bosnische Staatsgewalt

(Triggerwarnung: Die nachfolgenden Inhalte beschreiben in Text und Bild Misshandlungen an Menschen. Sie könnten zu emotionalen Belastungen bei Lesenden führen und alte eigene Gewalterfahrungswunden aufreißen)

Nachts um 23 Uhr erreicht uns ein Video von Hassan per Facebook. Er selber filmt seinen mit Plastikfesseln auf dem Rücken gefesselten Freund, der verletzt auf einem Waldboden liegt. Er fleht um Hilfe: „Mama Silver“ in Bezug auf unser Facebook-Account „Silver Bird“. (viele helfende Frauen* werden hier „Mama“ genannt und in ihrer „Mütterlichkeit*“ von Flüchtenden zum Teil stärker wahrgenommen, als männliche Unterstützer*). Zuerst scheint es, als ob die am Boden liegende Person nicht mehr am Leben ist. Große Erleichterung, als sie sich bewegt.

Polizeiübergriff auf Migranten. Nähe Buzim. BiH. 23.5.2021

Zuerst denken wir, dass es sich um Verletzungen durch kroatische Grenztruppen handelt, allerdings liegt der Standort der beiden Misshandelten zwischen Buzim und der Grenze, an einer kleiner Straße im Wald eindeutig auf bosnischen Gebiet. Die Info, die Hassan dazuschreibt ist immer wieder: „Police Buzim“.

Gerade, wo ich das schreibe, steht ein Polizist drei Meter neben mir. Die selbe Einheit, die hier für die Mißhandlungen zuständig ist.

In der Nacht trauen wir uns nicht, in den Wald zu fahren. Es herrscht immer noch Ausgangssperre (wie wir später erfahren, ist sie genau um 0 Uhr in dieser Nacht aufgehoben worden) und es gibt ja das absolute Transportverbot – das wir allerdings für absolute lebensbedrohliche Zustände wahrscheinlich gebrochen hätten ( so wie in Serbien auch schon).

Beide Verletzten schreien danach, dass wir den USA Bescheid sagen, was hier passiert.

Irgendwann sind die Plastikfesseln durchgeschnitten und wir telefonieren mit den beiden im Wald. Sie sind völlig aufgelöst, analysieren die Übergriffe als Rassismus. Aber sie planen schon zu Fuss zum Gesundheitszentrum nach Buzim zu gehen. Das heißt, sie sind irgendwie handlungsfähig. Wir verabreden, dass wir um 9 Uhr in ihr „Haus“ kommen um zu reden und zu schauen, was wir medizinisch noch tun können. Immer wieder wiederholen wir diesen Satz in dem 12-minütigen Telefonat: „Yes, we will meet. And now you walk to the hospital.“ Es wirkt wie ein Mantra, ein Anker in dieser Ausnahmesituation. Irgendwann können wir das Telefonat beenden.

Später erfahren wir von der lokalen Soliperson, dass sie mit ihrem Mann in den Wald gefahren ist und die beiden ins Krankenhaus gebracht hat. Danach war sie auf der Polizeiwache und hat sich noch in der Nacht über das Verhalten der Polizei beschwert:

Sie schreibt:

„Aber die Polizei schützt sich gegenseitig. Es gibt keine Gerechtigkeit. Ich möchte dass diese Polizisten morgen ihre Arbeit verlieren und meine Kinder (Migranten) nicht von solchen Monstern geschlagen werden.

(am Tag später im Kontakt mit einem anderen Migranten)

„Sie haben das gleiche mit einem anderen Migranten gemacht. Sie tun es immer noch. Genug! Jemand muß reden. Sie nahmen ihm sein Telefon ab. Zuher called me. They take him again somewhere. He was scared and he cried. I went to the police and begged them. I cried to call the patrol to bring him back. They didn`t listen to me and beat him again. This is horrible. They lied to me that they called the patrol and that no one whold beat him. They protect each other. What should we do?“

Erneute Übergriffe, Buzim, BiH, 24.5.2021

Um 9 Uhr schlafen noch alle Bewohner in dem Haus und wir schreiben per Facebook, dass wir abends wieder kommen.

