…our children’s hungry eyes upon us

Julia, 18.3.:
Heute ist unser letzter Reisetag! Früh fuhren wir vom Nachtquartier in Debrecen aus an die ukrainische Grenze. Eigentlich hatten wir gehofft, dass wir uns schon vorab mit Personen mit Marginalisierungserfahrung zum Abholen verabreden könnten. Über verschiedene Netzwerke hatten wir eine Mitfahrgelegenheit von einer der ungarischen oder auch der slowakischen Grenze zur Ukraine nach Deutschland angeboten. Uns war bekannt, dass die ukrainisch-polnische Grenze schon gut versorgt und organisiert war. Ich war begeistert von den verschiedenen Netzwerken, die sich gebildet hatten, um insbesondere Personen mit Marginalisierungserfahrung zu unterstützen, z.B. mit Behinderungen, BIPoC und LGBTIQ+. Nicht ohne Grund, angesichts u.a. der Rassimus- und Transphobieerfahrungen auf der Flucht, die inzwischen zum Glück weitreichender bekannt sind. Und auch angesichts der Nachrichten aus Russland, dass das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche die westlichen Werte als zentralen Kriegsgrund angibt – so insbesodnere die Pride-Paraden, die angeblich den Zweck hätten zu propagieren, dass „Sünde eine Variante menschlichen Verhaltens“ sei. Kontakt zu Desertierenden herzustellen, stellte sich – nicht überraschend – als weitaus schwieriger dar, und hätte mehr Vorlaufzeit gebraucht. Wir fanden heraus, dass wir wohl zwischen zwei größeren Fluchtbewegungen vor Ort waren: In den ersten Tagen und Wochen des Krieges verließen wohl die meisten BIPoC-Studierenden, sowie Städterinnen mit ihren Kindern die Ukraine. Jetzt wurde an den Grenzübergängen auf die Evakuierten aus Mariupol gewartet, die noch nicht eingetroffen waren. Ansonsten waren zur Zeit wohl eher weniger Privilegierte und Sinti*zze und Rom*nja noch dabei auszureisen. Die Koordinationsstelle der Sinti und Roma Deutschland leitete unser Mitfahrangebot in ihrem Netzwerk weiter, aber der Koordinator vermutete schon im Vorfeld, dass die oft größeren Familien vielleicht lieber zusammen blieben als drei Personen in unserem Auto weiterzuschicken. Und tatsächlich meldete sich auch hier niemand zurück. Da wir über die Situation an den ungarischen Grenzübergängen nicht viel online herausfinden konnten, entschlossen wir uns, direkt an die Grenze bei Berehowe zu fahren. Vorher gaben wir noch die restliche Kinder- und Babykleidung, die wir noch im Auto hatten, für die Flüchtenden beim Roten Kreuz in Debrezen ab – das Lager dort war weder groß noch gut bestückt, und die dortigen Mitarbeiterinnen freuten sich.
Einige Meter vor der ukrainischen Grenze wurden wir von der Polizei direkt in Richtung des „Unterstützungspunktes“ gelotst. Dieser war beeindruckend organisiert – so würde man sich das für alle aus Not und Gefahr flüchtenden Menschen weltweit wünschen! Es gab einen Raum mit Schlafplätzen, eine Spielzeugecke für Kinder, ein (auch für die Helfer*innen kostenloses) Buffet von den Maltesern (inkl. Reismilch für den Kaffee :-))), Ersthelfer*innen, Übersetzer*innen, und natürlich eine Koordinationsstelle. Dort erklärte uns ein zugewandter Mitarbeiter von den Maltesern, dass wir einen Zettel ausfüllen müßten, und sie dann schauen würden, für wen denn unser Fahrtangebot gut passen würde. Nur kostenlose Angebote würden vermittelt. Zunächst war eine Familie mit Hund im Spiel, aber er wollte sich nochmal bei uns melden. So warteten wir auf dem kleinen Hof, und kamen mit einem Inder ins Gespräch, der bereits eine Mitfahrgelegenheit mit einem deutsch sprechenden Ukrainer nach Deutschland hatte. Er erzählte, er arbeitete in Tchernihiv, und sei mehrere Tage unter Beschuß allein einem Hotel gewesen. Dort habe er sich mangels Bunker vor den Raketen unter der Treppe versteckt. Seine Familie in Indien habe er nicht beunruhigen wollen, also habe er nur seiner Schwester gesagt was los war. Schließlich haben ihn Nonnen aus der Stadt gerettet, und auch nach seiner Flucht habe er an der ungarischen Grenze zunächst eine Woche in einem Kloster sich von den traumatischen Erfahrungen etwas erholen können. Nun wolle er zu einem Bekannten nach Essen. Wir tauschen Kontaktdaten aus.
Schließlich kam der freundliche Malteser wieder auf uns zu, und erklärte dass wir eine ukrainische Frau und ihr Kind zum Flughafen nach Budapest mitnehmen könnten. Sie wollten von dort weiter zu Bekannten fliegen. Mit den anderen Verkehrsmitteln vor Ort kämen sie nicht rechtzeitig am Flughafen an. Wir erklärten uns bereit, und wenig später stand die Ukrainerin, mit ihrem Söhnchen von etwa 5 Jahren vor mir. Wir stellten uns kurz vor – sie hieß auch Julia, und sie kämen aus Odessa. Sie sagte sie würden noch kurz ihr Gepäck holen, dann könne es losgehen. Derweil organisierten Uschi und ich einen Kindersitz für den kleinen Jungen, von einem bereitliegenden Kindersitz-Stapel – an alles war gedacht. Mit erschütternd wenig Gepäck kamen Julia und ihr Sohn zurück – in einem kleinen Rucksack und einem noch kleineren Kinderrucksack war ihr ganzes Hab und Gut. Der Junge durfte sich noch etwas von dem Spielzeug an der Station mitnehmen – er wählte eine Art „Kuschel-Monster“ und einen Fisch aus Stoff, den er sich immer wieder ans Gesicht hielt. Ich mußte an den Sohn einer ehemaligen ukrainischen Kollegin denken, der laut ihrem Facebook-Profil sie neulich fragte: „Können wir jetzt nach Hause? Gibt es dort keine Bomben mehr?“.
Aber es gibt sie noch, die Bomben, und so fuhren wir los Richtung Westen mit Julia und ihrem Sohn auf dem Rücksitz. Der Sohn schlief fast die ganze Fahrt über, und Julia schaute still aus dem Fenster – ob sie sich den Frieden anschaute, oder mit dem Krieg in ihrem Kopf beschäftigt war, ich weiß es nicht. Am Flughafen in Budapest begleitete ich sie zu einem weiteren Infopunkt für Ukraine-Flüchtende, wo ihr beim Ticket-Kauf etc weitergeholfen wurde. Wir umarmten uns beide bewegt zum Abschied. Kontaktadressen haben wir nicht voneinander. Ich wünsche ihr und ihrem Söhnchen , dass sie Frieden finden und dass der kleine Junge ein friedliches Herz haben wird und nie wird kämpfen müssen.
In Budapest, so hatte uns der freundliche Koordinator an der Grenze gesagt, gibt es am Keleti-Bahnhof ebenfalls einen Unterstützungspunkt, an dem wir vielleicht Mitfahrende nach Deutschland finden würden. Es dauerte eine Weile, bis wir uns dort im Gewusel der verschiedenen Angebote, Reisenden und Freiwilligen zurechtfanden. Ein älterer Mann fragte ob er helfen könne, und erklärte uns daraufhin ausführlich, dass es hier keinerlei System gäbe und alles ganz chaotisch sei. Schließlich bekamen wir von einer Unterstützererin den Tipp, direkt in der Schlange zum Schalter für die internationalen Tickets zu fragen, ob jemand mitfahren wollte. Meist gäbe es die Tickets nunmehr für die Folgetage, und dann müßten Leute noch Übernachtungsmöglichkeiten finden etc bis sie an ihren Zielort kämen. Wir gingen also an die Schlange, und Uschi sprach direkt zwei junge Afrikaner an, die tatsächlich als Studierende aus der Ukraine kamen und nun nach Deutschland wollten. Wir verabredeten uns für die Fahrt später am Abend. Noch etwas fremd traten wir die nächtliche Reise an. Die beiden sprachen erstmal nicht viel, nur als ich ihnen vorhin erklärte, warum wir ausgerechnet sie angesprochen haben, sagten sie dass sie zwar selbst auf der Flucht ok behandelt worden seien, aber unter ihren nicht-ukrainischen Bekannten es in etwa 50:50 ist, ob man bei der Flucht Rassismus erlebt hat oder nicht.
Als wir in der Abenddämmerung über die Brücke fahren, die die Stadtteile Buda und Pest verbindet, steigt am Horizont ein großer Blut-Vollmond auf. Der Sahara-Staub, der den Mond rot färbt, weht weiter über alle Landesgrenzen hinweg. Wir fahren nach Hause.

[Der Titel dieses Beitrags ist ein Zitat aus dem Lied „Tomorrow Came“ von New Model Army, ebenso stammt der Titel „You weren’t there“ eines vorigen Beitrags von New Model Army. Zahlreiche andere Blog-Titel sind Zitate von Berthold Brecht.]

