viele kleine Schritte

Freitag, 15.4.2016

Manche medizinischen Probleme von gestern abend stellen uns vor einige Hürden. Wir recherchieren passende Medikamente, quälen uns durch langwierige Bestellvorgänge in den Apotheken, befragen Ärzte und versuchen Lösungen zu finden. Gerade die Spenden die der Verein für diesen Griechenlandeinsatz von vielen Menschen erhalten hat, geben uns Spielraum, das Nötige zu beschaffen. Heute sind außer Medikamenten noch Klarsichthüllen für die von den Geflüchteten mitgeführten Dokumenten, die Wind und Wetter ausgesetzt sind, drei Fussbälle, ein Ersatzakku für eine hier gestrandete (jetzt als Flüchtling lebende) junge Frau, damit sie mit ihren Familienangehörigen in Deutschland Kontakt aufnehmen kann, dabei.

Matthias leistet Erste Hilfe

Matthias leistet Erste Hilfe

Matthias bereitet den möglichen Transport eines schwerkranken Patienten in die Schweiz vor. Morgen sollen Mitarbeiter_innen einer schweizer Organisation kommen, um zu entscheiden, ob es wirklich klappt. Heute macht Matthias eine möglichst tiefe Krankenanamnese und erstellt ein Aufstellung über die dazugehörigen Familienangehörigen.

 

 

Hoffnung und Pflaster

Donnerstag, 14.4.2016

Übersichtsplan Camps

Übersichtsplan Camps

Wir fahren am Morgen zum Hotel Hara (in nördlicher Richtung von unserem Standort Richtung Grenze zu Mazedonien) um die Menschen der dortigen Unterstützungsstruktur zu treffen.


Auf dem Weg dorthin werden wir von der Polizei angehalten. Wir werden gefragt, ob wir independent sind oder für eine Organisation tätig. Weil Grenzenlos-People in Motion in Griechenland nicht registriert ist und wir eine Pflicht dazu befürchten, geben wir uns als independent aus. Sie wollen unsere Ausweise sehen, sonst nichts. Ladung ist egal, Führerschein und Fahrzeugpapiere auch. Sie wollen uns einfach nur erfassen. Süß ist deren Umgang mit unseren Dokumenten. Scheinbar scheinen alle Helfenden aus Deutschland einen neuen Personalausweis zu haben – so wie Sebastian und ich. Zumindest haben sich die Polizisten an Katjas altem Ausweis abgearbeitet. Und sich von uns den Unterschied der Dokumente erklären lassen.


Am Hotel Hara angekommen finden wir die HelferInnen nicht. Dafür erleben wir die Essensausgabe einer VolksKüche (Vokü). Viele Menschen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Frauen mit Babys auf dem Arm haben keine Kapazität, um 2 Chapatis, 2 halbe Tomaten, 2 Orangen und 2 Flaschen Wasser zu transportieren (für 2 Personen). Alles droht aus dem Arm zu fallen. Wir tragen das Essen für die Frauen zu ihrem Zelt, wo der Mann auf sie wartet.

Später reden wir mit 2 Voküs (Gemeinschaftsküchen) und erklären das Problem. Eine Küche reagiert sofort und will ab jetzt für die Mütter mit Babys das Essen in dünnen Plastiktüten ausgeben (Müll spielt in der Situation vor Ort keine Rolle). Gleichzeitig versucht Katja Impulse zu setzen, dass die Voküs jeden Tag einen Liter Vollmilch an stillende Mütter ausgeben. Auch das wird von der in Polykastro ansässigen Küche begeistert aufgenommen. Die wußten nicht, dass stillende Mütter einen erhöhten Energiebedarf haben (und ihr Essen hat nur 450kcal).

Eine der Voküs thematisiert auch, dass sie ständig nach Muttermilchersatznahrung gefragt werden. Es sei hier aber untersagt, so was auszugeben. Katja kann sofort die Argumente für das „Verbot“ nennen: Gefahr der falschen Dosierung, Unterernährung, mangelnde Hygiene, massive Gefahr der Infektion durch bakteriell verseuchte Ersatzmilch… (einigen sicherlich aus der Kampagne zum Nestle-Boykott vor vielen vielen Jahren bekannt).