Wir fahren wieder zum Haus nahe der kroatischen Grenze (siehe Blog von gestern). Ich treffe 11 Personen aus Afghanistan, die in der Nacht zuvor gepushbackt wurden. Unter ihnen ist ein ehemaliger Dolmetscher, der zwei Jahre für die Bundeswehr in Kundus und Mazar El Sharif gearbeitet hat und zwei Jahre für die Nato. Aufgrund seiner Arbeit wurden sieben enge Familienangehörige getötet, es gab vier Angriffe auf sein Haus. Dann entschied sich die Familie zu gehen. Mutter und zwei Geschwister sind schon in Deutschland. Er hängt mit seiner 15-jährigen Schwester in Bosnien fest. Beide möchten gerne den letzten Push Back aus Sicht der Schwester dokumentieren und so hocken wir uns in einen kleinen halboffenen Stall. Es brennt ein klitzekleines Feuerchen, dass an diesem kühlen Tag nicht genug Wärme bringt. Wir hocken auf Ziegelsteinen, ich maskiert, in direkter Körpernähe zu den erzählenden Menschen. (Das ich mich irgendwie gefährden könnte, ist mir klar und ich gehe das blöde Corona-Risiko bewußt sein. Es ist eine Wertabwägung).

Wir rufen die PuschBackMap auf meinem Laptop auf. Dort die Seite auf Urdu. Die super geschriebenen Infos werden laut vorgelesen. Es scheint, die Gruppe versteht die Intention der öffentlichen Erfassung von Push Backs. Wir fangen an, gemeinsam den Fragebogen auszufüllen. In den Freitextfeldern werden mir folgende Inhalte diktiert:

„The male officer were laughing. They shot with electric device at the neck. They burned our clothes. Even a family did not get water for a Baby. They shot real bullets at the side of us when wie tried to pick up our raincoat from the ground. It was dark all the same. They cut a diaper of a baby to search for mobile phone.

3 commandos from Border Police/Military???? with covered face mask in grey, only eyes were seen. They wore green pants and jackets and a woolen black hat. 6 policemen including one female policewoman were wearing black uniforms with „Policija“. One Lady was very brutal. She was about 45 years. She had no mercy, she is brutal. She is very strong, very tall (185 cm) even the women she hit. The 2 year old she liftet up high in the air to tear her diapers. All of us were very scared of this woman. We are immigrants not criminals.

I am 15 years old, girl, from Afganistan. My mother is in Germany since one year. She is in hospital. I miss her a lot. Also my brother and sister are in Germany. I can not live without my mother. I have no one in Afghanistan. Just me and my brother who is together with me on this journey. He worked for german military as well as Nato-Alliance in Mazar El Sharif, Kunduz, Kabul. Because we lost 7 closest members of our family, including our father. My father was an active employer of Afghanistan Government. He was killed by unkown people at the same time. We were attacked 4 times in our house but they failed. We had no other option then to flee from Afghanistan. It has been a year that I have been seperated from my mother. My only crime is that I want to join my family. Now I face military forces who don`t want me to meet my mother.

Abends gelingt es uns endlich Hassan zu treffen. Er berichtet noch einmal ganz genau von dem Übergriff und klärt für uns endgültig die Frage, welches Land hier gewalttätige Übergriffe auf schutzbedürftige Menschen ausübt. Es ist doch nicht nur die kroatische Grenzpolizei. Staatliche Gewalt ist einem Nationalstaatensystem inhärent – es ist untrennbar verbunden. No Nation – No Border!!!

Wir müssen heute zusammen mit der bosnischen Soli-Familie analysieren, ob unser Hiersein damit zu tun haben könnte und was gegen eine Fortführung der bosnischen Polizeigewalt unternommen werden kann.

In den Schützengräben der Vergangenheit

Heute sind wir mit dem Mann unserer bosnischen Soliperson aus Buzim und unserer super Übersetzerin Hazana zu einem bosnischen Denkmal in der Wildnis an der östlichen Grenze von Bosnien zu Kroatien gefahren.

