ihres Gepäck achten, werden auch unsere Decken angenommen. Leider haben wir nur ein paar Schuhe dabei. Und selbst eine unserer beiden Hosen, die wir zufällig dabei haben wird erfragt. Wir gehen von Gruppe zu Gruppe. Wir erleben Gemeinschaft. Babytragen werden angepasst. Für die Gemeinschaft werden pflanzliche Mittel ausgegeben gegen Husten, Sonnenbrand, Schmerzen.

Heute haben wir uns vorgenommen, besser vorbereitet zu sein. Wir packen Tüten für je 10 Personen. Etwas gegen Schmerzen, Zahnschmerzen, Durchfall, sowie Verbandmaterial, Feuchttücher, Schokolade, …; Extratüten für Babys. Wir haben ausreichend Wasser dabei, Decken.

Doch heute begegnen wir keinen Gruppen …

Den im Blog erwähnten Patienten mit der Querschnittslähmung haben wir immer noch im Blick. Ihm und seiner Familie geht es den Umständen entsprechend gut. Es gibt Bewegung für seine Zukunft. Aber es ist noch nicht die Zeit, darüber zu berichten. Spekulationen und Mutmaßungen schaden mehr, als dass sie helfen. Aber es ist etwas im Fluss.

keine Fotos

Dienstag, 19.4.2016, 18 Uhr

Zur Ruhekommen mit Baby

Zur Ruhekommen mit Baby

Warum wir keine berührenden Fotos machen:

Wir verzichten bewußt auf Fotos von Situationen, die bedrückend oder erschreckend sind. Wir verzichten auf Fotos von Menschen, denen es sehr schlecht geht. Wir verzichten auf Fotos, die Andere gefährden könnten. Wir verzichten auf Fotos, die berühren können.

Wir versuchen, den Menschen ihre Würde zu lassen. Wir versuchen die Kraft der Menschen zu sehen, zu beobachten, wie sie diese unsägliche Situation meistern. Sie darin zu stärken, dass es sich lohnt, weiterzuleben. Ihr Situation ein kleines bißchen leichter zu machen.

Mobile Solaranlage in kl. Flüchtlingslager

Wir wissen, dass unsere Fotos dadurch nicht „berühren“. Wir haben diese Bilder alle im Kopf und brauchen sie nicht ständig zu wiederholen. Auch ohne Bilder von extremen Notsituationen oder leidenden Babys sind die Lebensumstände und die momentane Ausweglosigkeit zum Schreien.

Dies nur zur Erklärung, warum wir die Fotos so machen wie wirs machen.

 

Wunden

Sonntag, 17.4.2016, 21 Uhr

Der gestrige Tag hat uns noch einiges an Aufregung gebracht. Matthias hat gemeinsam mit dem befreundeten Arzt Joost einen schwerkranken Patienten versorgt. Der junge Mann ist vor mehreren Monaten bei einem Bombenangriff in Syrien schwer verletzt worden. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. Die Familie hat im schon vorlanger Zeit eine Dekubitismatratze gekauft, die verhindert, dass er sich wund liegt. Leider benötigt sie 230 Volt, die es im Camp nicht gibt, sodass er nun wundgelegene Stellen hat. Zu allem Überfluss ist ihm vor ein paar Tagen kochendes Wasser über die Füße gelaufen, sodass er nun auch dort großflächige Verletzungen hat. Er hat viele offene großflächige Wunden und ist vollständige auf die pflegerische Versorgung seiner Familie und auf die Notfallversorgung der hiesigen Hilfsgruppen angewiesen. Über 2 Stunden wird er von beiden versorgt. Katja verteilt in der Zwischenzeit Weleda-Öle, Salben und Shampoo an Familien mit Kindern. (Weleda hat drei riesige Kartons mit diesen drei Produkten für unsere Reise gespendet. Nicht die kleinen Probepackungen, die wir Hebammen regelmässig beziehen, sondern die richtig großen Verkaufspackungen.)

Gerade als wir fahren wollen, werden wir zu einem Notfall gerufen. Eine junge Frau hat versucht, sich umzubringen. Jost und Matthias stabilisieren die bewußtlose Frau (emotional wie medizinisch), Katja verständigt den Krankenwagen, lässt die Zufahrt zum Zelt von Brennholz frei machen, hakt noch zweimal bei der Leitzentrale nach und kann dann endlich nach 45 Minuten mit einer starken Taschenlampe (Technik ist manchmal lebensrettend) den verunsicherten Krankenwagenfahrer zu dem Zelt lotsen. Die junge Frau wird in eine kleine medizinische Einheit in Polykastro gebracht. Sie überlebt. Am Vormittag hat sie sich selbst entlassen und sich zu Fuß auf den Weg zurück ins Camp gebracht. Dort trifft sie erneut auf Jost und Matthias, die wieder den Schwerkranken versorgen und bedankt sich herzlich.

Sebastian hat heute die Ausgabe der Vokü (Gemeinschaftsküche) im großen Camp von Idomeni unterstützt. Bevor es losging wurden alle Volunteers eingewiesen in die Abläufe. Wichtig war vor allen Dingen, dass das Essen schnell ausgegeben wird, damit die Leute nicht so lange anstehen müssen. Aber auch diejenigen, die für das Bilden von einer Frauen- und einer Männerschlange vor der Essensausgabe verantwortlich sind, müssen immer wieder eingreifen, wenn Menschen sich vordrängeln. Eigentlich finden alle es sinnvoll, das eine Reihe gebildet wird. Es gibt dann weniger Schubserei und auch vulnerable Menschen (so werden hier Schwangere, Menschen mit Babys auf dem Arm, alte oder behinderte Menschen bezeichnet) haben eine Chance auf Essen. Am heutigen Tag gab es viele Küchen, so daß sogar noch Essen übrig ist.

15.4.2016: Die unabhängigen Volunteers von Polykastro veröffentlichen folgende Mitteilung:

Jetzt ist es stockfinster draußen, angenehme 20 Grad und wieder Mal ist Kistenräumen dran. Wir übernehmen einiges an medizinischen Equipment von Jost, der bald abreisen wird und müssen immer wieder neu, unsere Kisten mit Verbandsmaterial, Medikamenten, Pflege- und Hygienartikel, Wolldecken und gefühlten 1000 anderen unterschiedlichen Produkten sortieren.

Die Situation hier vor Ort in Bezug auf die Schuldzuweisung an Aktivist_innen für Aktionen der Geflüchteten hat sich leicht verbessert. Die Kontrollen durch die Polizei sind höflich und dienen anscheinend nur der namentlichen Erfassung der Helfer_innen. Es wirkt nicht sehr schikanös oder einschüchternd.