Schnell begreift die Küche, dass es Sinn macht, diese Ersatzmilch nicht anzuschaffen. Stattdessen empfehlen wir die Beratung der nicht mehr still-willigen Mütter durch andere stillerfahrende Mütter, Laktionsberaterinnnen (wie auf der EKO-Tankstelle) oder Hebammen.

Und natürlich ein verbessertes Nahrungsmittelangebot für Stillende und Schwangere, sowie eine möglichst entspannte Lebenssituation – aber die ist hier nicht richtig herzustellen. Je öfter die Mutter sich einigermaßen sicher und auch versorgt fühlt, umso besser kann die Milch fließen. Insofern ist eigentlich klar, dass viele Mütter hier Stillprobleme haben. Und insofern ist auch klar, je besser die Gesamtversorgungssituation der Familie (emotional wie nahrungsmitteltechnisch) ist, um so besser die Situation des Babys.

Wir fahren weiter zu der benachbarten Tankstelle, wo die Afghan*innen leben. Schnell ist der Kontakt hergestellt. Ein großes Problem ist das Essen. Die Flüchtenden können sich an der Tankstelle warm und frisch zubereitetes Essen kaufen, das der Tankstellenbesitzer anbietet. Leider haben nicht mehr alle Flüchtenden Geld. Also müssen sie zur kostenlosen Essensausgabe der Voküs zum Hotel Hara gehen. Dort gibt es aber nicht immer ausreichende Portionen. Zudem müssen sie immer früh losgehen. Man weiß ja nie, wann der Wagen mit dem Essen genau kommt. Ein Problem, das auch wir nicht sofort werden angehen können. Im Gespräch mit dem Tankstellenbesitzer wird uns deutlich gemacht: wir dürfen die Menschen unterstützen mit allem, was ER nicht anbietet. Also keine Lebensmittel durch uns. Das wir uns für diesen inhumanen Umstand eine Strategie überlegen müssen ist uns klar – aber nicht am ersten Tag. Des Weiteren fehlt es an Decken, Kleidung, Schuhen, Zelten. Wir sagen zu, am selben Tag gegen 19 Uhr wieder zu kommen.


Am Sonntag und am Dienstag hat das mazedonische Militär Gasgranaten gegen die Flüchtenden auf griechischem Boden verschossen. Am Sonntag haben wir zusätzlich mazedonische Militärhubschrauber über das griechische Camp fliegen sehen. Gestern haben wohl mazedonische Kräfte auf griechischen Boden agiert. Blöde Nationalstaaterei.

Heute: vier griechische Militärhubschrauber kreisen neben dem Camp von Idomeni (später sehen wir noch einen fünften). Wir sehen knapp ein Dutzend Düsenjet tief über Idomeni fliegen (vielleicht auch 2×5 dieselben). Eine Aktivistin erzählt später, das sei die griechische Antwort, Zeigen von Militärpräsenz. Eine andere Aktivistin erzählt aus Idomeni, die Flüchtenden hätten wegen der Hubschrauber Angst gehabt, bombardiert zu werden.  Vielleicht waren die Hubschrauber zwischendurch auch über dem Camp, wahrscheinlich reichte aber auch schon die Präsenz und der Lärm aus der Ferne. Später erfahren wir aus den Medien, dass es sich tatsächlich um ein griechisches Miltärmanöver handelt, um die Grenzüberschreitungen der mazedonischen Armee zu beantworten – alles auf Kosten der direkt davon betroffenen Flüchtlingen.


Abends sind wir wieder am Camp der Afghan*innen, bringen Decken und leisten medizinische Hilfe. Husten, Fieber, kleine Wunden. Nicht alle Probleme können wir lösen. Entweder fehlt das mitgeführte Material oder wir müssen noch Details klären. Aber wir können ja fragen – heute oder morgen einen Arzt. Von daher kündigen wir uns für morgen an der Tankstelle wieder an.