Spomenik im Nirgendwo von Una-Sana

Die Spomeniks sind ungewöhnliche Gebilde, ursprünglich um den kämpfenden Partisanen unter Tito während des 2. Weltkrieges unter anderem gegen die deutsche Wehrmacht zu gedenken, gibt es sie mittlerweile auch als (Kriegs-)Denkmal für die Bürgerkriege in Jugoslawien. (zu dieser ganz besonderen Form der Erinnerungskultur gibt es unter http://peopleandspomeniks.com/?p=30 einen spannenden Artikel.)

Es ist ein besonderes Gefühl mit jemandem hier oben zu sein, der genau an dieser Stelle gekämpft und auf Serben geschossen hat. Und das gerademal vor gut 30 Jahren. Viele seiner Freunde sind hier umgekommen. Es ist ein Weg in die Vergangenheit und in den Verlust und doch ist da eine Heiterkeit. Nein, die Serben seien nicht mehr die Feinde. Es wäre zur Aussöhnung gekommen. Das ganze sei sehr lange her. Hazana ist skeptisch, wie kann es sein, dass Feinde Freunde werden? Sie ist im Englischen so fit, dass ich ihr die Idee der „Reconciliation/ Versöhnung“ erkläre.

Später erklärt sie offen, sie würde sich manchmal nicht sicher mit Fremden fühlen. Und wir wären ja Fremde – eigentlich. Auch da stößt sie was an, will etwas von mir und ich steige ein. An diesem Ort, wo ihr Vater wahrscheinlich Männer getötet hat, sie sich unsicher fühlt, erkläre ich ein ganz wenig von der Idee des Transgenerationalen Traumas, dass es Dinge gibt, die nicht uns passiert sind, sondern unseren Eltern und Großeltern und die wir trotzdem noch ein wenig in uns tragen. Ich habe das Gefühl, plötzlich fügt sich was in ihrem Innern zusammen, sie atmet ein wenig freier, sucht noch mehr meine Nähe. Sie ist schon so weise und dabei noch so klein. Aber sie hat eine Geschichte, eine jugoslawische, bosnische, muslimische Geschichte. Und sie hört viele Geschichten der Migrants.

Der Blick von hier oben ist wunderbar. Er geht weit über die Hügel bis fast nach Bihac, weiter im Norden über Kroatien. Wären da nicht die Warnschilder, die vor ungesprengten Minen im Gelände warnen.

Auf der Rückfahrt gehen die intensiven Gespräche mit Hazana weiter. Über Allah, Gott, den Quran, die Bibel, über Gastarbeiter und Streiks, über Tierhaltung und Vegetarismus…. Ein Streifzug mit einer 10-jährigen durch die ganze Welt, in einem kleinen verräucherten Auto auf eine Sandpiste im Nirgendwo von Bosnien.

Auf der Couch beim Mittagessen mit der Familie schlafe ich fast ein. Habe ich richtige Antworten gegeben? Habe ich Hazana überfordert? Wie sieht es mit ihrem Recht auf Kindheit bei Dolmetscherdiensten aus? (Dazu habe ich extra mal für meine Familienhebammentätigkeit mit migrantischen Familien eine Fortbildung beim Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen gemacht….) Habe ich /haben wir diesen Schutz gebrochen?

Wir sehen die Familie sicherlich bald wieder, dann können wir da noch mal nachhaken.

Der Nachmittag vergeht schnell: Eine kleine 3-er Gruppe wandert nach Norden. Sie klagen über Knieschmerzen durch Schläge von der Polizei. Wir können gegen die Prellung wenig machen, stattdessen gibt es Masken, Desinfektionstücher für die Hände, Schokolade und Kekse für den Grenzübertritt heute Nacht.

Eine zweite größere Gruppe braucht Versorgung für eine Wunde auf einer Hand und Mundspülung für einen eitrigen Zahn.

Den Abend verbringen wir mit Buchung unserer Ausgaben und Vorbereitungen für den nächsten Tag.

Warum musstet ihr flüchten?