„…das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.“

Julia:
Am Mittwoch wollten wir eigentlich von Osjek in Kroatien aus noch verschiedene Punkte in Nordserbien an der ungarischen Grenze anfahren, um Aufkleber zu verteilen etc. Aber an der serbischen Grenze werden die Fahrzeugpapiere verlangt – sie sich beim besten Willen und langem Suchen nicht finden lassen. Wir versuchen es nochmal beim nächsten Grenzübergang – wieder wird nach den Fahrzeugpapieren gefragt. Mist. Wir fühlen uns ausgebremst und unzufrieden. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, schon am nächsten Tag an die ukrainische Grenze zu fahren und von dort zurück. Immerhin erklärt sich ein Internationaler in der Region, die Sticker zu verteilen und gibt mir eine Postadresse. Hartnäckig wie wir sind, verlängern wir zudem unsere Reise kurzfristig um einen Tag, um am nächsten Tag zu Fuß von Ungarn aus nach Serbien zu gelangen. Vor dem Grenzübergang bei der Kleinstadt Horgos lassen wir das Auto stehen und spazieren über die Grenze, die von einem mehreren Meter hohen Natodraht-Zaun markiert wird. Bereits kurz hinter der Grenze stehen auf der rechten Seite verfallene Häuser aus Tagen Jugoslawiens. Zwischen den Gebäuden sehen wir Menschen herumlaufen, die leicht als Flüchtende zu erkennen sind. Wir gehen erstmal weiter in Richtung Dorf, um uns umzusehen.
Auf dem Weg treffen wir zwei Algerier einen Marrokaner, und sprechen sie an. Der Marokkaner spricht gut Englisch. Wir fragen ihn, warum sie hier und nicht an der bosnisch-kroatischen Grenze seien – da wir die ungarische Polizei für berüchtigt halten und in Ungarn mehr Rassismus vermuten. Er sagt, er sei 3 Jahre an der bosnisch-kroatischen Grenze gewesen und habe es nicht geschafft. Da sei er bei Nacht und Nebel einfach über eine Grenze nach Serbien spaziert (einfacher, als es für uns mit dem Auto gewesen war), denn er glaubt dass es letztlich hier leichter sei. Mit 20 habe er sein Zuhause in Agadir verlassen, jetzt sei er 26 – 6 Jahre habe er verloren. Wenn er gewußt hätte, was passieren würde, wäre er nicht gegangen. Er wolle nur eine Chance. „Bin ich denn kein Mensch?“ fragt er, „Ebenso wie die Menschen aus der Ukraine?“ Er hat in Marokko Wirtschaft und Jura studiert, und spricht neben Arabisch, Tamazight („Berberisch“), Englisch, Französisch und Serbokroatisch. Einer der Algerier ist Klempner – ein in Deutschland sehr gefragter Beruf. Und doch hat er wegen unerlaubten Grenzübertritts 3 Monate im Gefängnis in Österreich gesessen und ist dann zurück nach Serbien abgeschoben worden. An der ungarischen Grenze sind neben ungarischer auch tschechische Polizei und manchmal auch österreichische Polizei bei den Push-Backs beteiligt. „Borders mean nothing to me“ sagt der Marokkaner.

Uschi:
Sie sind mit dem Flugzeug in die Türkei gekommen, wie auch viele der Männer aus Westafrika. Gefragt, ob die Route von Marokko nach Spanien wegen der Nähe nicht einfacher sei, meinten sie, die sei sehr gefährlich, es gebe sehr viele Tote dort. Aus meiner Arbeit von einigen Jahren in Syke, wo auch viele Westafrikaner im Wohnprojekt lebten, weiss ich von Erzählungen, dass der Grenzzaun von Ceuta nur mit hohem Risiko zu überwinden ist. Etliche der jungen Männer dort berichteten von gezielten Schüssen der marokkansichen Soldaten auf Menschen, die den Zaun zu überwinden versuchten. Es gibt dort keinen Schutz vor gezielten Schüssen! Die Ostafrikaner*innen können sich wiederum oft die Flüge in die Türkei nicht leisten, und gehen über Ägypten nach Libyen und dann die riskante Route übers Mittelmeer.
Die drei jungen Männer hier gingen zu Fuss von der Türkei nach Griechenland… auch dort wurden sie mehrfach zurück-ge“pusht“. Einer sagt: „An der ungarischen Grenze wird nur geprügelt, an der griechischen werden die Knochen gebrochen“. Sie berichteten von Haft in Bulgarien („wir wussten gar nicht, was passierte und wieso, es gab keine Übersetzter, wir wurden eingesperrt und nach einigen Wochen wieder entlassen und fortgejagt…“). Auch die Grenze von Serbien nach Ungarn war bislang unüberwindbar für die drei, der eine junge Mann hat ein verletztes Bein und geht mit Krücke – seit dem letzten „Game“ in der letzten Nacht. Er meinte, manchmal versuchten grosse Gruppen von bis zu 40 jungen Männern den Grenzzaun zu überwinden – dann schaffen es vielleicht 20, während die anderen durch Schläge und Tritte vom Zaun gezogen und zurückgejagt würden. Sein Vater, mittlerweile 80 Jahre alt, habe 10 Jahre in Frankfurt gearbeitet und sei dann zurückgekommen, aus Sehnsucht nach der Heimat.Er habe ihn dann „auf den Weg“ geschickt, um ein besseres Leben als in Algerien zu haben , und versuche, ihm jeden Monat etwa 60 Euro zu schicken. Damit und von der Unterstützung von einer internationalen NGO hier, die zweimal in der Woche in der Unterkunft etwas Essen und Wasser verteilen, müsse er überleben. Er lebe mit dem Marokkaner und dem algerischen Kumpel in einem verlassenen Haus ohne Strom und Wasser…..

Julia:
Der Marokkaner erklärt, dass es am Ort einen Chinesen gibt, in dessen Laden sie ihre Power Banks aufladen können. Währenddessen würden sie einen Kaffee trinken und spazierengehen. Wir wollen auch gern einen Kaffee trinken gehen und eine Toilette benutzen, und fragen ihn, wo das geht. Er erklärt, dass es zwei Cafe’s gäbe: Im einen – einer Art Sport-Bar & Spielhölle mit einem einzigen Mann an einem einarmigen Banditen – dürften sie nur Coffee To Go holen, aber nicht drinnen sitzen. Und da die Verkäuferin dort keine Becher hätte, müßten sie sich jedes Mal einzelne Plastikbecher im kleinen Supermarkt am Dorfplatz kaufen. Aber das sei noch das „bessere“ Cafe, denn der Besitzer des anderen sei so rassistisch, dass sie garnicht rein dürften. Er würde es uns dennoch empfehlen. Wir sind geschockt. Keinesfalls wollen wir dort in einem der Cafe’s sitzen! Wir gehen also in den Supermarkt, kaufen uns ebenfalls Plastikbecher sowie Kekse, und spazieren in das Sport-Cafe. Die Bar-Frau bedeutet uns herzlich, uns hinzusetzen. Wir nehmen unseren Kaffee in den Bechern mit nach draußen und setzen uns auf den Dorfplatz, unter den wachsamen Augen des uniformierten „Dorfplatzaufpassers“. Dennoch schaffen wir es, den einen oder anderen Sticker im Dorf zu hinterlassen. Etwas weiter in einer Seitenstraße finden wieder die Nordafrikaner von vorhin wieder, und geben ihnen die Kekse und restlichen Becher für ihre nächste „Kaffee- und Powerbank-Auflade-Tour“. Einen verfallenen Hof in der Gegend finden wir leider nicht, trotz langem Spaziergang bei dem uns aus jedem Hausgarten ein anderer Hund anbellt.

Uschi:
Auf dem Weg zurück zur Grenze begegnen wir dann einer weiteren Gruppe jungen Männer aus Marokko und Tunesien.
Wir erzählen ihnen von der push-back-map und verteilen Sticker und Tüten mit Obst und Snacks, ausserdem etwas Geld. Uns ist klar, dass ihnen all das nicht wirklich hilft und versuchen, unsere Geldgeschenke nicht allzusehr als „charity-act“ erscheinen zu lassen… „Macht Euch morgen einen schönen Nachmittag…“ Die Überraschung, angesprochen zu werden, ist offensichtlich, Freude ist zu sehen, es werden Fotos gemacht und ich werde gebeten, etwas für einen you-tube-Film zu sagen, den einer der jungen Männer online stellen will, sobald er an seinem Ziel Niederlande angekommen ist. Alle sind schon jahrelang unterwegs, alle haben schlimme Erlebnisse gehabt bei pushbacks….auch in dieser Gruppe hat ein junger Mann ein verletztes Bein und ein anderer a blau-violette Flecken unter den Augen von Schlägen… Sie wollen auf der Pushback-Map darüber schreiben und auch Sticker an die anderen in der Unterkunft verteilen. Einer von ihnen ist von der dem König verfreindeten Ethnie in Marokko, ein anderer ist Atheist. Alle haben so viele Träume, so viel Hoffnung , dass es klappen wird mit dem Überwinden der noch kommenden Grenzen, dass sie am Ziel ankommen werden. Wir können nur sagen: „Inschallah- wir wünschen Euch von Herzen, dass es gelingen wird“
Mir steckt der Hals voller Tränen: soviele Träume, soviele Hoffnungen, soviel erlebtes Leid. Als Mutter zweier erwachsenener Söhne sehe ich immer wieder die eigenen Kinder in der Notwendigkeit, aufbrechen zu müssen, um eine Zukunftsperspektive zu haben. Die Vorstellung, sie losziehen zu lassen auf einen Weg von 2,3 oder mehr Jahren ist unfassbar und unerträglich…..Und andererseits: welche eine Kraft diese jungen Menschen haben – natürlich auch Verzweiflung, aber auch viel Kraft – um diesen Weg auszuhalten, immer wieder Anläufe zu nehmen…Was könnte man alles mit dieser „gebündelten Kraft“ schaffen……!
Und immer wieder, wenn ich an die Flüchtenden denke, die zwischen Polen und Belaruss stecken, die unter Lebensgefahr den Weg über das Mittelmeer wagen, die über die türkisch-griechische Grenze laufen, aber auch die, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten in Flüchtlingscamps stecken, ohne grosse Hoffnungen auf Veränderung…muss ich an etwas denken, das mir ein Mann im Libanon gesagt hat: „Ihr akzeptiert uns nur als Flüchtende, wenn wir fast vor Euren Augen in Gefahr sind, erschossen zu werden….wenn wir verhungern oder erfrieren, sind wir nicht erwünscht, dann sind wir „Wirtschaftsflüchtlinge““…
Es ist kaum zu ertragen, dass wir die Grenze als freie Menschen einfach so überqueren dürfen, dass wir wissen, in der Heimat leben wir in Sicherheit und Komfort……wir können nur hoffen, dass wir den jungen Menschen, die wir getroffen haben, haben vermitteln können, dass wir beiden die politischen Verhältnisse nicht akzeptieren, und ich hoffe, dass wir ein ganz kleines bisschen Wärme zeigen konnten.

Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine – die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag

Julia:
Heute geht es für uns um die Situation in Bosnien-Herzegovina bzw. auf dem Westlichen Balkan selbst, da wir Treffen mit Personen haben, die hier u.a. im Bereich Konflikttransformation tätig sind.
Zuerst fahren wir nach Banja Luka in der Republika Srbska. Auf dem Weg fällt uns auf, dass die Flaggen, die man immer wieder sieht, nicht mehr die gelb-blauen der Föderation Bosnien und Herzegovina sind, sondern das Rot-Blau-Weiß der Republika Srbska, die 49% des Staatsgebietes von Bosnien-Herzegovina ausmacht (die Farbkombination findet sich auch in den Flaggen Serbiens, Kroatiens und Russlands). Wir treffen uns vor der Ferhadija- Moschee aus dem 16. Jahrhundert, die während des Krieges zerstört und danach wieder aufgebaut wurde. Innerhalb von eineinhalb Monaten wurden zu Anfang des Krieges alle 18 Moscheen und 4 katholische (kroatische) Kirchen in Banja Luka zerstört. Bei Grundsteinlegung zum Wiederaufbau 2001 gab es Ausschreitungen von Serben, bei denen ein Mann ums Leben kam. Wie schnell es geht, zu zerstören, und wie lange, wiederaufzubauen und die Wunden – individuell und gesellschaftlich – wieder zu heilen!

In einem Cafe treffen wir zwei Trainer*innen für gewaltfreie Kommunikation, die Workshops für Lehrerinnen in entlegenen Gebieten des Landes anbieten. Sie erzählen, dass die Lehrkräfte die ersten Tage mit verschränkten Armen da sitzen, und es einiges an Durchhaltevermögen braucht, aber dass sie dann „auftauen“ und dann ein gemeinsamer Austausch und voneinander Lernen möglich ist. Früher hätten sie auch in der Republika Srbska Workshops angeboten, aber dafür hätten sie keine Genehmigung mehr. Als das Gespräch politischer wird, bittet die Frau ihren Kollegen, die Stimme zu senken. Hinter uns hat ein schwarzer Wagen angehalten mit einem unsympatischen Mann, der sich an den Nebentisch setzt. Höchstwahrscheinlich eine Art Zivilpolizist. Die beiden erzählen uns, wie sie die vielschichtige Krisendynamik der letzten Jahre erleben: Die Pandemie, die mit den Ausgangssperren etc Erinnerungen an die Kriegszeit wieder hochholte, die Wirtschaftskrise, und die zunehmenden Spannungen durch die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Republika Srbska, insbesondere angeheizt von Milorad Dodik und seiner Partei SNSD, die von Serbien, Russland, und auch von ungarischen Akteuren unterstützt wird. Der Krieg in der Ukraine hat auch hier eine Gewalteskalation wiederum wahrscheinlicher gemacht. Unsere Gesprächspartner*innen begrüßen, dass Annalena Baerbock vergangene Woche in Sarajevo war und dort u.a. den Termin für die Wahlen im Oktober bekräftigt hat. Außerdem sagen sie, dass die NATO sich auch hier klar positionieren sollte. Das hören wir an dem Tag mehrfach, da Putin ein „Bully“ sei der sich nicht irgendwann zufriedengeben würde, wenn man ihn nicht stoppt. Die aktiven pro-demokratischen Kräfte auf allen Seiten sind klein, und obwohl sie sich mit ihnen identifizieren, übersteigt es ihre Kräfte, sich in dem Bereich zu engagieren, sagen sie. Auch von der mangelnden Aufarbeitung des Krieges hören wir an diesem Tag häufiger. Wobei es in der Republika Srbska keine Kampfhandlungen gegeben habe, sondern „nur“ ethnische Säuberungen.

Uschi & Julia:
Im Norden der Republika Srbska treffen wir zwei bosnische Frauen von einer lokalen NGO, die während des Krieges nach Deutschland flüchten mussten, und dort auf „Duldung“ für einige Jahre lebten. Sie sprechen beide noch hervorragendes Deutsch, obwohl sie bereits seit über 20 Jahren wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt sind. Sie erzählen, wie schwierig diese Rückkehr war: Die neuen serbischen Bewohner*innen ihrer Häuser hatten ihnen zwar zunächst zugesagt dass sie die Häuser bei der Rückkehr räumen würden, was dann aber nicht geschah. Die beiden Frauen lebten zunächst provisorisch in Sichtweite ihrer Familienhäuser, und mussten jahrelange Klagen anstrengen, bis dann später ein Gesetz die Rückgabe regelte. Beide haben noch Familienmitglieder in Deutschland, wo die zweite Generation jetzt fester verwurzelt ist. In den Häusern der vorwiegend bosnischen Nachbarschaft der einen Frau sind oft die Rolläden unten und Fenster vernagelt. Sie kommentiert, wo deren Besitzerinnen leben und in welchem Haus noch eine einzelne alte Person lebt. Umso wichtiger, dass ihre NGO eine Altenbegegnungsstätte und einen Pflegedienst organisieren. Diese Angebote sind für alle, egal ob bosnisch, serbisch, kroatisch oder anderer Herkunft.
Außerdem organisieren sie internationale Jugendbegegnungen und eine Frauengruppe. Am Frauentag haben sie eine Aktion gemacht, bei der auch das Thema Frieden vorsichtig eingestreut wurde – aber auch das Thema häusliche Gewalt, das seit der Pandemie auch hier verstärkt auftritt. Ihrer Erfahrung nach haben die Frauen bei der Rückkehr viel der Organisation geleistet und seitdem auch eine stärkere Position in den Familien eingenommen. Ihren hartnäckigen Protesten ist es wohl auch mitzuverdanken, dass der Grenzübergang über den Fluss nach Kroatien nach einigen Jahren wieder geöffnet wurde. Zudem setzen sie sich für interreligiösen Dialog ein. Bei einer Jugendbegegnung sollten die jungen Menschen gegenseitig die Religionshäuser besuchen. Die Besuche bei der (kroatischen) katholischen Kirche und der serbisch-orthodoxen Kirche war das kein Problem, aber als die serbischen Jugendlichen die Moschee besuchen sollten, wurde das verhindert – mit dem Vorwurf sie sollten da „zu Türken gemacht werden“.
Uns wird deutlich, wie wenig der Konflikt hier aufgearbeitet wurde, und wie gefährlich das letztlich ist. Bei einem ehemaligen Internierungslager in dem bosnische Menschen gefangen waren, gibt es heute keinerlei Erinnerung an die bosnischen Opfer, aber ein Denkmal für die serbischen. An den Wänden sind serbische „Kriegshelden“ aufgesprüht.
Wir gehen am Ufer der Una spazieren, die hier den Grenzfluss bildet und ruhig durch die Ebene fließt im Gegensatz zu in den Bergen Westbosniens. Auf der anderen Seite „winkt“ Kroatien. Ich wundere mich, warum von Flüchtenden weit und breit nichts zu sehen ist, wo der „Traum“ Europa doch so greifbar nahe liegt. Wir erfahren, dass es hin und wieder Versuche gegeben habe, den Fluß zu überqueren, aber es sei kaum machbar. Zwar fließt die Una so friedlich dahin und viele Menschen planschen im Sommer hier im Wasser, aber um den Fluß schwimmend zu durchqueren müsse man schon gut mit den Strömungen vertraut sein. Auf der anderen Seite, für uns unsichtbar aber dennoch präsent, patroullieren kroatische Polizeistreifen, und da das andere Ufer kaum bewaldet ist, wird es kaum möglich sein, ihnen zu entkommen. Wir fühlen uns an die Fluchgeschichten über die Elbe im Wendland erinnert.
In unseren Gesprächen kommen wir zu dem Punkt, wie wichtig es ist, Kriegs- und Verteibungserfahrungen aufzuschreiben – sei es zur eigenen Verarbeitung oder zur Erinnerung für die Nachwelt! Aufschreiben oder erzählen in akzeptierender Runde kann so wichtig sein für seelische Gesundung… Unsere Gastgeberin erzählt, dass sie und die anderen Teilnehmenden bei einem Kurs zu Konflikttransformation eine lange Einzelmeditation machen sollten. Sie merkte, dass ihr das überhaupt nicht gut tat, da dabei viele traumatische Bilder hochkamen. Für viele Jahre war das für sie nicht möglich und sinnvoll, sich dem auszusetzen, da sie versuchen musste, ihre Kräfte zum Weiterleben zusammenzuhalten. Sie und andere Teilnehmende mit Kriegserfahrung sind daher lieber zusammen spazierengegangen. Für andere ist es vielleicht Musik, oder Yoga, oder Kickboxen, was im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen Ventile und Linderungsschritte bieten kann.
In noch weiteren Begegnungen beschäftigen uns diese Themen. So hat eine Frau, die wir treffen, den Krieg in der Familie, mit einer kroatischen Mutter und einem serbischen, stark gewalttätigen Vater. Die Familie des Vaters hat die kroatische Mutter nie akzeptiert. Sie sagt, dass es letztlich nicht möglich ist, wirklich Frieden zu schließen und gesund zu werden, wenn man nur „über die Konflikte hinweggeht“ – man muss hineingehen um sie bearbeitbar zu machen. Aber das braucht auch immer wieder einen guten Rahmen und Unterstützung, auch wenn man manche Schritte – wie zum Beispiel sich letztlich von einem gewalttätigen Partner zu lösen – nur selbst machen kann. Und „Bullies“ wie Putin, Trump oder anderen toxischen Männer kann man nicht das Feld überlassen – auch nicht im eigenen Herzen. Sie beschäftigt sich mit „Acceptance and Commitment Therapy“ (ACT), die u.a. auf eine Verankerung in und Umsetzung der eigenen Werte fokussiert – ein sehr spannender Ansatz. Uschi zitiert den Dalai Lama, der einmal auf die Frage sagte, ob er die Chinesen hasse: „Nein, denn jeder Chinese war auch einmal ein kleines unschuldiges Baby“.