Angenehm war die Erfahrung mit den Menschen. Wir haben zum ersten Mal unsere Güter verteilt und zum ersten Mal als „Anlaufpunkt“ fungiert. Wir wussten vorher nicht, wie sich die Menschen um uns herum verhalten würden. Wir wussten nicht, ob es Gedränge oder ähnliches geben würde. Alles war sehr entspannt. Wir hatten noch keine Zelte dabei, weder Hebamme noch Krankenpfleger konnten alle Probleme direkt lösen. Die Menschen haben sich vertrösten lassen und sich bedankt.

Um so wichtiger ist es, dass wir unsere Vertröstungen ernst nehmen und umsetzen. Und den Menschen neben hoffnungsstiftendem Vertrauen auch eine ernstzunehmende Verbindlichkeit geben.

Recherche und neue Informationen

Mittwoch, 13.4.2016

Wir nutzen den Tag, um uns als Gruppe zu finden. Wir fahren an der BP-Tankstelle vorbei und sehen anschließend zu ersten Mal das Hotel Hara. An beiden Orten sollen 700 Menschen leben. An beiden Stellen soll es problematisch mit den Besitzern der Lokalität sein. Sprich, man kann nicht einfach anhalten und irgendetwas machen. Genaueres wissen wir aber noch nicht.

Am Abend bekommen wir im Hotel gute Inputs. Zum Einen gibt es am Hotel Hara eine kleine Struktur von Unabhängigen, die dort wohl eine belastbaren Kontakt zum Besitzer hat. Außerdem erfahren wir, dass es 200 Meter weiter eine weitere Tankstelle gibt, auf deren Grundstück 50-100 AfghanInnen wohnen. Medizinischer Support sei dort wohl nicht. Und überhaupt sei dieses Camp nicht im Blickfeld der Helfenden.

Humanität meets Politik

Dienstag, 12.4.2016

Nur vorab: ab heute sind wir zu dritt. Katja, Matthias, Sebastian. Aber nein: wir sind nicht die drei Deutschen, die heute verhaftet wurden. Und nein: die AktivistInnen aus Polykastro schüren keine Ausbruchs- oder Grenzüberschreitungsaktivitäten der Flüchtenden.

Gestern haben wir nicht gebloggt. Komischerweise ein gutes Zeichen. Wir haben zwar immer noch keine Landkarte von der Gegend gefunden und wir haben auch nicht das Gefühl, dass die ApothekerInnen irgendein Interesse an Umsatz haben. Aber egal. Katja hat an der EKO-Tankstelle wieder werdende Mütter getroffen, Matthias hat den Kontakt zu einer NGO geknüpft „und fängt morgen mit seiner Arbeit in der medizinischen Versorgung an“. Abends haben wir dann noch die Einführungsveranstaltung für Neuankömmlinge besucht. Sehr gut gemacht. Kurz, knapp, verbindlich, informativ, gut strukturiert.

Heute ist Sebastian angekommen. Mit dem Zug, nach 40 Stunden Bahnfahrt (inkl. Schienenersatzverkehr wegen des Camps in Idomeni). Erneut haben wir EKO besucht. Katja ist wieder durch das Camp gezogen und hat werdende Mütter getroffen. Diesmal wurde sie von Sebastian begleitet. Eine gute Gelegenheit für ihn, ein erstes Gefühl für die Camps zu bekommen. Matthias hat zeitgleich bei einer NGO angedockt und aus einem Ambulancefahrzeug die medizinische Versorgung an der EKO-Tankstelle unterstützt. Alles entspannt.

Bewegung kommt am späten Abend. Wir lesen die deutsche Online-Presse. Dort wird berichtet, AktivistInnen hätten und würden die Flüchtenden anstacheln, Unruhen in den Camps anzustiften. (Gestern stand auf der anderen Seite in der Zeitung, dass die griechische Regierung die BewohnerInnen der „wilden“ Camps gerne in offiziellen Militärcamps sehen, aber auf keinen Fall Gewalt anwenden wollen würde.) Außerdem wären mehrere freiwillige HelferInnen (teils vorübergehend) verhaftet worden, darunter drei Deutsche. Während wir die Online-Berichte lesen, kommt ein Helfer ins Foyer und erzählt der Gruppe am Nachbartisch von den Verfaftungen. Die Gruppe weiß noch nichts davon. Auch die anderen HelferInnen essen und unterhalten sich entspannt, schauen sich ihre Fotos des Tages an, drinnen wird Klavier gespielt, draussen Geige.