Diese Fragen stellen manchmal solidarische Menschen an diejenigen, die sich auf den langen Weg nach Europa in eine bessere Zukunft machen. Gestern ist auch uns diese Frage gestellt worden. Und das kam so:

Am Morgen haben wir uns mit Alma von der Nichtregierungsorganisation (NRO) Rahma getroffen. Sie hat eine bosnische Soli-Gruppe gegründet, die mit vielem hilft, was hier gebraucht wird. Sie ist gut vernetzt mit anderen NROs und Soli-Personen und bringt uns in Kontakt mit einer bosnischen Frau aus Buzim (sie wird von den Flüchtenden hier „Mama“ genannt. Wir veröffentlichen ihren Namen an dieser Stelle nicht). Sie spricht ein wenig englisch und lädt uns zusammen mit ihrem Mann zu ihrer Familie nach Hause ein. Dort erwartet uns eine redegewandte 10-Jährige, die im wunderbarsten englisch (durchs fernsehen gelernt) anfängt mit uns zu plaudern.Wir erzählen ihr, dass wir aus Deutschland kommen und was wir zuhause so tun. Dann traut sie sich zu fragen: „Warum mußtet ihr flüchten?“

Ihr Erfahrungsschatz mit People on the move ist sehr hoch. Regelmässig kommt jemand zum Duschen zur Familie. Sie scheint viele Gespräche mit diesen Menschen aus aller Welt zu führen und diesmal dachte sie halt, jetzt seien mal Flüchtlinge aus Deutschland gekommen. Vielleicht (und hoffentlich?) wird diese Frage zum ersten und letzen Mal an uns gerichtet, aber sie zeigt, wie schnell jede*r von uns zum Flüchtling werden kann.

Nachmittags treffen wir uns mit einer anderen bosnischen Soliperson, dessen Name auch hier ungenannt bleiben wird. Er organisiert eine Übersetzerin für uns und wir fahren mit zwei PKW von Buzim Richtung Nord-Osten. In einem verlassenen kommunalen Gebäude sind 2 Familien untergekommen. Sie zelten in einen Klassenzimmer, ein alter Bollerofen bringt gut Wärme. Aber draußen stehen sie mit T-shirt und Badelatschen in der recht frischen kühlen Luft. Die bosnische Organisation unseres Guides an diesem Tag, bringt täglich Lebensmittel zu den verschiedenen „Squats“, aber hat keine finanziellen Möglichkeiten für NFI (Non-Food-Items: alles außer Lebensmittel). Wir hören uns die gesundheitlichen Sorgen an und versprechen, am nächsten Tag mit Medikamenten wiederzukommen. Es sind die Rückenschmerzen (häufig bei den männlichen* Reisenden), auf deren Schulter nicht nur der schwere Rucksack, sondern auch die Last für die ganze Familie lastet (nach ihrem eigenen Empfinden) (natürlich tragen auch die Frauen* eine große Last, aber hier manifestieren sich die Beschwerden eher im Unterleib). (Verallgemeinerungen sind blöde, und doch lassen sich irgendwie Beobachtungen aus Erfahrungen mit angekommenen Menschen in Deutschland mit hinzuziehen).

Morgen wollen sie wieder einen erneuten Versuch zur Grenzquerung nach Kroatien wagen. Sie brauchen 10 Paar feste Schuhe, vier Sweatshirts, Strümpfe, zwei Schlafsäcke und einen großen Rucksack.

Auf unserer Rückfahrt treffen wir eine alleinreisende Mutter mit zwei Kinder. Ihr wurde alles Geld und das Handy weggenommen. Da die Orientierung nur über eine App auf dem Handy läuft, ist sie eigentlich völlig aufgeschmissen. Wir bieten ihr Essen aus dem Kofferraum an, aber sie lehnt ab. Wir dürfen sie nicht im Auto mitnehmen, es könnte unserer sofortige Ausreise zur Folge haben und ist vielleicht sogar eine Straftat???? Es fühlt sich beschissen an, dass wir uns den staatlichen Vorgaben beugen. Wir geben ihr 20€ und wünschen ihr alles Gute. Die drei ziehen weiter.

