Basisversorgung

Seit einigen Tagen haben wir Kontakt zu 3 Gruppen, die außerhalb von Subotica an unterschiedlichen Orten lagern. Es sind Orte, von denen sie aufbrechen, um einen heimlichen Grenzübertritt zu versuchen oder Orte, wo sie nach einem Push-back versuchen, ein wenig Schlaf zu bekommen. Diese Orte wechseln ständig, die Anzahl der Menschen dort schwankt jeden Tag zwischen 5 und 32. Auch die Treffpunkte wechseln immer wieder.

Wenn wir eine Nachricht erhalten, besorgen wir Lebensmitteln, insbesondere Gemüse, Kartoffeln, Reis und Brot. Immer dabei ist Wasser für mindestens 2 Tage zum Kochen und Trinken. Zusätzlich Klopapier, Feuchttücher. Selten Eier und Milch, manchmal Kaffeepulver und Teebeutel. Manchmal ein Päckchen Tabak. Dann je nach Bedarf Schuhe, Jacken, Hosen, Strümpfe.

Im Moment sieht unser Tag so aus:

Wir stehen um 3 Uhr morgens auf und fahren in Grenznähe, um zurückgepushte Menschen in Empfang zu nehmen und zu schauen, was sie brauchen: Nähe, Trinken, Wärme

Ab 7/8 Uhr gehen wir in der Umgebung einkaufen und liefern dann das Essen an einen verabredeten Ort.

Um 9 Uhr ein kleines Frühstück in unserer Unterkunft. Dann ein paar Stunden Schlaf. Im Laufe des Tages meldet sich dann eine andere Gruppe bei uns und nennt ihren Bedarf. Wir gehen einkaufen. Suchen günstige Kleidung, packen das Auto neu und steuern einen neuen Treffpunkt an. Mittlerweile hat die Abenddämmerung eingesetzt. Manchmal fahren wir ohne Scheinwerfer, warten irgendwo nach Kilometern auf Sandpisten. Dann eine schnelle leise Übergabe und schon verabschieden wir uns mit einem kurzen „Take care and good luck“.

Bisher konnte Fresh Response diese Arbeit kaum leisten, weil die Vesorgung der Geflüchteten im Stadtgebiet von Subotica alle ihre Kräfte vereinnahmte. Insofern sind die Volunteers sehr froh, dass jetzt durch unsere Arbeit mehr Menschen mit dem lebensnotwendigen versorgt werden, – insbesondere die, durch die besondere Situation des völlig isoliert im Geheimen lebens, besonders vulnerable sind (Bezeichnung für Menschen mit einer erhöhten Verletzlichkeit). Das entlastet die Helfer_innen vor Ort.

Immer wieder merken wir, wie hilfreich es ist, dass wir dank der Hilfe vieler Unterstützer_innen in Deutschland, frei handeln und spontan auf existenzielle Bedürfnisse der Flüchtenden eingehen können. Das gibt unserer Arbeit hier eine gewisse zumindest finanzielle Leichtigkeit und wir würden gerne das erschöpfte, leise „Thank you“ unserer Kontaktmenschen an euch weitergeben.

 

Veröffentlicht unter 2017

Europa lässt foltern

Seit einigen Tagen sind wie so viel unterwegs, dass wir keine Kraft zum Schreiben hatten.

Um euch aber auf dem Laufenden zu halten, versuchen wir zumindest eine Begegnung zu schildern. Anderer Berichte über die letzten 3 Tage folgen.

Europa lässt foltern. Das sind harte Worte. Aber diejenigen von euch, die die Berichte in Political Critique vor einigen Tagen gelesen haben, werden unsere Wortwahl verstehen. Und auch wir begreifen immer mehr, was hier jede Nacht im Dunkeln durch staatliche Gewalt passiert.

