Solidarität

Immer wieder gibt es Menschen, die sich solidarisch mit den Flüchtenden zeigen. Es ist ganz vielfältig: Sie erlauben People on the move auf ihrem Grundstück Wasser zu entnehmen; sie geben Strom für Handys an Supermärkten ab; sie hängen Müllbeutel auf, wo Menschen in Gruppen ins Game aufbrechen; sie geben eine bosnische Mark an Migranten, die vor dem Supermarkt stehen; sie lassen PoM ihr Handy benutzen; sie verteilen Essen; sie werfen Essen nicht weg, sondern hängen es gut sichtbar auf;

gerettetes Essen

Vielleicht liegt es an den eigenen Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung, die viele Menschen durch die Kriege in Ex-Jugoslawien hier gemacht haben. Diese Erfahrung, dass sie selber schon mal mit Gewalt in die Fremde getrieben wurden, dort neu anfangen mußten, nur geduldet wurden.

Ständig liegt die Kriegserfahrung des Landes direkt vor unseren Augen. Wenn wir weiter Richtung Süden fahren kommen wir durch Gegenden, wo mehr als 50 Prozent der Häuser zerstört sind, wo ein Bombenkrater neben dem anderen große Hochalmen und tiefe fruchtbare Täler zerfurcht. Überall Friedhöfe. Muslimische Gräber getrennt von serbischen Grabfeldern. Es kommt uns vor, als ob Bosnien ein einziges Schlachtfeld ist. Welche Verletzungen haben die Bombenkrater, die Einschüsse in den Hauswänden, die Massenhinrichtungen hinterlassen? Das ist alles ist gerade mal so alt wie meine Kinder. Zwischen den zwei Geburten von Johanna 1991 und Clara 1995 ist das alles passiert. Ein Genozid direkt vor unserer Haustür. Wir haben weggeguckt. Die UN hat Srebenica geschehen lassen. Wir, als Kriegsgegner*innen, haben wahrscheinlich gegen einen bewaffneten UN-Einsatz argumentiert. Das macht auch Sinn, weil Militär immer mehr Gewalt und Leid mit sich bringt. Aber wo waren unsere zivilen Alternativen? Wo waren zivilgesellschaftliche Kräfte, die sich mutig zwischen die verrückt-unübersichtlichen Fronten eines ethnisch-religiös-territorial aufgeheizten Brennpunkts gestellt haben? Wo war die Pause-Taste, die es den Konfliktparteien ermöglicht hätte, mit Abstand auf die Situation zu gucken, sich zu besinnen, nachzugeben, womöglich aufzugeben…

Bei langen Autofahrten lesen wir immer wieder Neues über die Balkankriege und verstehen doch immer weniger.

Es gab Menschen, die aktiv wurden. Darunter Günther und Heike aus dem Wendland. Eine Initiative (Den Krieg überleben) habe ich noch gut in Erinnerung. Wir haben einen Sommer lang (?) ein Haus wieder aufgebaut, das ursprünglich Bosniern gehörte, die fliehen mußten. Handwerker aus Deutschland kamen für ein paar Wochen nach Caplje zum Bauen. Auch ich kam (Clara-)schwanger mit Sigrun zu Günther, der dort auf der Baustelle den Sommer (oder war es länger?) verbrachte und wir arbeiteten 3 Wochen gemeinsam am Haus.

In Sanski Most, der nahegelegenen Stadt, wirkte Heike (nach meiner Erinnerung) am Aufbau einer Frauengruppe mit, die durch gemeinsame Treffen ganz vorsichtig mit der Versöhnungsarbeit anfing. Noch jetzt gibt es in Sanski Most ein Friedenszentrum und diverse Frauenprojekte.

[Wer mehr über die Kriegsgräuel der 90er in Sanksi Most lesen möchte, kann das zum Beispiel hier tun. Triggerwarnung: Die Inhalte könnten alte Wunden aufreißen oder als sehr belastend wahrgenommen werden: https://www.focus.de/panorama/reportage/reportage-die-archaologie-des-grauens_aid_161158.html ]

Wir fahren noch einmal in das kleine Dorf, in dem ich 1995 gearbeitet haben und finden es tatsächlich wieder. Es macht mir große Freude hier zu sein, auch wenn sich die Besitzverhältnisse geändert haben. Zwei Familien, die hier lebten, konnten in ihre eigenen Häuser zurückkehren. Die neue Besitzerin weiß, dass hier mal Deutsche das Haus wieder hergerichtet haben.

Hier in Bosnien treffen sich die Fluchterfahrungen der Menschen aus dem 2. Weltkrieg, den Balkankriegen und den sich verschärfenden Lebensbedingungen in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, dem Iran, aber auch Algerien oder Marokko. Was alle eint ist, das sie nicht freiwillig gegangen sind, sondern aus einem Zwangskontext heraus geflüchtet sind. Und ein zweiter gemeinsamer Nenner ist der moslemische Glaube, der hier im Norden Bosniens zur Kraftquelle für Solidarität mit den Migrant*innen wird. Über Herkunftsgrenzen hinweg.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 2021 von Katja. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

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