Eine andere Gruppe aus 11 Personen lagert ein Stück weiter am Straßenrand. Die Gesichter sind regungslos. Ein 2-jähriges Kind summt immer die selbe Melodie vor sich in. Die Frauen klagen über Atemnot und Übelkeit. Die Männer seien geschlagen worden von der kroatischen Polizei vor der Rückschiebung (Push-Back). Es ist sehr still. Wir holen Bananen und Äpfel aus dem Kofferraum. Es fehlt die Energie, sie zu essen. Wir setzen uns zu ihnen. Es ist nicht die richtige Zeit zum reden. Einfach da sein. Den Kummer, die Verzweifelung spüren. Nichts gut machen wollen, weil nichts da ist zum gut machen. So viel Hilflosigkeit und Ohnmacht. Da sitzen 7 Erwachsene im Dreck am Rande der Straße, sechs Kinder liegen daneben und alles 1300 km von Meußließen, 1345 km von Gedelitz entfernt (wie weit ist Mallorca entfernt?- ich werde zynisch- gerade nachgeguckt: 2100km). Vor unserer Haustür halten wir Zentraleuropäer Menschen davon ab, eine Heimat zu finden, wir jagen sie durch Wälder (mit Hilfe von privaten Sicherheitsdiensten und Frontex) und dass alles auf europäische Weisung und finanziert durch jeden von uns.

Den Rest des Abends sind wir beschäftigt, die NFI-Sachen zu kaufen und eine Apotheke zu finden, in der wir die Medikamente bekommen (was uns auch gelingt und wo wir extrem freundlich behandelt werden und offen über unsere Arbeit reden können- Danke an eine NRO (auch ungenannt), die uns diese Apotheke empfohlen hat).

Spät abends fällt unser Abendessen aus. Stattdessen gibt es Chips aus der Tüte. Auch lecker.

Mit White Card statt Sans Papiers

Wie priviligiert wir sind, erfahren wir nach Ausstellung der White Card.

In Bosnien, wie in anderen Ländern der Welt auch, müssen sich Ausländer*innen nach Einreise bei der örtlichen Polizei registrieren und ihren genauen Aufenthaltsort, Grund ihrer Anwesenheit und persönliche Daten angeben. Erst dann halten sie sich legal im Einreiseland auf.

Seit Freitag sind wir nun schon hier und waren bisher noch nicht im Besitz dieser Aufenthaltserlaubnis (White Card). Heute morgen dann endlich die Übergabe der weißen Karten an uns.

Erleichterung macht sich breit, wäre es doch sonst vermutlich viel schwieriger in Polizeikontrollen und evtl. könnte es auch zur erzwungenen Ausreise führen. Wir sitzen über dem wichtigen Dokument und freuen uns. Aber wieviel Aufwand und Bangen war es für uns im Vergleich zu den Menschen ohne Papiere (Sans Papiers) oder ohne die richtigen Papiere?

Wozu braucht es nationalstaatliche Papiere, Zugänge nur für priviligierte Menschen? Warum reicht nicht das reine Menschsein, vielleicht mit einem Dokument, dass eine*n als Weltenbürger*innen XYZ ausweist?

Was machen nationalstaatliche Grenzen mit uns? Welche Herrschaftsstrukturen und damit auch Ausgrenzungsstrukturen schaffen sie?

Es gibt ein Lied von Dota, dass mir in meinem Leben sehr wichtig geworden ist. Grenzen von Menschen achten, Grenzen zwischen Staaten einreißen:

Wer ist drin, wer ist draußen
Ich male eine Linie, du darfst nicht vorbei
Da trifft Luft auf Luft
Da trifft Land auf Land
Da trifft Haut auf Blei
Wo ist oben, wo ist unten
Wer könnte, wer wollte das ändern
Was geschieht in den Ländern
An ihren Rändern

Es gibt Frontex und Push-Backs
Zäune, Waffen, Flüchtlingsabwehrkonferenzen
Das Mittelmeer wird ein Massengrab
Es gibt Grenzen