Ich schreibe an dieser Stelle ganz bewusst von Helfern und Helferinnen und nicht von AktivistInnen. Und ich beschreibe ganz bewusst diese Situation: unabhängig davon, welche Hintergründe die einzelnen Menschen im Parkhotel haben: hier sind alle vereint im Willen, humanitäre Hilfe zu leisten. Sonst nichts. Keine politischen Parolen, keine Transparente, keine politische Agitation. Alle Neuankömmlinge werden darum gebeten, alle nehmen dies als selbstverständlich zur Kenntnis und alle handeln sowieso selbstverständlich danach. Unser Storch mit dem zerbrochenen Gewehr ist die einzige „politische“ Äußerung der Menschen, die sich hier in Polykastro aufhalten. Man trifft sich in Projekten und arbeitet einfach nur humanitär. Dass hier unter Umständen gerade der Boden dafür bereitet wird, gegen uns HelferInnen poltisch und vielleicht auch praktisch vorzugehen, scheinen die wenigsten wahrzunehmen.

Sebastians Satz des Tages „Hello, my Friend“ von jedem der lachenden, spielenden Kinder im Elend.

Heute ist die „Geburtenplanung“ mit all ihren Facetten deutlich geworden: Einige Frauen freuen sich sehr über einen positiven Schwangerschaftstest; andere (häufig Frauen, die im Herkunftsland studiert haben) entscheiden sich bewußt gegen das Schwangerwerden in dieser unheilvollen Zeit und verschieben auf das später,

Die Hebammenarbeit in diesen „illegalen“ Lagern unterscheidet sich nicht stark von der Arbeit in den Notunterkünften im Landkreis. Die Frauen fragen sich, wie es weitergeht, ob es eine Hoffnung gibt.

Zwischen Mutterpass und Tränengas

Sonntag, 10.4.2016, 22.30 Uhr

Schwangerenvorsorge auf einer Tankstelle – Mutterpass ausgestellt- Eindrücke gesammelt- Ortswechsel ins Hauptcamp in Idomeni- Tränengasangriff tränennah miterlebt- Baby, Kinder, Erwachsene, die heulend davon liefen- Notfalbachblütenbonbons an aufgelöste Kinder verteilt- Babys einfach nur gehalten- Tragehilfen für Babys verteilt- Mütter in Autos vor dem beißenden Gas geschützt- Wut im Bauch- müde

Am Morgen mussten wir uns noch in unserer neuen Umgebung einrichten. Wir stehen gut und sicher. Die Solaranlage funktioniert, wir sind autark.

Dokumentation - sehr vereinfacht

Dokumentation – sehr vereinfacht

Am späten Vormittag geht es nach EKO. Eine Tankstelle auf dem Weg Richtung Süden. Dort „wohnen“ immer noch mehrere hundert Menschen. Wir lassen das Camp auf uns wirken. Eine Frau lächelt uns an und die Arbeit beginnt: Katja spricht sie auf Babies an. Die Frau führt Katja zu einem Zelt. Die dort lebende, werdene Mutter bittet Katja in ihr Zelt. 29. Woche. Die Frau erhält ein Dokument – den Mutterpass. In Woltersdorf haben wir erlebt, dass Dokumente für Geflüchtete wichtig sind. Diese Mutter und ihr Baby haben nun ein solches Dokument. Katja verabredet einen neuen Termin. Kaum ein paar Meter gegangen gibt es zwei weitere (werdende) Mütter, die den Kontakt zu Katja suchen. Die Idee, durch das Camp zu gehen und die (werdenden) Mütter zu finden, scheint zu funktionieren.