Am folgenden Tag sprechen wir mit einer serbischen Aktivistin, der die Traumadynamiken auf der bosnischen Seite, und die aktuellen Kriegsängste, auch sehr bewusst sind. Sie kennt gleichzeitig auch die Annahmen, dass sie als Serbin eine bestimmte Einstellung oder Mitschuld hätte, obwohl sie seit vielen Jahren aktiv in eine andere Richtung ist. Ähnliches erkennt sie jetzt in der Behandlung von Russ*innen, die zum Beispiel im Westen ihre Jobs verlieren oder anderweitig rassistisch behandelt werden. Wir sind uns einig, dass die russische Zivilbevölkerung eine der wichtigsten Akteur*innen ist um die Kriegspolitik Putins zu stoppen. Und natürlich, dass alle flüchtenden Menschen dasselbe Recht haben, und es keine Flüchtenden erster und zweiter Klasse geben darf. Wir überlegen, ob diese Rassismus-Thematik im Moment ein guter Anker ist, um politische Kampagnenarbeit zu machen. Denn wenn es darum geht, was wir weiter tun können bezüglich der Pushbacks, ist sie desillusioniert, was das Adressieren offizieller Institutionen angeht – die Rechtsbrüche sind so bekannt, so verankert, geschehen seit so langer Zeit… Bei der unterschiedlichen Behandlung von Flüchtenden aus der Ukraine wird dieser Rassismus – der auch in Zusammenhang steht mit Kolonialgeschichte etc – vielen Menschen deutlich – und somit vielleicht mehr bearbeitbar. Dabei ist für sie – soweit wir verstanden haben – echte solidarische Aktion, wenn man dabei auf die eigenen Privilegien verzichtet. Konkrete Aktionsansätze wollen wir in der nächsten Zeit online diskutieren.

Nachdem wir Lenie auf einem Bahnhof irgendwo im Nirgendwo gebracht haben, da sie über Zagreb zurück in die Niederlande reist, fällt uns abends in der Unterkunft das Abschalten schwer. Zu sehr sind wir in Gedanken bei den gehörten Geschichten, versuchen nachzuvollziehen wie es sich anfühlt auf der Flucht zu sein, in den verschiedenen Phasen der Flucht, des Ankommens, des Zurücklassens, des Zurückkehrens. Wir könnten alle ein Buch schreiben, sagte unsere Gastgeberin. Und dennoch schweigen so viele über das was sie erlebt haben, hören wir diese Geschichten so selten, oder hören wir nur nicht zu? Warum findet Aufarbeitung – individuell und kollektiv – nicht immer, und wenn dann oft so spät statt?

Pain, Beauty and Organising

Uschi:
Unser Plan für den Tag war es, uns aufzuteilen: Lenie blieb zurück in unserer Unterkunft und widmete sich dem Crowd-Funding für den direkten Support von People on the Move und Initiativen vor Ort! Abends konnten wir das sensationelle Ergebnis von insgesamt beinahe 1000 Euro feiern… ein Riesenerfolg! Einiges an Geld haben wir schon an einige „people in move“ weitergegeben und an die wunderbare Koordinatorin der lokalen NGO in Velika Kladusa!
Julia und ich machten uns auf den Weg, zunächst zu einem verlassenen Fabrikgebäude, in dem Flüchtende 2 kleine Unterkünfte haben, die von der NGO „blindspot“ wetterfest gemacht wurden. Wenn man das Gebäude betritt, kann man sich kaum vorstellen, dass da Menschen wohnen können: zerbrochene Fenster, zerbrochenes Dach….. Mein erster Gedanke war: da wollte jemand dieses Gebäude unbedingt unbewohnbar machen. Doch auf der ersten Etage liefen uns 2 kleine Hunde entgegen, ein Zeichen, dass dort doch Menschen wohnen….und richtig, wir fanden zu den beiden verschlossenen Räumen. Es war jedoch niemand da und wir begnügten uns damit, Sticker an die Türen zu kleben und unten an die Fabrikwände die Webadresse von „PBM“ zu sprayen…
Dann machten wir uns auf den Weg zum Warenlager der lokalen NGO, die von einer deutschen Initiative beliefert wird, um einige weitere Männer- und Frauenpullover ,-jacken und -hosen weiterzugeben. Nun sind nur noch die Klamotten für Kleinkinder und Babys im Auto, die hier wenig gebraucht werden, und eine große Tüte Gummistiefel in allen Größen. Erstere werden wir an die ukrainische Grenze mitnehmen, und letztere am Abend an die Initiative „Land of Hope“ übergeben, die (in Zusammenhang mit SOS Bihac) dabei ist, ein Landwirtschaftsprojekt mit Flüchtenden und Einheimischen aufzubauen.
Die lokale Aktivistin in Velika Kladusa arbeitet im „Broterwerbsberuf“ auch noch als Lehrerin. Als ich sie fragte, ob das eine zweite 40-Stunden-Stelle sei, sagte sie: „manchmal mehr…“ Eine junge schmale Frau, der man die Erschöpfung im Gesicht ansah. Wir sprachen nochmal über die Pushback-Map und eine weitere Organisation die in Velika Kladusa nicht nur Duschen anbietet sondern auch hier und in Tusla Essen kocht und ausgibt. Die Koordinatorin dieser anderen NGO schafften wir nicht mehr zu treffen da sie unterwegs ist, aber unsere Ansprechperson nimmt zahlreiche Sticker an sich, die dann bei der Essensausgabe verteilt werden. Es wird interessant werden, ob daraus einige neue Einträge auf der Pushback-Map folgen werden.. Außerdem gaben wir der Koordinatorin Geld für eine junge Frau on the move in Tusla, deren Baby aufgrund einer Allergie spezielle Babynahrung benötigt.
Anschließend ein Einkauf in einem Supermarkt: Wasser und einige Kleinigkeiten, die wir an die Gruppe von jungen Pakistani weitergeben wollten: Tee, Zucker, einige Snacks.
Dabei fiel uns ein junger Mann mit einem strahlend-warmen Lächeln auf, der uns an der Kasse den Vortritt lassen wollte. Offensichtlich aus Westafrika kommend.
Auf einer Wiese vor dem Supermarkt saß er mit seinen Einkäufen: einer Packung Kekse und einer Tüte Saft. Ich ging zu ihm, um ihm einen Sticker zu geben – er hörte gerade Musik und schaute in die Sonne….Wir fanden heraus, dass wir uns am besten auf Französische unterhalten konnten – er stammt aus dem Senegal und ist am Tag zuvor von einem Push-back wiedergekommen. Er berichtete, dass er in einer Gruppe von 5 jungen Männern von Sarajevo aus losgezogen sei : aus Kamerun, Mali, Ruanda und dem Senegal stammend. Nun sei er neu in Velika Kladusa.
Er hörte Musik von einem Smarttphone, also fragte ich ihn, wie es käme, dass er nun doch ein Smartphone habe. Er habe es von einem Kumpel aus Kamerun im Camp geliehen. Er sei so traurig und müsse alleine sein und Musik hören…und dabei immer dieses warme Lächeln, kein verbitterter Gesichtsausdruck… Er sei traurig, dass es nicht geklappt habe – er würde es natürlich wieder versuchen, sobald er heile Schuhe habe. (wir konnten ihn mit „no name kitchen“ verknüpfen, die auch Kleidung verteilen.)
Viele Männer aus Westafrika würden mit billigen Flügen in die Türkei fliegen und dann den Weg nach Griechenland antreten, entweder zu Fuß oder mit dem Boot. Er wählte den letzten Weg und das Boot kam auch heile in Mytelini (Insel Lesbos) an. Dort war er 7 Monate im Camp Moria, bis es ihm gelang, aufs Festland zu kommen und den Weg weiter durch Griechenland bis nach Bosnien zu nehmen – meist zu Fuß… Eine Weile sei er im Camp in Sarajevo gewesen und dann einen Tag vor dem Pushback nach Velika Kladusa gekommen. Ein Freund wohne in Deutschland und habe da Arbeit, er wolle zu ihm, egal wie lange es dauert. Sein Vater ist Moslem, seine Mutter Christin. Er wolle Christ sein und das ist im fundamentalistischer werdenden Umfeld ein Problem. Außerdem will er eine gute Arbeit finden, die gäbe es im Senegal nicht – und so ging es allen seinen Freunden aus den verschiedenen Ländern auch. Nun sei er eben traurig, aber das Leben gehe weiter – und so Gott wolle werde er es schaffen. Er hatte von einem alten Mann ein wenig Geld bekommen für die Kekse und den Saft, wir gaben ihm noch einmal ein wenig Geld – denn die Seele braucht manchmal ein paar Süßigkeiten und verabschiedeten uns gegenseitig mit „god bless you“.
Weiter ging es zu der verlassenen Datsche, in der 5 junge Männer aus Pakistan ihre Unterkunft haben. Davon wird Julia nun berichten:

Julia:
Die Datsche, oder das „Pakistani White House“, wie die Unterstützer*innen es nennen, finden wir erst im Abendlicht wieder. Wir geben die Tüte mit den „Teatime-Zutaten“ ab, und nochmal etwas Geld für den Einkauf von Nahrungsmitteln. Heute sind sieben Männer da, ein paar tragen die Jacken, die wir letztes Mal mitgebracht hatten. Auch sie erzählen von ihrer langen Flucht, über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan. Sie wollen nach Italien, die 20 Tage Fußmarsch durch Kroatien und Slowenien, haben es schon mehrfach probiert. „Nächstes Mal ist das letzte Mal“ sagt einer lachend. Wir denken traurig daran, wie wenige Chancen sie in Italien oder Deutschland haben werden… Wir hinterlassen nochmal die Infos zur Pushback-Map an den Wänden, und verabschieden uns. Als wir gehen, streckt uns ein Mann mit ganz feinen Gesichtszügen zwei der Schokocroissants entgegen, die wir mitgebracht hatten. Er, wie so viele andere, hält seine Würde Tag für Tag unter widrigsten Umständen aufrecht, in diesem Moment indem er an der Gastfreundschaft seiner Kultur und dem Prinzip des Teilens festhält, das wir in unserer Kultur so schlecht geübt sind. Nach einem Zögern nehmen wir eines der Schokocroissants an um es unter uns zu teilen. Manche Begegnungen werden einem lange in Erinnerung bleiben. Für mich war die Begegnung mit diesem jungen Mann so eine.

Warum die Pushback Map wichtig ist

Julia, 12.3.:
Ein schönes nachträgliches Geburtstagsgeschenk ist der Besuch des grandiosen Strbacki Buk – ein riesiger Wasserfall im wunderschönen Una-Nationalpark, in dem es neben zahlreichen Burgruinen aus osmanischer Zeit auch Wölfe und Bären gibt.

Später fahren wir nach Velika Kladusa. Am Ortseingang halte ich kurz an, um unsere Kontaktperson von „blindspots“ telefonisch nach dem Weg zum Treffpunkt zu fragen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind eine Gruppe von People on the Move. Lenie kommt etwas komisch vor, und sie geht mit mir rüber. Tatsächlich sitzt einer der jungen Marokkaner am Boden, mit einer tiefen Fleischwunde. Auf dem Game habe die kroatische Polizei ihn mit einer Glasflasche geschlagen, sagt er. „Warum hasst die kroatische Polizei uns so?“ fragt einer seiner Freunde, dessen Handy zertrümmert ist. Auch das Handy dessen, der am Boden sitzt, ist kaputt. Wir hören später, dass die Polizei manchmal den Flüchtenden sagt, sie sollen Handy und Geld in die Hand nehmen, und schlagen ihnen dann aufs Handgelenk, bis sie alles fallenlassen. Was sie nicht weiterverkaufen können, verbrennen die Polizisten dann. Wir bleiben, bis die Wunde gereinigt und verbunden ist, und geben auch zwei gebrauchte Handys weiter. Uschi und Lenie entwickeln (groß-)mütterliche Gefühle, und der Innigkeit der kurzen Begegnung nach zu urteilen beruht dies auf Gegenseitigkeit und das Treffen ist entsprechend herzlich. Einen Arzt will der junge Mann nicht sehen, obwohl die Wunde eigentlich geklammert werden müßte. Später treffen wir durch Zufall Freiwillige einer Organisation, die medizinische Basisversorgung leistet, und verbinden sie mit den marokkanischen Jungs.


Wir sind spät bei unserem Treffen mit der Aktivistin von „blindspots“, einer in Berlin gegründeten Initiative. Sie ist schon zum zweiten Mal hier, und beantwortet geduldig unsere vielen Fragen. So erzählt sie, dass seit dem „Lighthouse“-Report über die Pushbacks auf dem Balkan und in der Ägäis vom Herbst 2021 die Situation hier besser geworden ist. Mehr Leute kommen durch, und wenn im offiziellen Lager in Zagreb Platz ist, werden Familien anstatt zurückge-pusht dorthin verwiesen. Sie erzählt über das Netzwerk der Unterstützer*innen außerhalb der „offiziellen Strukturen“ – wer da ist, wie die Zusammenarbeit funktioniert… Die Internationalen – deren Mindestanwesenheit vor Ort 4 Wochen beträgt, damit sich die Einarbeitung lohnt – sind alle auf Touristenvisum da und entsprechend nervös, wenn neue Leute auftauchen. Welche hatten uns gesehen, und Alarm geschlagen, bis die lokale Aktivistin sie beruhigt hatte dass wir „ok“ seien. Mit der Aktivistin von blindspots sprechen wir auch über die Pushback-Map. Ihre Organisation ist Teil des Border Violence Monitoring Network, deren Konzept es ist, sehr ausführliche und detaillierte Interviews zu machen. Sie erstellen aus den nicht sensiblen Teilen der Informationen dann zusammenfassende Berichte für Advocacy-Arbeit. Die Pushback-Map dagegen ist ein selbstermächtigendes Tool, auf dessen Website jede*r direkt Berichte einstellen kann – ob nur einen ganz kurzen oder einen ausführlichen, ob selbst erlebt oder von einer anderen Person gehört. Während blindspots pro Woche ein Interview macht und No Name Kitchen, ein anderes internationales Kollektiv in Velika Kladusa, zwei, können auf der Pushback-Map beliebig viele Menschen – wann auch immer ein guter Zeitpunkt für sie ist – ihre Zeugenaussagen eintragen. Wir sind uns einig, dass sich das nicht widerspricht, sondern jeweils eigene Vor- und Nachteile hat. Für manche ist es bestimmt wichtig, einem menschlichen Gegenüber von den Erlebnissen zu erzählen, für andere ist es z.B. emotional einfacher, dies anonym und für sich allein zu tun. Meine Frage, ob sie mehr Interview-Anfragen/Wünsche von zurückgeschlagenen People on the Move bekommen als sie bedienen können, bejaht sie ganz klar. Unsere Schlußfolgerung ist, dass sich die Ansätze durchaus ergänzen können. Aber eine konkrete Kooperation müßte auf anderer Ebene zwischen den beiden Netzwerken besprochen werden. Wichtig für mich ist in dem Moment auf jeden Fall, dass bei blindspots kein Gefühl aufkommt, dass wir eine „Konkurrenzveranstaltung“ machen. Eine Anmerkung von ihr ist, dass es wichtig ist keine Details über die tatsächlichen geheimen Routen zu veröffentlichen – aber da diese nicht explizit abgefragt werden und die Einträge auf der Pushback-Map ja vor Erscheinen auf der Karte moderiert werden, ist das letztlich kein Problem. Mir fällt auf, dass während BVMN dauerhaft Leute vor Ort hat und Pushback-Map nicht, beide bislang kaum die Menschen in den offiziellen Camps erreichen. Und Uschi und ich sind uns einig, dass wir uns nach der Rückkehr auch mehr mit möglichen oder vielleicht im Kollektiv bereits bestehenden politischen Veränderungsstrategien beschäftigen wollen, die auf der Pushback-Map aufbauen. Als „Neulinge“ im Kollektiv der Pushback-Map bemerken wir, dass wir auch da noch Fragen haben und uns auf weiteren Austausch freuen. Für den nächsten Tag nehmen wir uns vor, lokale Akteure zu gewinnen, die Sticker der Pushback-Map zu verteilen.


Später fahren wir zu „No Name Kitchen“, einer spanischen NGO die sowohl in Velika Kladusa als auch in Bihac (und in anderen Ländern) Freiwillige haben. Im Wohnzimmer des Kollektivs, das den Vibe eines besetzten Hauses in Berlin hat, ist ein reges Kommen und Gehen. Eine kurze Runde mit Kaffee, dann packen wir unser Gepäck aus und die Aktivist*innen von No Name Kitchen und der medizinischen Freiwilligenorganisation, die auch durch Zufall da sind, packen ein was sie brauchen können: Männerklamotten, Regenjacken, auch ein paar Frauenklamotten, Schuhe, Babytragen, und zwei Tüten voller Medikamente, Fußsalben, Lavendelöl, Verbandsmaterial…
Der Abend klingt bei der bosnischen Familie in Buzim aus, wo wir auch noch Kleider und etwas Geld für die weitere Unterstützung Flüchtender dalassen können. Zusammen singen wir das bosnische Lied „Reci Bosna lyubavi….“.