Sie führen zu Nationalismus mit seinen bekloppten Konsequenzen
Man entrechtet Leute nur weil sie von irgendwoher kamen
Es gibt Grenzen

Ich melde mich ab
Ich will einen Pass wo Erdenbewohner drin steht
Einfach nur Erdenbewohner
Sag mir bitte wohin man da geht
Ich melde mich ab
Ich melde mich um
Es kann doch so schwierig nicht sein
Schreibt einfach nur Erdenbewohner da rein

Wir ziehen eine Grenze im Himmel
Ein Gott ist hier und einer ist dort
Dann drohen sie sich mit den Fäusten
In Ewigkeit und sofort
Da muss es was besseres geben
Frieden bringt kein Götterbote
Wir haben es ein paar tausend Jahre mit Grenzen versucht
Es gab sehr viele Tote

Nennt mich Naiv
Es ist mir egal aber ich finde es reicht
Ich suche das Land indem jeder dem Anderen in Staatsunangehörigkeit gleicht

Ich melde mich ab
Ich will einen Pass wo Erdenbewohner drin steht
Einfach nur Erdenbewohner
Sagt mir bitte wohin man da geht

Ich schließe die Tür und genieße die Stille
Ich grenze mich ab dass muss sein
Jeder hat seine Grenze die ihn umgibt
Sie schließt ihn schützend ein

Jeder Übergriff jeder Schlag
Verletzt ein Menschenrecht
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?

Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen aber zwischen den Menschen
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein sondern aus Respekt
Es gibt Grenzen

Wer das Lied nachhören möchte: https://www.youtube.com/watch?v=r_2ranQG0hI

Veröffentlicht unter 2021

Corona

Bosnien Herzegowina ist Hochinzidenzgebiet und dass schon seit Monaten. (Seit heute, 17.5. nur noch Risikogebiet)

Eine freundliche Begrüßung beginnt hier im Kanton Una-Sana mit einem festen Handschlag. Gerne kommt man sich beim Beugen übers Handy näher. Die Menschen sind uns nahe, wie lange nicht mehr. Überall hängen Schilder, die zum Maskentragen verpflichten. Auf den Straßen, wenn es eng wird, und umsomehr in Innenräumen, wie Supermärkten und Büros. Aber keineR hält sich dran.

Gestern Abend wurde direkt neben unserer Unterkunft mit 30 Menschen eng an eng gefeiert. Corona gibt es eigentlich nicht. Doch dann von 23 bis 5 Uhr morgens ist Ausgangssperrre. Wer erwischt wird, zahlt 250€ Bußgeld. Wir fragen uns, was diese Ausgangssperre soll, wenn die restlichen 18 Stunden der Alltag wie gewohnt läuft, ohne Abstand und Masken.

Wir sind verunsichert. Wie sollen/wollen wir uns in der Öffentlichkeit bewegen? Wir würden gerne Maske tragen, aber als einzige mit Maske? Was sind die Signale davon? Wir als Ausländer*innen erleben euch Bosnierer*innen als Gefahr?

Wie hoch ist die Gefährdung für uns im öffentlichen Raum? Montag testen wir uns wieder. Das haben wir zweimal in der Woche mit hochwertigen Schnelltests geplant. Mal sehen, wie wir in 2 Wochen mit Corona umgehen werden.

Was klar für uns ist: Im direkten Kontakt mit People on the Move (PoM) werden wir Maske tragen, so wie die anderen medizinischen Helfer*innen hier auch. Die Flüchtenden selber haben kaum noch Zugang zu Masken, hier in der Region haben die NGOs keine medizinischen mehr für PoM und FFP 2 Masken schon gar nicht. Wir haben 800 medizinische Masken dabei, die wir in den nächsten Wochen gezielt verteilen werden.

Veröffentlicht unter 2021

Auf dem Weg

Heute mittag sind wir auf dem Weg durch Österreich. Unsere Abreise gestern ist reibungslos verlaufen. Viele Mails, sms oder Anrufe erreichten uns noch und wir fühlen uns von vielen Menschen begleitet. Auch freuen wir uns über eure Spenden, die uns die Arbeit erleichtern werden.