Zwischenzeitlich erreicht uns die Nachricht von Gewalt im Camp in Idomeni. Gummigeschosse, Schlagstöcke, Gas, so die Info. Wir fahren hin und treffen „unseren“ Arzt vor der Hauptzufahrt. Er versorgt Menschen, die das Camp wegen der Gewalt vorübergehend verlassen. Es ist 16 Uhr. Die Bilder von Geflüchteten am Zaun sind vorbei (die Bilder, die durch die Medien gingen). Trotzdem verschießt das mazedonische Militär immer noch Gas. In vielerlei Hinsicht ein absurdes Szenario:

Mazedonien beschießt Griechenland, Mazedonische Helikopter kreisen über Griechenland – und die griechische Polizei schaut zu.

Je nach Windrichtung treibt die Gaswolke zurück nach Mazedonien oder zu uns herüber. Und wir sind mehrere hundert Meter entfernt. Auf einer Wiese vor dem Zaun gibt es Geflüchtete, die das mazedonische Militär vielleicht als Bedrohung ansehen könnte. Trotzdem schießen sie aber auch über deren Köpfe hinweg in Wohnbereiche mit Zelten.

Während in diesem Teil des Camps Krieg herrscht, ist in anderen teilen des Camp davon nicht viel zu spüren. Die Kinderbetreuung der Unabhängigen wird betrieben, die Geflüchteten stehen für Tee oder Essen an, … Zwei Welten auf engem Raum.

Wenn der Wind Richtung Griechenland weht, verstärkt das mazedonische Militär seine Gasbeschuss. Über Stunden das immer wiederkehrende Szenario: Gasgranten, die vor oder inmitten der Wohnzelte detonieren, Familien flüchten, lasse ihr Hab und Gut zurück, kommen bei uns vorbei, werden notfallmäßig versorgt, gehen ein paar hundert Meter weiter – in sichere Bereiche. Kaum scheint sich die Lage zu beruhigen, kehren sie zurück. Sie haben Angst, dass sie beklaut werden. Alle, die vor der akuten Gasbedrohung geflohen sind, kehren zurück – um eine Stunde später wieder zu fliehen. Es sind viele Kinder dabei, viele Babies. Einige Mütter mit Babies setzen wir zum Schutz in unsere Autos.

Gegen 19 Uhr, kurz nach einem heftigeren Beschuss fängt es an zu regnen. Die ersten Regentropfen sind gasverseucht und ätzend. Aber danach wird es ruhiger.

Vereinzelt ist weiterer Beschuss zu hören. diemal müsste er im Bereich der MSF-Ärtzte sein. Fluchtbewegungen sehen wir keine. Wir entschließen uns, zu fahren. Wir fahren im „sicheren“ Bereich auf eine Gruppe mit vielen Müttern und Kindern zu. Katja möchte noch Tragehilfen verteilen – wir halten an. Katja öfnnen die Tür und reagiert körperlich. In dem Moment reagiert auch die Gruppe körperlich. Der Wind hat es geschafft, das Gas bis hierher zu tragen. Es scheint, ein Schock zu sein. Sicher weit weg und doch getroffen werden. Wir verteilen Rettungsdecken an die ausgekühlten Kinder, Notfalltropfen und – dragees an Kinder und Eltern – eine Wolke „in Sicherheit“ hat mehr Schrecken verbreitet, als der Konflikt in Zaunnähe. Die Gruppe entspannt – um Richtung ihres Hab und Guts gen Grenze zu ziehen.

Ankunft in Parkhotel

Samstag, 9.4.2016

Wir haben wieder den ganzen Tag im Auto verbracht. Unterwegs gab es einen kleinen Moment Griechenland. Wir sind von der Autobahn abgefahren und haben in einem Restaurant am Meer zu Mittag gegessen. Nur GriechInnen und Katzen um uns herum. Nur eine griechische Speisekarte. Wind, Sonne, lecker, entspannend.