Wir treffen morgens um 8.10 Uhr H. Er möchte nicht mit seinem Namen genannt werden. Er ist vor einer Stunde über die Grenze zurück nach Serbien abgeschoben worden (push-back), H. zittert am ganzen Körper. Seine Füsse stecken barfuss in Plastikschuhen, die ihm ein LKW-Fahrer auf dem Weg fort von der Grenze zugeworfen hat. Die Jacke, die er trägt, haben ihm andere Flüchtende gegeben; die lange Unterhose, ist wohl noch seine (es sind 5°C). Kaum betreten wir das Grundstück, wo eine Gruppe von Menschen am Rande eines Dorfes nahe der Grenze Zuflucht gesucht hat, bricht es aus ihm heraus. Stotternd berichtet er von Stockschlägen und Fußtritten. Er kann sich nicht richtig aufrecht halten. Den Kopf immer noch schützend zwischen die Schultern geduckt, beschreibt er die Traktierung mit Elektroschocks. Die Angriffe mit Pfefferspray. – Dass sie ihm die Schuhe weggenommen und vor seinen Augen zerschnitten haben. Die Jacke und Hose haben sie genommen.
Wie die Grenzleute alle ausgezogenen Menschen in einen kleinen Kreis getrieben hätten und ihrer Köpfe aneinander geschlagen hätten, wie er es noch nie erlebt hat. Dann wurden die Männer im Kreis rumgeschubst, dabei immer wieder mit Schlägen und Tritten malträtiert. Er auf den Boden geschmissen, auf ihm rumgetrampelt. Mit Water boarding sei auch schon einmal vor 2 Wochen sein Kopf unter Wasser gehalten worden, während seine Beine in der Luft strampelten. Er ringt nach Fassung. Immer wieder muss er unterbrechen. Wir schweigen immer wieder zusammen, dann ein leichtes Nachfragen von uns, und H. berichtet weiter unter Zittern. Sein Geld haben sie ihm abgenommen, es vor seinen Augen zerrissen. Sein Handy zertreten; die zwei Ringe und 2 Ketten, die er von seinen Eltern bekommen habe, abgerissen und ins Wasser geworfen. Jetzt könne er seine Mutter in Afghanistan nicht anrufen und sie würde verrückt vor Sorgen.

Seine Augen blicken entsetzt, voller Fragen, Demütigungen. Er ergreift eine offene angebotene Hand. Mehr Körperkontakt geht nicht. H. steht unter Schock.

Wir bereiten aus der Thermoskanne einen kleinen Becher Pfefferminztee mit viel Zucker zu.

Dies ist nicht Guantanamo. Dies ist eine Außengrenze von Europa mitten in Europa, 1100 km vom Wendland entfernt.

Veröffentlicht unter 2017

Verschwendung in offiziellen Camps

Ganz auf die Schnelle: In Subotica gibt es ein offizielles Camp, das Familien, aber nach unserer Information keine Menschen aus Pakistan und Afghanistan aufnimmt.

Bei einem Kurzbesuch mußten wir heute feststellen, dass im Müllcontainer vor dem Camp mehrere dutzend dicke Wolldecken sowie saubere Kopfkissen entsorgt wurden. Auf Nachfrage bei einem jungen englischsprachigen Mitarbeiter erklärte er uns, dass das alles erneuert würde. Unsere Frage, warum die existenziell wichtigen Decken nicht an die Geflüchteten auf der gegenüberliegenden Straßenseite gespendet würden, wo nachts die Menschen frieren, erwiderte er: Nein. Das wäre deren eigene Wahl dort zu leben. Deshalb würden die Dinge einfach von vom Camp weggeworfen.

Auf die Nachfrage, uns bitte seinen Namen zu nennen, drehte er sein Namensschild um und verweigerte die Angabe. Das Camp wird laut Ausschilderung u.a. vom ASB Deutschland und German Humanitarian Assistance finanziert.

Wir werden zumindest den ASB auf diesen Mißstand aufmerksam machen, insbesondere weil wir (Katja und Matthias) ja mehrere Monate in einer Notunterkunft des ASB tätig waren.

Hier sieht man nur noch ein Bruchteil der verschwendeten Wolldecken. Der Rest wurde „sichergestellt“.

 

Veröffentlicht unter 2017

Auffälliges Picknick

Nachdem wir schon mehrere Tage auf der Suche nach anderen versprengten Gruppen ziemlich erfolglos waren (auch wenn wir viele Spuren von Flüchtenden gefunden haben), beschließen wir, anders vorzugehen. Anstelle, dass wir Menschen suchen, wollen wir gefunden werden. Wir machen ein Picknick an einer gut sichtbaren Stelle am Waldrand auf einem Weg, den viele Geflüchtete in Richtung Grenze gehen. Wir klappern bewußt laut mit den Autotüren.

Wir genießen die Frühlingssonne und kochen Kaffee. Abwechselnd durchstreifen wir den Wald.

‚Ich ging durch den Wald und habe versucht Lieder zu singen, damit Menschen, die sich im Dickicht vor der Grenzpolizei verstecken, auf mich aufmerksam werden.
„Auf du junger Wandersmann…“ bei der dritten Zeile musste ich stocken.‘
[Falko]

Überall Spuren von lagernden Menschen.

Wir gehen näher an die Grenze heran und erreichen den unbewaldeten Grenzstreifen Richtung Ungarn. Dahinter ein stabiler Grenzzaun, oben mit Natodraht drauf. Dahinter noch einmal 3 Rollen Natodraht übereinander gestapelt (Nato-Draht hat kleine Schnittmesser am Draht, die scharf sind und die Haut zerschneiden). Spätestens alle 5 Minuten patroulliert ein Grenzfahrzeug auf der ungarischen Seite. Zwischendurch (bewaffnete) Fußpatroullien. Wir ducken uns, um nicht entdeckt zu werden.