Den obligatorischen PCR Test haben wir gestern Mittag am Leipziger Flughafen abnehmen lassen. Leider stellte sich bei der Anmeldung heraus, dass die Professionalität nicht sehr hoch ist. So bangen wir um unsere Ergebnisse, da wir ja innerhalb von 48 Stunden nach Abnahme in Bosnien einreisen müssen und die Transitbestimmungen für Österreich, Slovenien und Kroatien sehr streng sind.

Gestern abend fiel uns der jährliche „Annual Torture Report 2020″ des Border Violence Monitoring Network“ in die Hände. 2017 haben wir mit der Dokumentation der Push Back Gates (kleine Tore im ungarischen Grenzzaun durch den illegale Ausweiungen stattfinden) eine kleinen Beitrag für diese Datenbank beigetragen, der bis heute dort hinterlegt ist. In dem Bericht gibt es einen Schwerpunkt zu Kroatien https://www.borderviolence.eu/wp-content/uploads/Croatia_Torture_2020.pdf und damit zu der Region, zu der wir uns zuerst aufmachen.

Veröffentlicht unter 2021

Das Jüngste ist 3 Monate alt…

Aktuellen Berichten von einheimischen Volunteers zufolge hat sich die Situation in Bosnien massiv verschärft. Der Una-Sana-Canton (der Landesteil zur EU-Außengrenze, Kroatien) sei auf den Kopf gestellt, so die Aussage von Sanela, die mit ihrem kleinen lokalen Rote-Kreuz-Team (siehe auch Blogbeitrag 14.01.2020) Tag und Nacht in Kljuc an der unsichtbaren innerbosnischen Grenze harte, ehrenamtliche Arbeit leistet, um dem Strom der Menschen on the move zu begegnen.

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Veröffentlicht unter 2020

“Freedom of Movement – is everybody’s right”

Vor gut einem Monat kamen wir in Bosnien an. Jetzt sind wir zurück, die europäische Grenze wie im Schlaf passiert, die so viele Menschen trennt zwischen Hoffnung und Gewalt, deren Überqueren so viel Leid bedeuten kann. Wir sind zurück in den sicheren vier Wänden, in der Wärme des hiesigen Wohnstandards. Jede*r empfand die Rückkehr etwas anders. Von Dankbarkeit in Frieden, Wärme, Freiheit und Sicherheit tagtäglich aufwachen zu dürfen bis hin zu dem Widerstand, die Eindrücke und Erzählungen nicht harmonisieren zu wollen mit der eigenen Erlebniswelt in Deutschland. Wir sind zurück, doch die unhaltbare Situation bleibt.

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Veröffentlicht unter 2020

Erfahrungsberichte und Erzählabende

Im Laufe der folgenden Wochen und Monate wird es mehrere Veranstaltungen geben, bei denen wir von unseren Erfahrungen berichten werden. Diese finden im Sauerland (Warstein), im Rheinland (Köln) und eventuell auch im Wendland statt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Erster Termin: 16. Februar in Warstein
Zweiter Termin (Terminänderung!!!): 27. Februar im AZ in Köln
möglicherweise noch ab April im Wendland: aktuelle Infos dazu folgen…

Veröffentlicht unter 2020

Rückkehr

Seit einer knappen Woche sind wir wieder zurück. Ich kann nicht für alle sprechen, aber mein Ankommen ist nicht nur leicht. In den letzten Tagen in Bosnien habe ich vier Interwiews mit People on the move geführt. Die dabei entstandenen Aufnahmen habe ich mir gerade das erste Mal angehört. Auf einmal war alles wieder sehr nah und ich habe mich hilflos gefühlt. Hilfloser, als während der ganzen Zeit in Bosnien. Dort konnte ich zumindest ganz lokal etwas tun. Wohin mit der Wut, über diese rassistische Welt? Wohin mit der Geschichte Bosniens, die mich nachhaltig berührt hat.

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Veröffentlicht unter 2020