Im Parkhotel angekommen haben wir einen schönen Stellplatz für den Wohnwagen gefunden. Wir werden uns trauen, unsere Solaranlage auch unbeaufsichtigt Strom erzeugen zu lassen. Im Speisesaal der Lobby herrscht reges Treiben. Es wird diskutiert, Klavier gespielt, gelacht. Eine Gruppe bricht spät noch auf, Lebensmittel zu verteilen.

Der Arzt, mit dem wir verabredet waren gehört dazu. Vorher schildert er uns seine Erfahrungen. Manches klingt „unglaublich“. Nicht in dem Sinne, dass es Quatsch ist, sondern in dem Sinne, dass es überhaupt möglich ist. Flüchtende kommen ins Krankenhaus und kehren unbehandelt zurück, Mütter werden motiviert, die Ernährung ihrer Babys von Muttermilch auf Babynahrung umzustellen (an sich schon absurd genug), ohne ihnen die notwendige Hygiene zu ermöglichen, die bei Muttermilch aus der Brust immer gegeben ist. … Viel Input am Abend. Wir verabreden uns, morgen gemeinsam loszuziehen. Endlich Menschenkontakt, endlich praktische Arbeit. Nach einer Woche „Anreise“. Wir sind etwas angespannt und aufgeregt.

Angekommen ?

Freitag, 8.4.2016, 20.30 Uhr

Lager in Piräus/Athen

Lager in Piräus/Athen

Piräus ist nicht so wie erwartet – und das ist gut so.

Statt einer chaotischen, unüberschaubaren Situation mit extrem schlechten Bedingungen für Geflüchtete finden wir an drei über den Hafen von Piräus verteilten Punkten Flüchtlingslager vor, die an den Oranienplatz in Berlin oder Notunterkünfte in bundesdeutschen Großstädten im letzten Jahr erinnern.

Die Menschen, darunter sehr viele Kinder und Säuglinge leben in kleinsten 2- 4 Menschzelten. Aufgebaut auf asphaltierten Freiflächen direkt am Pier der großen Fähren auf die griechischen Inseln, zum Teil errichtet in großen Lagerhallen leben 6000 Menschen auf engstem Raum unter freiem Himmel. Überall spielen Kinder. Ein kleine Freiluftschule ist aufgebaut. Es gibt eine städtische Müllabfuhr, Dixi-Klos, Essen in Portionen verpackt. Medizinische Anlaufstellen und Hebammenversorgung. Die Menschen wirken wenig angespannt. Einige Männer organisieren eine Demo (ein TV-Team ist gerade vor Ort) und fordern ihre Ausreise nach Deutschland.

Flüchtlingsschule

Flüchtlingsschule

Gestern in Idomeni gab es „Verteilungskämpfe“ bei der Verteilung von Schuhen. Heute werden Rucksäcke an Familien einfach so verteilt und alle, die möchten, scheinen einen zu bekommen.

Aber eigentlich ist die Situation für diese Familien hoffnungslos und menschenunwürdig. Wieviel Kraft mag es kosten, unter diesen Bedingungen über Wochen, wenn nicht Monate miteinander zu leben. Mit welchen neuen Erfahrungen gehen diese Menschen irgendwann in eine neue Lebenssituation? Vielleicht birgt es die Chance, dass Menschen, die so etwas erlebt haben, später solidarischer miteinander umgehen. Toleranter, geduldiger? Und wir uns das abgucken können…

Und natürlich haben wir nur eine Momentaufnahme gesehen. Das Klassenzimmer, in dem auch nur 20 Kinder unterrichtet wurden, war später schon wieder abgebaut. Der Müll türmt sich trotz Müllabfuhr …

Helfer erzählen uns, dass jeden Tag mehr Menschen abreisen würden. Ein Regierungsvertreter geht mit Megafon auf einzelne Menschengruppe zu und fordert sie auf, in eines der offiziellen Lager außerhalb von Athen umzuziehen. Der Hafen soll freigemacht werden.