Von Squat zu Squat

Uschi, 11.3.:

Donnerstag ruhe ich immer noch auf dem schwäbischen Sofa, bin aber negativ getestet und kann abends losfahren nach Zagreb. Tagsüber kommen immer mal Nachrichten aufs Telefon: bei den jungen afrikanischen Studenten im Wendland ist Unruhe aufgetreten: es kursiert das Gerücht, dass sie schnell in die „Heimatländer“ zurückgeflogen werden sollen…..Ich versuche sie zu beruhigen… dass erstmal ihr Status hier bis zum 23.Mai gesichert und legal ist. Aber es gibt ja die Aussage der EU-Kommissarin für Geflüchtete, dass „Flugzeuge kommen, sie einsammeln und nach Hause fliegen“ Das beunruhigt natürlich ….und weil es der wichtigeste Gedanke für die jungen Leute zu sein scheint, ihre Studien weiterzuführen (einge stehen schon kurz vor ihren Examina, u.a. in Medizin, Pharmazie, Biochemie….) höre ich quasi gedanklich, wie die Scherben der Zukunftsträume klirren… Dabei wäre es so wichtig, diesen jungen Menschen zu ermöglichen, ihre Studien irgendwo und irgendwann weiterzuführen und als qualifizierte Fachkräfte in ihre Heimatländer zurückzukehren. Ein Anruf bein der Migrationsberatung bestätigt meine Befürchtungen: Es wird tatsächlich daran gedacht, sie alle „heim“zuschicken. Aber erstmal steht ja das „magische Datum“ 23.5. noch fest. Im Laufe des Tages erhalten alle jungen Leute zumindest die Fiktionsbescheinigung, aber weiter heisst es : „Geduld bewahren“. Abends stellt mich die deutsche Bundesbahn – mal wieder  – auf die Probe: auf dem kleinen Bahnhof Nürtingen erscheint plötzlich die Ansage, dass der vorgesehene Zug 40 Minuten Verspätung hat. Natürlich wären damit alle Anschlüsse gecancelt…..und natürlich ist niemand am Bahnhof, den man fragen könnte. Und so oft gibt es ja nun keine Verbindungen nach Zagreb. Ich „flitze“ mal eben nach Ulm, da hat der Anschlusszug nach München Verspätung und dann glücklicherweise auch der Nachtzug nach Zagreb. Am nächsten Mittag geht es von Zagreb mit dem Bus weiter zur kroatisch-bosnischen Grenze – wo mich der Bus mitten im Nirgendwo als letzte Passagierin „ausspuckt“. Zu Fuss geht es über die Grenze und auf der bosnsichen Seite warte ich dann auf Julia und Lenie- und bin seelig, als ich die beiden endlich begrüssen darf – an Julias Geburtstag…

Julia, 11.3.:

Mit einer lokalen Organisation können wir an deren zwei mal die Woche durchgeführten Tour zu den inoffiziellen Squats / Safe Houses um Velika Kladusa teilnehmen. Es gibt in Velika Kladusa auch ein offizielles, von der IOM geführtes Camp, wo nach unterschiedlichen Angaben zur Zeit 150 bis 500 Menschen sind; es ist wohl bis 800 Personen ausgelegt. Dort kommen keine Auswärtigen rein, und die Flüchtenden kommen nur zu bestimmten Uhrzeiten raus – „wie ein Gefängnis“ sagt eine internationale Aktivistin, die zur Zeit in der Region aktiv ist. Sie würden dort „erkennungsdienstlich behandelt“ mit Fotos etc, und ihnen würde dort regelmäßig angeboten, wieder zurück in ihre Heimatländer gebracht zu werden. Was natürlich fast niemand annimmt. Die lokalen Aktivisten auf der Tour zu den inoffiziellen Camps sind wohl schon vertraut mit internationalen Gästen. Der eine, ein sehr herzlicher junger Mann, sagt, es sei gut den Leuten auch was mitzubringen, und sie nicht nur „auszufragen“. Zum Glück haben wir ja den Kofferraum voller Sachen. Es ist ein komisches Gefühl, so Charity-like Sachen weiterzugeben. Das habe ich in der Form noch nie gemacht, und frage mich, ob das meinem politischen Ansatz entspricht. Und dann denke ich, es ist auch eine Frage der Haltung. Hier sind Menschen die unverschuldet in schwierigen Situationen geraten sind, was sehr viel mit den globalen Handels-, Kolonial-, Waffenhandels-, Extraktivismus- und Klimazerstörungsstrukturen etc… zu tun hat, von denen wir (zumindest unmittelbar) profitieren. Und ich verteile in gewisser Weise – in sehr kleinem Umfang – den Überfluss aus meinem Land um. Die schönen Klamotten, die sich bei mir vor der Reise fast ohne mein Zutun sammelten und in meiner Wohnküche stapelten, haben mich gleichzeitig gerührt und erschüttert – so eine Diskrepanz zwischen Überfluß und Mangel! Aber es geht natürlich auch darum, Not in Bezug auf unmittelbare Grundbedürfnisse zu lindern. Materielle, aber auch seelische – in welch kleinem Umfang das vielleicht möglich ist. Und das Geschehen in einen politischen Kontext zu setzen und mit Kampagnen zu verknüpfen. Wie ich Thomas Gebauer von medico international neulich auf einem Vortrag sagen hörte, geht es gleichzeitig darum „Hilfe zu verteidigen, zu kritisieren, und abzuschaffen“.
Wir fahren also hinter dem Auto der lokalen Aktivisten hinterher, die einige Grundnahrungsmittel u.a. dabei haben und ansonsten fragen, was gerade gebraucht wird und das dann später bringen. Unsere erste Station ist die Ruine einer alten Fabrik. Rechts und links des Pfades zum Gebäude liegt Müll. Streunende Hunde begrüßen uns in der inzwischen dachlosen Fabrikhalle. An der Seite ist ein Treppenhaus. Wir gehen die Treppe nach oben, wo es zwei intakte Räume gibt. Die Aktivist*innen des berliner Kollektivs „blindspots“ haben die Türen gesichert und abgedichtet. Einer der Räume ist abgeschlossen, der andere leer. Unten treffen wir einen Afghani, der fast kein Englisch spricht, aber wohl eigentlich im offiziellen Camp ist. Ich gebe ihm den Sticker der Pushback-Map auf Persisch. Wir fahren weiter.
Der zweite Squat ist eine Art Datscha, wo zur Zeit fünf Pakistani sind. Einer von ihnen erzählt, dass er bereits 3 Jahre hier feststeckt, die anderen ein Jahr. Er zeigt uns Bilder wie er sein Bein gebrochen hat, und wie er zusammengeschlagen wurde. Nach jedem Mal im „Game“ warte er wieder bis er sich wieder erholt habe, und dann versuche er es erneut. Aber es ist auch eine finanzielle Frage. Er könne seine bereits verschuldete Familie nicht mehr nach Geld fragen, um weiterzukommen. Wir erfahren später, dass der Transit nach „Europa“ zwischen 2500 und 7000 Euro kostet. Ohne Schlepper, die die Routen kennen, ist es fast nicht zu machen. Die billigste Variante führt zu Fuß über die Grenze, und dann ca. 20 Tage zu Fuß weiter über Slowenien bis zur italienischen Grenze. Während dieser Zeit können sie jederzeit von der kroatischen oder der slowenischen Polizei aufgegriffen und zurück nach Bosnien-Herzegovina gebracht werden. Die teurere Variante ist via Straße, also unter LKWs oder in anderen Vehikeln versteckt über die Grenze, und dann teils mit Taxi oder anderen Fahrern die Strecken über Land.
Spatzen huschen durch den Raum. Der Ofen – ebenfalls installiert und mit Brennholz versorgt von „blindspots“ – gibt schön warm. Die Männer sammeln sich darum. Der Mann, der schon drei Jahre da ist, zeigt ein Bild, wie er als junger Mann in Griechenland ist. Er ist sichtlich bitter darüber, dass er seine Jugend auf der Flucht verbracht hat und jetzt älter wird ohne Perspektive feststeckend. Er habe schon viele Interviews gegeben – an seiner Situation habe das nichts geändert. Wir erzählen von der Pushback Map und dass das natürlich nicht direkt etwas hilft, aber dass wir auch nicht mit der Situation einverstanden sind und die Berichte sammeln um zu protestieren. Das findet er gut. Seine Kleidung ist zerschlissen, er braucht Schuhe Größe 41. Ein anderer geht mit mir zum Auto. Wir können für alle gute Jacken weitergeben, aber Schuhe in Größe 41 – die hier am meisten gefragt sind – haben wir leider nicht. Später erfahren wir, dass er von „No Name Kitchen“ – einem weiteren transnationalen Kollektiv, das hier aktiv ist – passende Schuhe bekommen hat. Als sie sagen, sie wollen nicht das Camp-Essen weil sie sich gerne ihr pakistanisches Essen kochen, gibt Lenie ihnen etwas Geld zum einkaufen.
An der nächsten Station bietet sich ein ganz anderes Bild. Ein afghanischer Vater mit seinem Sohn räumen Müll um das unfertig aussehende Haus auf. Die achtköpfige Familie ist erst seit wenigen Tagen hier, und wird hoffentlich auch nicht lange bleiben. Dennoch werden sie den Ort besser verlassen als sie ihn vorgefunden haben. Die Familie ist erkennbar wohlhabend und gebildet. Der Vater ist Ingenieur und erzählt, dass er früher am Krankenhaus in Masar-Al-Sharif mitgebaut hat, finanziert von der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau). Außerdem habe er mit einer lokalen afghanischen Initiative eine Schule für Jungen und eine Schule für Mädchen gebaut. Als klar war, dass die Taliban wieder an die Macht kommen, konnte er seine Familie in die Türkei bringen. Von dort aus sind sie bereits etwa 40 Tage unterwegs. Sie wollen in den kommenden Tagen wieder ins „Game“ gehen. Drei Mal hat es schon nicht geklappt. Ihr Ziel ist Norwegen, wo Angehörige von ihnen leben. Als wir fragen, ob sie etwas brauchen, verneinen sie.
Weiter geht es die Hügel auf und ab. In einem normalen Wohnhaus, das wie wir erfahren von einer bosnischen Familie zur Verfügung gestellt wird, ist zur Zeit eine kurdische Familie aus Nordirak. Die Mutter und Töchter unterhalten sich kurz mit uns und können auch Jacken brauchen. Leider haben wir für die Kleinste keine passende Größe, eine blöde Situation. Ich hole Kekse aus dem Auto, wenigstens etwas.. Ein Auto von IOM kommt vorbei, und der Fahrer fragt auch kurz, ob etwas gebraucht wird. Ist nicht der Fall. An der letzten Station sind die Türen abgeschlossen, keiner da. Die Leute, die letztes Mal noch hier waren, haben es wohl über die Grenze geschafft.
Auf der Rückfahrt holen wir gegen Abend Uschi von der kroatischen Grenze ab. Ein Stück vor dem Grenzübergang sehen wir People on the Move mit dicken Rucksäcken – offensichtlich auf dem Weg ins „Game“. Am Morgen haben wir in der Region des Lipa-Camps Männer zu Fuß ins Tal wandern sehen. Sind es vielleicht dieselben? Jetzt dämmert es, und die nächtliche Kälte bricht herein. Ich hoffe, sie schaffen es rüber und finden einen warmen Ort.

