Die slowenischen Grenzer können auch,

es sind nicht nur die kroatischen Grenzer, die ein inhumanes Grenzregime aufrechterhalten.

Gestern sind wir nach Buzim umgezogen. Man hat uns dort den Kontakt zu zwei unabhängig von einander arbeitenden lokalen Solipersonen hergestellt. In dieser Region gibt es keine offiziellen Camps und keine ausländischen NROs. Überhaupt ist die Region für viele People on the Move nur eine Durchgangsregion Richtung Velika Kladusa. Andererseits gibt es dort mindestens einen „prominenten“ Push-Back-Point. [Wir haben am 19.5. von Menschen berichtet, die genau dort gepushbackt wurden. Einen Tag später, als wir Schuhe und Kleidung zu den Familien in der Schule gebracht haben, kamen uns mehrere größere Gruppen entgegen, die gerade frisch aus Kroatien deportiert wurden.)

Und es gibt mehrere, kleine Squats in und um Buzim herum, in denen Menschen auf der Durchreise leben. Von ihnen kennen wir bisher aber nur einen. Offensiv im Ort danach fragen, trauen wir uns noch nicht. Dafür haben wir noch zuviel Respekt vor den Erzählungen anderer bzgl. Polizei, Abschiebung, Betätigungsverbot. Wie also bekommen wir „einen Fuß in die Tür“?

Erster Schritt: wir haben uns einen Drecks-Facebook-Account angelegt. Auf unserem Aktions-Smartphone. In Serbien wurde 2017 über WhatsApp kommuniziert, hier in Bosnien halt über Facebook.

Zweiter Schritt: Wir haben beim uns „bekannten“ Squat an die Haustüre geklopft und der ersten Person on the Move unsere Unterstützung angeboten und unseren Facebook-Account geteilt. Aktuelle Probleme (bei denen wir hätten unterstützen können) gab es in diesem Moment dort nicht.

Dritter Schritt: Wir sind zur Schule gefahren, von der wir wussten, dass die dort unterstützten Familien nun weg sein müssten. Wir wollten dort aufräumen. Aber: wir trafen dort den Hausmeister, der die sehr sauber hinterlassene Unterkunft gerade inspiziert und unsere Hilfe dankend abgelehnt hat. Einheimische Solidarität. Wir haben für die Zukunft unsere Unterstützung angeboten und sind gefahren.

Vierter Schritt: Parken und Warten auf der Straße, auf der unserer Wahrnehmung nach gepushbackte Menschen den Weg zur Infrastruktur nach Velika Kladusa suchen.

Warten. … Sind wir hier richtig? Auf dieser Straße? In dieser Region? … Warten. …

Dann endlich eine Nachricht von Alma (Rahma) aus Velika Kladusa: Eine Person on the Move ist von einer NRO medizinisch versorgt worden, ist sich aber unsicher, wie es weitergeht. Ob wir dort nachsehen und helfen könnten? Wir freuen uns, von ihr gefragt zu werden, obwohl ist nicht zu unserem örtlichen Arbeitsregion gehört und sagen zu.

Kaum sind wir losgefahren, kommt die erste Facebook-Nachricht aus dem Haus in Buzim. Hassan besitzt seit dem letzten Push-Back kein Smartphone mehr. Ob wir eines beschaffen könnten. Wir sagen zu.

[Smartphone: bei uns ein Statussymbol oder die technische Lösung, um lästigen, direkten Kontakten aus dem Weg zu gehen und manchmal nützliches Werkzeug. Für People on the Move ist es DAS Kommunikationsmittel zu ihren Familien, ihrer Reisegruppe oder Unterstützungsstrukturen. Es ist der Aktenordner für ihre Dokumente (die irgendwo in einer Cloud liegen) und der Kompass für ihre räumliche Orientierung.]

Am Abend treffen wir Hassan und übergeben ihm ein gebrauchtes Smartphone inkl. Powerbank. (Der Verkäufer im Laden erwähnte, dass die Migrants immer diese Powerbank kaufen würden.) Er ist sehr glücklich und bedankt sich. Auch später noch wiederholt via Facebook. In zwei Tagen startet er wieder Richtung Kroatien. …

Doch vorher waren wir noch bei Mohssin. Die Wege sind weit. Zumal die medizinische Anfrage für eine Region gestellt wurde, in der wir eigentlich nicht aktiv sein wollten. Unser erstes Ziel sind zwei Häuser sehr nahe der Grenze. In einem Haus treffen wir ihn und ein halbes Dutzend weitere People on the Move. Wir werden herzlich begrüßt und zum gerade stattfindenden Essen eingeladen – was wir ablehnen, weil das Essen kaum für die Anwesenden reicht. Wir können ihn beruhigen: seine Verletzung sieht gut aus. Und auch die Versorgung der Verletzung sieht gut aus.

Überraschend an diesen Tag für uns: wir haben viel Französisch gesprochen.

Beeindruckend an diesen Tag für uns: alle vier Squats, die wir bisher gesehen haben waren aufgeräumt, gefegt und sauber. In einer Art, wie wir es in Serbien nie gesehen haben. Und obwohl alle People on the Move schon mehrere Push-Backs, z.T. bis zu 27 am eigenen Körper erlebt haben, begegnet uns stets eine Aura der Zuversicht.

Als wir das zweite, sauber aufgeräumte Haus gezeigt bekommen, erzählt Mohssin kurz von seinem letzten Pushback: es war an der slowenisch-kroatischen Grenze. Vor ihm slowenische Grenzer, hinter ihm kroatische Grenzer. Die slowenischen Grenzer haben ihn nicht durchgelassen. Die kroatischen Grenzer haben ihn deportiert.

Mir kann keiner erzählen, dass die slowenischen Grenzer nicht wussten, was sie dort tun. Haben halt nur den Schengen-Raum bewacht. Wenn die kroatischen Grenzer schon nicht die EU-Außengrenze schützen können.

Während ich den Blog-Beitrag schreibe, kämpft sich Katja durch Facebook und die ersten neuen Anfragen.

Vielleicht haben wir einen Fuß in der Tür.

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