Wir suchen unsere Kontaktperson. Leider ist sie so beschäftigt, dass sie keine Zeit hat, uns einzuweisen oder gar zu begrüßen. Nach ein paar Stunden mit Beobachtung, Gesprächen, Sammeln von Informationen entschließen wir uns, für eine Entscheidungsfindung erstmal wieder zu unserem Wohnwagen auf einem Campingplatz im Industriegebiet zurückzukehren.

Dort entscheiden wir, dass wir hier nicht gebraucht werden. Nach Kommunikation mit der IHA (Intereuropean Human Aid Association – www.iha.help) haben wir drei neue Ideen:

  1. Es gibt einen unabhängigen Arzt, der in der Region von Idomeni kleinere Camps aufsucht und sich über unsere Mitarbeit sehr freuen würde. Insbesondere die Mütter, die Probleme mit dem Stillen hätten, könne er nicht richtig beraten.
  2. Es gibt eine NGO, die im großen Lager von Idomeini mit Hebammen und Kinderärztinnen kleine Räume in speziellen Zelten, sogenannten Domos (www.morethanshelters.org/de/domo/ ) schafft. Dort entstehen Stillräume für Mütter mit Babys. Auch diese Frauen würden sich sehr über Matthias und meine Mitarbeit freuen.

Und dann gibt es plötzlich noch eine dringende Anfrage aus einem Camp auf Chios, in dem 2000 Geflüchtete mit 10 Helfer_innen vor Ort sein sollen. Ob dies Menschen sind, die aus einem der abgeriegelten Hotspots (zur Vorbereitung der Abschiebung in die Türkei) vor einigen Tagen flüchten konnten, ist uns nicht klar. Vielleicht sind sie auch frisch auf der Insel eingetroffen.

Da diese Anfrage sehr dringend klingt, versuchen wir herauszufinden, wann die nächste Fähre von Athen nach Chios ausläuft. Da dies erst Sonntagnacht sein wird, entscheiden wir uns, morgen erstmal nach Idomeni zurückzufahren und dann vor Ort zu entscheiden, wie es weitergeht. Wir sind ein wenig frustriert, dass wieder ein Tag nur mit Sondierung der Lage zuende geht.

Vielleicht ist ein Gedanke, der unsere ganze Reise durchziehen wird der: Hast Du es eilig, gehe langsam!

in Griechenland

Donnerstag, 7.4.2016

Idomeni

Idomeni

Der Weg ist lang. Außerdem hat uns die neue Zeitzone eine Stunde geklaut. Wir sind immer noch nicht am Ziel, sondern stehen 50 km vor Piräus auf einem Rastplatz.

Wir waren heute in Idomeni. Das Lager wirkte ruhig. Eine Aktivistin erzählte uns allerdings, dass sie heute drei Stunden lang Schuhe verteilt hätten und dies sehr problematisch gewesen sei. Das Vertrauen in eine Versorgung ist noch nicht da. (Keine Kritik, sondern nur eine spontane Wahrnehmung) In der Notunterkunft, in der ich (Matthias) vier Monate gearbeitet habe, war es ähnlich. Es gab irgendwann Waschmaschinen. Alle wollten waschen, jetzt sofort, endlich. Ausgegebene Waschtabs ware was wert, Tauschobjekte. Irgendwann kehrte dann aber Ruhe und Sicherheit ein. Die Waschmaschinen sind da, ich kann auch morgen oder übermorgen waschen. DIESE Ruhe gibt es in Idomeni wohl noch nicht. Woher auch?

In einer Seitenstraße verkaufen Händler Obst und Gemüse. Als wir uns mit Auto und Wohnwagen durch diesen kleinen Markt zwängen müssen, sind alle sehr kooperativ und freundlich.

Über dem Camp kreist ein Hubschrauber, vor Ort ist Polizei aber kaum zu sehen. Ein freundlicher Polizist erklärt uns, wo wir AnsprechpartnerInnen finden können und möchte uns nach erster Abwehr doch mit dem Gespann in eine Straße näher ans Camp einfahren lassen. Nach dem Gespräch mit der bereits erwähnten Aktivistin sehen wir aber davon ab. (Der Weg sah für ein Gespann auch nicht wirklich einladend aus.) Zu groß scheint die Gefahr, dass wir mit drei lächerlichen Kisten aus dem Kofferraum Bewegung im Camp provozieren.