Beim Aufbruch lassen wir am Picknickplatz eine große Wasserflasche, ein Brot und ein Zettel mit „Refugees Welcome“ zurück. Heute fahren wir wieder hin…

Veröffentlicht unter 2017

Im Wald

Wir erfahren von einer Gruppe, die im Wald lagert und massive Verletzungen durch Polizeigewalt in Ungarn erfahren hat. Es handle sich um einen Rippenbruch  (den wir sowieso nur mit einen Wickel aus elastischen Binden stabilisieren könnten), Hundebisse und einen Handbruch.

Wir (Matthias und Katja) fahren mit einer spanischen Aktivistin und einem mit Lebensmitteln, Wasser und gekochten Essen vollgepackten Auto auf endlosen Sandpisten (zum Glück hat es nicht geregnet) zum vereinbarten Treffpunkt.

Dort treffen wir auf viele Menschen, die in mehreren kleineren Gruppen im Wald lagern. Die Verletzungen sind schon von einem anderen Team, das wir nicht kennen, am Vortag behandelt worden. Das warme Essen der spanischen Gruppe wird schweigend verzehrt. Es ist stockfinster, nur ganz kleines Taschenlampenlicht erhellt ein wenig die Szene. Wir haben zufällig noch eine Kleinigkeit dabei – eine Rolle Toilettenpapier. Wir übergeben die Rolle an einen Flüchtenden. Dieser verteilt sie, jeder erhält drei Stücke. Zum Finger reinigen. Es gab kein Brot zum warmen Essen. Es wurde ausschließlich mit den Fingern gegessen.

Die Männer sind sehr jung, freundliche, offene Gesichter. [Auf der Kölner Domplatte würde solch eine Gruppe vorverurteilt. …. Warum?]

Wir sollen uns schnell wieder auf den Weg raus aus dem Wald machen. Wir lassen noch ein paar Decken da. Mehr wird im Moment nicht gebraucht.

Veröffentlicht unter 2017

Augenzeugenberichte von Grenzübertritten

Fresh Response ist die Initiative, die hier vor Ort frische Lebensmittel, Wasser und Kleidung für Migranten zur Verfügung stellt. Wir arbeiten jeden Tag mit den jungen, energiegeladenen Aktivist_innen aus vielen unterschiedlichen Ländern zusammen, die mehr oder weniger über Fresh Response koordiniert werden.

Fresh Response hält engen Kontakt auch zu denjenigen, die aus Ungarn zurückgeschickt werden. Dazu haben sie einen Artikel veröffentlicht, der die Polizeigewalt und auch die Orte und Menschen beschreibt, denen wir hier begegnen.

Veröffentlicht unter 2017

shower wash

Hygiene und persönliche Sauberkeit gehört mit zu den Grundbedürfnissen, die für Menschen auf der Flucht nur schwer erfüllt werden können. Um diese Situation zu verbessern, haben Volunteers ein System entwickelt, mit dem Wasser erhitzt wird und dann über einen Speicherbehälter mit einer Pumpe auf zwei Duschbrausen verteilt wird. In kleinen Duschkabinen (aus dem Campingbedarf) kann dann für die Umstände ziemlich bequem für ein paar Minuten geduscht werden. Wir reichen Seife und Shampoo an, legen saubere Unterwäsche bereit. Nach dem Duschen wechseln die Männer das Zelt und gehen in ein ScabieWash-Zelt. Dort können sie sich mit Essig-Wasser abreiben um Krätze und Filzläuse zu bekämpfen oder sich dagegen zu schützen.

Falko und Matthias erleben hautnah wie viel Freude dabei entsteht und lassen sich von der Fröhlichkeit anstecken. Wir geben den Menschen Essigwasser mit, damit sie sich in Quartieren selbständig weiter behandeln können.

Veröffentlicht unter 2017

Räumung durch die Polizei

Mittwochabend hat die Polizei ein Haus geräumt, in dem wir vorher den Scabie-Wash eingeführt hatten. Sie vertrieben die Bewohner_innen, setzten Wolldecken, Schlafsäcke und privates Gepäck in Brand. Die Menschen mußten erneut flüchten. Einige wurden von der Polizei festgenommen, Fingerprints genommen. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie innerhalb von 10 Tagen das Land verlassen sollen. (Das würden sie ja gerne, aber wie sollen sie das machen?)

Donnerstagfrüh dann Räumung einer kleiner Lagerstätte in der freien Natur. Auch da wurden Decken und zurückgelassene Kleidung von der Polizei gezielt verbrannt.