„You weren’t there, so you don’t know how it felt…“

Uschi:
Noch ein weiterer Tag auf Julias Sofa, aber immerhin mit der Tendenz, dass ich wohl bald „virenfrei“ bin und losfahren kann.
Ich habe heute natürlich laufend die neuen Nachrichten verfolgt. Was mich erschütterte, war ein Beitrag von „Info-Migrant“, dass es unter den Geflüchteten, die in Belarus sind, den Gedanken gibt, einzureisen in die Ukraine und von dort den Weg nach Polen und dann ins restliche Europa zu finden. Wie verzweifelt müssen Menschen sein, dass sie keinen anderen Weg sehen, als durch eine weitere Kriegszone zu flüchten, um endlich an einen Ort zu kommen, an dem sie Frieden vorzufinden hoffen und ein Ende der täglichen Angst.
Und auch an vielen anderen Stellen auf der Welt gehen Krieg, Vertreibung und Pushbacks heute weiter. Von einer syrischen Freundin im Libanon bekam ich eine Nachricht, dass die Nachrichten über die Umzingelung von Mariupol sie an das Aushungern der Bevölkerung von Aleppo, von wo sie stammt, erinnert. Sie schrieb mir:“ Wer kennt das Leben im Krieg wohl besser als wir aus Syrien und Afghanistan.“

Julia:
Langsam haben wir uns „eingegroovt“, verschiedene Treffen in den nächsten Tagen stehen fest. Ich werde etwas ungeduldig, auch wenn ich weiß dass Netzwerkarbeit auch Arbeit ist – und unser Haupt-Ziel, die Pushback-Map als selbstermächtigendes Tool zu verbreiten. Aber ich bin gespannt, wie wir die Pushback-Map hier weiter einbringen können, und wie die Resonanz der People on the Move hier sein wird. Wir haben schon gehört dass einige internationale Initiativen hier über das Border Violence Monitoring Network Interviews machen und Pushbacks dokumentieren, und werden uns auch mit ihnen Treffen um nach Synergien zu suchen. Die Aktivistin in Velika Kladusa fand es jedenfalls erstmal eine gute Idee, unsere Handy-Sticker der Pushback-Map in Essenspakete mit einzupacken. Gleichzeitig wird uns immer klarer, dass es wichtig ist, nicht nur für die Dokumentation der Pushbacks sorgen, sondern auch für die Kampagnen, um diese Praxis wirklich zu beenden. Und das heißt, nach dieser Reise muss es weitergehen. Die Besuche hochrangiger Politiker*innen und die journalistische Berichterstattung hier am Ort haben das bislang jedenfalls nicht geschafft.
Ein Besuch bei einer bosnischen Familie öffnet uns das Herz. Die 10jährige Tochter spricht bereits fließend Englisch, und zeigt uns zusammen mit ihrem 5jährigen Bruder die frisch geschlüpften Küken, die Nachbarschaft, das Grab der Nachbarskatze. Katja und Matthias waren im vorigen Jahr hier gewesen, und die Erinnerungen an gemeinsame Ausflüge und Austausch über Religion und Kultur sind bei der Familie noch sehr lebendig. Damals waren an ihrem Ort viele flüchtende Menschen – sie konnten bei der Familie duschen, die Frau wusch ihre Wäsche… Zur Zeit ist nur ein flüchtender Mann am Ort, der sich wohl meist beim örtlichen „Walmart“ aufhält und Geld für die Weiterreise sammelt, und ab und zu zum duschen zur Familie kommt. Später am Abend, nach einem ausgiebigen gemeinsamen Essen mit der Großmutter, die unten im Haus wohnt, zeigt die Frau ein Video von vor einigen Monaten, von einem der Flüchtenden, nachdem er brutal von der bosnischen Polizei zusammengeschlagen und gefesselt worden war. Das Ehepaar ging dann auf die Polizeistation und protestierte, nahm den jungen Mann mit nach Hause, und der Ehemann stellte klar dass die Polizei keinen Zugriff auf die Personen in seinem Haus hätte. Die Tochter übersetzt: „Die Polizei hier ist schlecht, die Politik ist schlecht, aber die Menschen sind gut.“ Ein anderes Video zeigt, wie ein Mann sich auf der Fahrt unter einem LKW festklammert.
Bevor wir aufbrechen, bringt die Tochter mir noch ein bittersüßes bosnisches Lied bei. Wir verbleiben so, dass die Frau uns Bescheid gibt, was der Mann am Walmart braucht, und wir dann damit und mit Lavendelöl für die verzerrte Schulter der Frau nochmal vorbei kommen.
Auf dem Nachhauseweg durch die Berge erreicht uns die Nachricht von Lenie’s irakischem Mann, der auf seiner Flucht-Odyssee vor vielen Jahren auch einige Zeit in Sarajevo lebte, dass ihre Katze zuhause gestorben ist.

…Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Julia, 7.3.:
Die Fahrt über Landstraße von Zagreb an die bosnische Grenze bei Bihac ist idyllisch. Hügel, malerische Tälchen, lose gewürfelte Dörfer, hier und da noch etwas Schnee oder am Südhang Krokusse. An einem See steigen weiße Reiher in die Luft.
Lenie und ich sprechen darüber, wie die Wahrnehmung einer Landschaft sich verändert, wenn man sie nicht aus touristischen Augen, nicht aus einer heilen Welt heraus anschaut. Wenn sie Schauplatz von Krieg oder Flucht ist. Die Kategorien ändern sich, ein freies Feld wird zur gefährlichen offenen Flanke, ein pittoresker Berg läßt geheime Pfade vermuten, ein Wald wird zum Versteck, die Nacht bietet gleichzeitig Schutz und Gefahr, eine Abkürzung könnte ein Minenfeld sein, ein Tal birgt das Risiko eines möglichen Hinterhalts.
Vor uns fährt ein Militärauto, an einer Straße steht ein Polizeiwagen und beobachtet die Gegend.
In einer weiten Ebene dann plötzlich eine LKW-Schlange, und schon fahren wir auf die bosnisch-herzegowinische Grenze zu. Wer hat nur diese Grenzen, die durch die Landschaft schneiden und Menschen trennen, erfunden? Und wer hat immer wieder an sie geglaubt? Der Begriff „Festungskapitalismus“ fällt mir ein, den ich neulich von Ulrich Brand in Bezug auf die EU gehört habe. Nach einer kleinen Diskussion mit dem Grenzbeamten angesichts unseres vollen Kofferraums winkt er uns etwas grummelig durch. Die ersten Eindrücke in Bosnien: Auf einem Hügel im Schnee ragen die Minarette einer weißen Moschee empor. Wie wohl die hier lebenden Muslime die oftmals muslimischen Flüchtenden Menschen wahrnehmen? Als Glaubensgeschwister oder als Störfaktor? Bihac scheint eine lebendige Stadt zu sein; von Flüchtenden sehen wir heute abend aber nichts. Wir fahren weiter in die Berge des Una-Nationalparks, in dem es Wölfe und Bären gibt, in unser freundliches Quartier. Dankbar für die warme Heizung und das Abendessen aus Suppe, lokalen „Krompiruša“ (Kartoffelstrudel) und Krautsalat, fragen wir uns, wie die fliehenden Menschen bei diesen Temparaturen campend und ohne finanzielle Unterstützung hier überhaupt überleben können? Wie funktioniert das Leben hier außerhalb unserer „Normalität“, wie diese Etappe der Flucht? Wie finden Menschen die Schlupflöcher im brutalen Grenzregime? Dieses Überlebenswissen findet sich nicht auf Wikipedia oder Google oder in der Tagesschau – es wird in Netzwerken weitergegeben die sich unterhalb des medial und für uns Sichtbaren spannen.