Der Polizist erwähnte im Gespräch, es gäbe im Camp AnsprechpartnerInnen vom UNHCR. Außerdem haben wir viele Fahrzeuge mit Aufklebern der Medecins sans Frontieres (MSF) gesehen. Letzteres ist um so interessanter, weil wir vorgestern die Info aus Piräus erhalten haben, die MSF hätten sich dort zurückgezogen.

Wandzeitung Parkhotel

Wandzeitung Parkhotel

Wir entschließen uns, das Parkhotel anzufahren, in dem sich unabhängige Freiwillige einquartiert haben. Unterschiedliche Grüppchen von Menschen sitzen zusammen und planen ihren Tag. Oder brechen gerade auf. Wir stehen etwas verloren rum. Die direkte Ansprache von Neuankömmlingen hätte besser sein können. Aber man muss ja auch nicht unbedingt auf Durchreisende eingestellt sein. Denn dass es Struktur gibt, verraten spätestens die vielen Wandzeitungen. Es gibt zweimal täglich eine Infoveranstaltung für Neuankömmlinge, Kontaktdaten von Menschen für bestimmte Themengebiete hängen aus, für spezielle Arbeitspakete werden MitstreiterInnen gesucht. Akut ein großes, personalintensives Arbeitspaket scheint der Umzug des Lagerhauses zu sein. Aus einen kleinen Lager direkt gegenüber des Hotels zieht es zurzeit in eine große Lagerhalle, 500 Meter entfernt, um. Dort geben wir unsere drei Kartons ab. Der PKW wirkt nicht wirklich erleichtert. Wir haben wohl immer noch zuviel Material für „unsere eigentlich angedachte“ Arbeit dabei.

Morgen, ENDLICH, kommen wir an dem Ort unserer geplanten Wirkungstätte an.

in Mazedonien

Mittwoch, 6.4.2016

Aufmerksamen LeserInnen wird auffallen, dass dieser Beitrag erst am Morgen des 7.4.2016 erstellt wird. Unsere Technik will bei schwachem Internet nicht so, wie wir wollen. Zwischendurch seht ihr auch unformatiert nur eine Textwüste. Dies liegt dann  daran, dass der Beitrag von einem Smartphone gesendet wurde. Warum das so ist, müssen wir auch noch rausbekommen.

An unserem zweiten kompletten Reisetag haben wir Grenzen erlebt. Die Einfahrt nach Serbien war nicht einladend. Die Einfahrt nach Mazedonien nur minimal freundlicher. Dafür haben wir in Mazedonien einen schönen Stellplatz an einer Autobahnraststätte gefunden. Die Sonne brennt.

Hier sind schon vor einem Jahr viele viele Menschen aus Syrien über Griechenland vorbeigekommen. Sie haben sich Fahrräder gekauft. Sind mit Bussen durchs kleine Land zur nördlichen Grenze gefahren worden.

Wieso ist unsere räumliche Freiheit praktisch grenzenlos (abgesehen vielleicht von der Einreise in die USA als kritische linke Aktivist_innen) und die Bewegungsfreiheit für Andere so massiv durch Abschottung unseres Reichtums eingeschränkt? Wie kommt es, das ein Land nicht in der Lage ist, genug Wasser an durchreisende Menschen zu verteilen? Viele Fragen gehen mir, Katja, durch den Kopf. Ich bin schon jetzt wütend. Warum fahre ich jetzt 2000 km nach Süden? Alle Fragen zehren. Vielleicht klärt sich einiges, wenn wir endlich vor Ort sind. Langsam wird die Anreise zu lang. Schließlich sind wir seit Freitag letzter Woche eigentlich schon unterwegs.

Wir stehen 120 km vor Idomeni. Wir werden uns morgen dort einen Eindruck verschaffen und einige unserer mitgeführten Dinge abgeben. Dann geht es weiter nach Priäus. Dort werden wir erwartet.