Push-backs, Tore und mögliche Nachfolger

Unsere Zeit hier nähert sich langsam dem Ende.

Gerade kommen wir von der Versorgung einer Gruppe zurück, die mit 20 Leuten in einem Nachbardorf von Subotica gestrandet ist und vieles in Ungarn verloren hat. Vieles können wir organisieren. Nur Decken sind ein Problem. Wir wissen aber, dass (wahrscheinlich) am Wochenende neue Decken kommen und nehmen uns vor, den Decken-Bedarf an bleibende Volunteers zu übergeben.

Wir suchen nach Nachfolgern, die unsere Arbeit in den Wäldern der Vojvodina fortführen. Heute Abend treffen wir uns mit einer niederländischen Gruppe, die grundsätzliches Interesse formuliert hat.

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Als wir vor ein paar Tagen immer wieder an der Grenze unterwegs waren, haben wir tatsächlich die Tore im Grenzzaun gefunden, durch die die sogenannten Push-backs, also die Ausweisung und Abschiebung der Flüchtenden stattfinden. Eigentlich sind die Tore wahrscheinlich dazu gedacht, zu Reparaturen am NATO-Draht vor dem Grenzzaun zu gelangen.

An den Toren entdecken wir hängende, im Wind flatternde DIN-A 4 Zettel. Am zweiten Tor liegt auf dem Boden ein in Urdu geschriebener feuchter weiterer Zettel. Wir stecken ihn ein.

  

Erst später finden wir raus, was für einen spektakulären Fund wir da gemacht haben: Die Geflüchteten berichteten immer wieder von einem Prozedere am Grenzzaun, bevor sie durch ein Tor abgeschoben wurden: Sie mußten laut von einem Zettel ablesen, dass sie Ungarn illegal betreten haben und gut behandelt worden sein. Sie hätten auch keinerlei Gewalt oder Mißhandlung erlebt. Wer nicht sofort ablesen wollte, wurde solange mit Tränengas direkt in die Augen bearbeitet bis er ihn ablas. Das Ablesen des Zettels haben die ungarischen Beamten dann mit Videoaufnahmen dokumentiert.

Bisher gab es keine Beweisstücke dafür. Jetzt hatten wir eine Dokument gefunden, dass vielleicht in möglichen Prozessen oder auch bei der Pressearbeit der Gruppen hier vor Ort eingesetzt werden könnte.

Mittlerweile wird an vielen Stellen, die wir direkt begutachtet haben, ein zweiter Grenzzaun durch Gefängnisinsassen und Grenzbeamte hochgezogen. Zwischen den beiden Zäunen befindet sich ein schmaler befahrbarer Kontrollweg auf dem Tag und Nacht die Geländewagen der Grenzer patroullieren.

Wie wir uns bei diesen Grenzinspektionen gefühlt haben, lässt sich nicht so einfach beschreiben. Stundenlang haben wir über Wege gebrütet, die es uns ermöglichen würden, möglichst lange unbemerkt zu bleiben. Zu unklar ist uns die Situation mit der serbischen Border-Control, zu groß die Angst vor einer direkten Ausweisung aus Serbien. Wenige Volunteers gehen so stark in die räumliche Konfrontation mit dieser Grenzsituation wie wir. Wir können unsere ganze Erfahrung aus dem Castor-Widerstand und dem Nicht-Zurückweichen einbringen. Wir bleiben auch dann nicht stehen, wenn von der ungarischen Seite ziemlich deutlich zum Stehenbleiben aufgefordert wird. Mit einem drohenden Unterton, der deutlich macht, hier geht es nicht mehr um Spaß (gehts ja sowieso nicht). Für uns aber ist klar, würde eine Schusswaffe gezogen, blieben wir stehen. Auch wenn sich plötzlich das Tor für die Grenzpolizei öffnet (zum Glück passiert das nicht) und die Grenzer in den ungarischen Korridor vor dem martialischen Grenzzaun kommen würden. Auch hier ist die Grenzpolizei erstaunt (so wie anderwo), dass wir dem Befehl nicht Folge leisten, sondern ganz in Ruhe aber zielstrebig unsere Fotos von den Toren machen.

Nach solchen Einsätzen sind wir hinterher ziemlich erschöpft. Der Körper schmerzt vor Anstrengung, der Mund ist trocken wegen des hohen Adrenalinausstoßes. Dabei taucht dann natürlich immer wieder der Gedanke an die Flüchtenden auf, die diese Situation mehrmals pro Woche erleben, wenn sie versuchen die Grenze zu überwinden.

Übrigens, alle Menschen die wir in den vier Wochen erlebt haben, sind frei von Aggression und Haß. Sie sind zutiefst verletzt, gedemütigt. Einige dabei von einer ruhigen Fröhlichkeit. Andere so stark traumatisiert, dass ihr Gesicht keine Regung mehr zeigt.