In den Schützengräben der Vergangenheit

Heute sind wir mit dem Mann unserer bosnischen Soliperson aus Buzim und unserer super Übersetzerin Hazana zu einem bosnischen Denkmal in der Wildnis an der östlichen Grenze von Bosnien zu Kroatien gefahren.

Spomenik im Nirgendwo von Una-Sana

Die Spomeniks sind ungewöhnliche Gebilde, ursprünglich um den kämpfenden Partisanen unter Tito während des 2. Weltkrieges unter anderem gegen die deutsche Wehrmacht zu gedenken, gibt es sie mittlerweile auch als (Kriegs-)Denkmal für die Bürgerkriege in Jugoslawien. (zu dieser ganz besonderen Form der Erinnerungskultur gibt es unter http://peopleandspomeniks.com/?p=30 einen spannenden Artikel.)

Es ist ein besonderes Gefühl mit jemandem hier oben zu sein, der genau an dieser Stelle gekämpft und auf Serben geschossen hat. Und das gerademal vor gut 30 Jahren. Viele seiner Freunde sind hier umgekommen. Es ist ein Weg in die Vergangenheit und in den Verlust und doch ist da eine Heiterkeit. Nein, die Serben seien nicht mehr die Feinde. Es wäre zur Aussöhnung gekommen. Das ganze sei sehr lange her. Hazana ist skeptisch, wie kann es sein, dass Feinde Freunde werden? Sie ist im Englischen so fit, dass ich ihr die Idee der „Reconciliation/ Versöhnung“ erkläre.

Später erklärt sie offen, sie würde sich manchmal nicht sicher mit Fremden fühlen. Und wir wären ja Fremde – eigentlich. Auch da stößt sie was an, will etwas von mir und ich steige ein. An diesem Ort, wo ihr Vater wahrscheinlich Männer getötet hat, sie sich unsicher fühlt, erkläre ich ein ganz wenig von der Idee des Transgenerationalen Traumas, dass es Dinge gibt, die nicht uns passiert sind, sondern unseren Eltern und Großeltern und die wir trotzdem noch ein wenig in uns tragen. Ich habe das Gefühl, plötzlich fügt sich was in ihrem Innern zusammen, sie atmet ein wenig freier, sucht noch mehr meine Nähe. Sie ist schon so weise und dabei noch so klein. Aber sie hat eine Geschichte, eine jugoslawische, bosnische, muslimische Geschichte. Und sie hört viele Geschichten der Migrants.

Der Blick von hier oben ist wunderbar. Er geht weit über die Hügel bis fast nach Bihac, weiter im Norden über Kroatien. Wären da nicht die Warnschilder, die vor ungesprengten Minen im Gelände warnen.

Auf der Rückfahrt gehen die intensiven Gespräche mit Hazana weiter. Über Allah, Gott, den Quran, die Bibel, über Gastarbeiter und Streiks, über Tierhaltung und Vegetarismus…. Ein Streifzug mit einer 10-jährigen durch die ganze Welt, in einem kleinen verräucherten Auto auf eine Sandpiste im Nirgendwo von Bosnien.

Auf der Couch beim Mittagessen mit der Familie schlafe ich fast ein. Habe ich richtige Antworten gegeben? Habe ich Hazana überfordert? Wie sieht es mit ihrem Recht auf Kindheit bei Dolmetscherdiensten aus? (Dazu habe ich extra mal für meine Familienhebammentätigkeit mit migrantischen Familien eine Fortbildung beim Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen gemacht….) Habe ich /haben wir diesen Schutz gebrochen?

Wir sehen die Familie sicherlich bald wieder, dann können wir da noch mal nachhaken.

Der Nachmittag vergeht schnell: Eine kleine 3-er Gruppe wandert nach Norden. Sie klagen über Knieschmerzen durch Schläge von der Polizei. Wir können gegen die Prellung wenig machen, stattdessen gibt es Masken, Desinfektionstücher für die Hände, Schokolade und Kekse für den Grenzübertritt heute Nacht.

Eine zweite größere Gruppe braucht Versorgung für eine Wunde auf einer Hand und Mundspülung für einen eitrigen Zahn.

Den Abend verbringen wir mit Buchung unserer Ausgaben und Vorbereitungen für den nächsten Tag.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in 2021 von Katja. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

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