Wir machen einen Vorschlag: Was haltet ihr von einem „International Witness Team„? [Witness=Zeuge] Wir sind soviele Volunteers hier, aus mindestens 8 Ländern. Wir teilen uns auf in 2-er Teams und übernachten jeweils an Orten, wo Geflüchtete leben. Die Gruppe vor Ort veröffentlicht eine Pressemitteilung, die auch der Polizei zugestellt wird, in der die Etablierung des Witness Teams bekanntgegeben wird, als Reaktion auf Polizeiübergriffe gegen Migranten. Die Idee dahinter: Die Migranten sind völlig schutzlos gegen Polizeiübergriffe. Was schützen könnte, ist die Anwesenheit von AugenzeugInnen, die vielleicht schon durch die Ankündigung ihrer Präsenz Gewalt verhindern können. Wenn sich die Polizei davon nicht abschrecken lässt, könnten die AugenzeugInnen dokumentieren, wahrnehmen, die Öffentlichkeit informieren und Beistand leisten. Notfalls auch durch eigenes Erleben von Gewalt.

Die Strukturen sind hier jedoch so mit dem lebensnotwendigen Verteilen von Wasser, Lebensmitteln und Kleidung beschäftigt, dass dieser Vorschlag bisher keinen Raum zur Diskussion findet. Das ist total verständlich und nachvollziehbar. Der Fokus auf die Befriedigung der existenziellen Bedürfnisse der Menschen hat in der derzeitigen Situation Vorrang. Daher verfolgen wir unsere Idee erst einmal nicht weiter.

Veröffentlicht unter 2017

auf der Suche

Zwei Tage sind wir auf die Suche nach abgelegenen Lagerstätten von Geflüchteten gegangen. Wir haben bestimmte Kriterien aufgestellt, nach denen wir eine große Region abgesucht haben. Zum Schutz der Geflüchteten können wir hier weder unsere Kriterien darstellen noch euch genau sagen, wo wir alles waren.

Unsere Idee dahinter war, dass es Menschen gibt, die abseits der größeren Bewegungen auf dem Weg sind, aber keine Unterstützung durch Aktivist_innen erfahren. Und diese Menschen brauchen vielleicht nicht viel: Noch mal Wasser, Zuspruch, ein wenig medizinische Hilfe. Vielleicht auch nochmal ein neues Paar Schuhe oder Handschuhe.

Veröffentlicht unter 2017

scabie-wash Dokumentation

Gerade kommen wir von einem Treffen der scabies und shower Gruppe: Dort wurde das weitere Vorgehen in Bezug auf warme Duschen und den Umgang mit Krätze und Läusebefall abgesprochen.

Wir konnten dort unseren Projekt-Abschluss-Bericht vorlegen, den ihr hier findet, wenn ihr Interesse habt, mehr über unseren medizinischen Ansatz zu lesen, der die Menschen auf der Flucht zumindest im Aspekt der eigenen Gesundheitsfürsorge selbstermächtigen kann.

Wir haben uns sehr gefreut, dass unser neuer Ansatz, der bisher nach unseren Erkenntnissen nicht praktiziert wurde, Anklang fand: Bei den Volunteers hier vor Ort genauso wie bei den Flüchtenden. Alte Hausmittel haben also immer noch ihren Wert und sie bezeugen mal wieder, dass sie damit auch eine wichtige Rolle in einer selbstbestimmten Gesundheitsfürsorge haben. Danke an die weisen Frauen und Alten, die diese Rezepte und Erfahrungen auch in unserem modernen Internet zur Verfügung stellen.

[Exkurs: Als wir mit unserem „Krätze-Projekt“ begonnen haben, waren wir uns über die Sinnhaftigkeit nicht so sicher. Man hatte uns darum gebeten. An Krätze stirbt man nicht, Krätze ist in vielen Regionen der Welt ein allgegenwärtiges Miteinander von Mensch und Parasit.

Uns war sofort klar, dass an diesem Ort die Ausrottung von Krätze unmöglich sei. Und die Frage stellte sich, ob eine massive Bekämpfung an diesem Ort unter diesen Umständen bei dieser Fluktuation überhaupt sinnvoll sei.

Heute können wir sagen, es war ein gutes Projekt. Wir haben erlebt, dass sich Menschen nach der Behandlung besser fühlten, wir haben erlebt, dass Flüchtende begriffen haben, dass sie mit der Methode prophylaktisch tätig werden können und wir haben erlebt, dass unser Ansatz bei den örtlichen Volunteers auf fruchtbaren Boden gestoßen ist. Verhaltener, ärztlicher Widerstand konnte überwunden werden. Mit Hilfe unseres Papiers wird die Shower-Gruppe nun versuchen, den Einsatz von Essig gegen Krätze einzubinden. Glücklicherweise mit dem Anspruch: Angebot zur Befallreduzierung und nicht zur Befalleliminierung. Und auch ein Volunteer hat gelernt, dass er Menschen mit Krätze die Hand geben und sie umarmen kann.]

Veröffentlicht unter 2017