Lenie, 8.3.:
Flüchtlinge sind hier nicht wirklich sichtbar, aber sie sind definitiv da. Das Dorf in dem wir unterkommen hat Empathie für sie. Sie verstehen sie, sagen sie, aufgrund ihrer eigenen Kriegserfahrung. Wegen des Krieges in der Ukraine haben sie Angst, dass hier in Bosnien Kriegsideen aufflammen. Wir führen Gespräche mit Anwohnern. Mein erster Tag in Bosnien fühlt sich etwas komisch an. Gestern war die Hälfte der Fläche mit Schnee bedeckt. Der andere Teil liegt in der Sonne, ohne Schnee und wirkt freundlich. Ähnlich wie in Kroatien, überall kleine Weiler, einiger Häuser und Gehöfte. Überall eine schneidende Kälte. Auf dem Weg zu unserer Startadresse sind wir gestern durch die Stadt Bihac gefahren. Der erste Eindruck ist ein Straßenbild aus hässlichen Betonbauten und geraden Straßen. Überall laufen kleine Gruppen von Jugendlichen, es ist dann etwa 18 Uhr. Es ist Montag. Vielleicht sind es Kollegen, die von der Arbeit kommen? oder sind es die Einwanderer, die angeblich die Straßen bevölkern? Seltsam, sich das zu fragen. Flüchtlinge, die sich schon länger hier aufhalten, gehen nicht mit ihrem Gepäck zu Fuß. Sie sind daher nicht von der lokalen Bevölkerung zu unterscheiden, obwohl einige Gruppen eindeutig eine etwas dunklere Hautfarbe haben. Wohin gehen Sie? Wer sind sie? Wo schlafen sie? Werden wir in der Lage sein, mit ihnen zu sprechen und sie zu interviewen? Heute haben wir einige grundlegende Notwendigkeiten für diejenigen vorbereitet, die sie möglicherweise benötigen. Jeder Beutel enthält auch einen wichtigen Aufkleber in verschiedenen Sprachen. Darauf die Adresse der Push Back Map. Es ist so schön, Menschen etwas geben zu können, wo sie ihre Geschichte erzählen und ihre Beschwerde ausdrücken können. Ein kleiner Aufkleber, aber so wichtig, wenn man kaum jemanden kennt, an den man sich wenden kann.

Julia, 9.3.:
Die Begegnungen heute haben schon einige Antworten auf die Fragen der letzten Tage mit sich gebracht.
Eine lokale Aktivistin erzählt: Neben den von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) betriebenen Lager weit weg in Sarajevo oder hier in Lipa bei Bihac gibt es zahlreiche inoffizielle Lager und besetzte Häuser oder Hausruinen, von denen aus immer wieder Menschen ins „Game“ gehen, einen neuen Versuch unternehmen über die streng bewachte und verteidigte kroatische Grenze in die EU zu gelangen. Das Lager in Lipa, einem Ort der nach dem Krieg in den 1990ern unbewohnt war, war für seine unhaltbaren Zustände berüchtigt und brannte im Winter 2020 ab. Jetzt ist es anscheinend wieder in Betrieb, wie auch ein weiteres Lager bei Bihac für Familien. Weiter nördlich und nahe der Grenze, um Velika Kladusa, gibt es nur inoffizielle provisorische Unterkünfte. In der Region gibt es mehrere lokale und internationale Initiativen, die Notfallunterstützung machen – ob Essensausgabe oder -verteilung, Organisation von Feuerholz, Isolierung von Fenstern, medizinische Versorgung, oder die Annahme, Lagerung, Sortierung und Verteilung von Kleidungsstücken. Manchmal sind für die Geflüchteten Unnütze Sachen dabei, wie Vorlegedeckchen, die dann an Bosnier*innen weitergegeben werden. Anderes ist in so schlechtem Zustand dass sie nicht wissen, was sie damit machen sollen. Diesen Winter waren weniger flüchtende Menschen da als im letzten – vielleicht sind mehr Leute auf der Route von Serbien nach Ungarn unterwegs. Aber jetzt wird es langsam Frühling und es werden wieder täglich mehr. Manche der „People on the Move“ sind seit 3 Jahren hier und haben es noch nicht über die Grenze geschafft – besonders für Familien ist das oft schwerer; andere bleiben nur ein paar Monate. Manche Routen sind für eine Zeit lang recht erfolgversprechend, dann sind es wieder andere. Manche machen Dutzende Versuche bis es klappt, es braucht Glück, aber irgendwann klappt es dann doch immer. Allerdings hinterläßt auch diese – hoffentlich letzte – Etappe der Flucht Wunden, umso öfter der vergebliche Versuch gemacht werden muss und brutale Pushbacks erlebt werden. Je mehr traumatische Erfahrungen, umso schwerer sind dann die Startbedingungen für einen Neuanfang am Ende der Flucht.
Während wir mit der Aktivistin sprechen, ruft jemand an, der heute Abend ins „Game“ gehen will, also einen Versuch machen über die Grenze nach Kroatien zu kommen. Er möchte etwas Konservennahrung mitnehmen, die schon auf dem Tisch bereit liegt, aber die Aktivistin ist zu weit weg um sie ihm rechtzeitig zu bringen. Er sagt er würde von Offiziellen im Lager abgehalten, seine Sachen mitzunehmen. Dann bricht der Kontakt ab und später erreicht sie ihn nicht mehr. Wenn das die nächsten Tage so bleibt, hat er es wahrscheinlich geschafft. Mit manchen hält sie noch Kontakt, die inzwischen in Italien oder Deutschland sind. Gern würde sie sie besuchen, aber auch für sie ist die EU (oder „Europa“, wie sie sagt) weit weg und schwer erreichbar.
Die Aktivistin erzählt, dass es um 2015 erstmal sehr viel Hilfsbereitschaft in der lokalen Bevölkerung gab, dann eine zeitlang, auch in Zusammenhang mit einigen Vorfällen eher negative Stimmung den fliehenden Menschen gegenüber, und jetzt hat es sich eingependelt und ist kaum noch Thema. Immer wieder kommen Freiwillige aus verschiedenen Ländern für einige Zeit, gerade ist noch wenig los aber zwei stehen wohl auf Abruf in den Startlöchern. Auch die Aktivistin vermutet, dass die Unterstützung hier mit dem Krieg in der Ukraine wahrscheinlich nachlassen wird. „Natürlich müssen die Menschen die aus der Ukraine fliehen auch versorgt werden“, sagt sie nur dazu. Sie ist da, und wird weitermachen.

Schuhe für einen weiten Weg…

Reisen zur anderen Seite

Julia:
Anders als erwartet hat unsere gemeinsame „Aktionszeit“ begonnen.
Als wir die Reise planten (und den Ankündigungsnewsletter schrieben), hatte Putin die Invasion in die Ukraine noch nicht gestartet (Krieg war in der Ostukraine ja schon vorher gewesen). Und obwohl Krieg die Erfahrung von so vielen Menschen weltweit ist, und ich ihm physisch immer wieder genauso nahe oder näher war als jetzt, fühlt sich dieser anders an. Das Gefühl der Fassungslosigkeit gegenüber so viel sinnlosem Leid und Zerstörung ist zwar gleich. Anders ist, dass jetzt die realistische Gefahr eines „Dritten Weltkriegs“ mit Atomwaffen in der Luft liegt. Ich fühle mich persönlich bedroht und erpresst. Dazu die Aufrüstung der Bundesregierung, die Stärkung der neuen Rechten in so vielen Ländern, die noch nicht überwundenen gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, und die so übermächtige und gut verdrängte Dringlichkeit der global gerechten industriellen Abrüstung angesichts der Klima- und Artenkrise – – es fühlt sich jeden Tag so an, als ob ich hinterher-hinke in der Analyse was das alles bedeutet, wie es zusammenhängt, und welche Handlungsstrategien – kollektiv und individuell – sinnvoll und Priorität sind…
Und dann reduziert sich der Blick wieder auf einzelne Menschen, einzelne Schicksale derer, die jetzt fliehen, die Verlust und Tod begegnen, die in Zwangslagen sind, die trotzem Mut und Menschlichkeit zeigen, auf allen Seiten. Alles, was zur Zeit mein „normaler Alltag“ ist in meinem zumeist extrem privilegierten Umfeld, fühlt sich wie Zeitverschwendung an. Ich will solidarisch handeln und bin froh, ohnehin erstmal mit unserem Aktionsplan einen konkreten Fokus auf das Thema Flucht zu haben. Zwischen Ungeduld und „Ruhe vor dem Sturm“ fahre ich langsam hoch in den Aktionsmodus, den ich selbstverordnet die letzten eineinhalb Jahre pausiert habe. Höchste Zeit ihn zu reaktivieren!
Etwa eine Woche vor geplantem Reisebeginn diskutieren Uschi und ich, was angesichts der neuen Entwicklungen zu tun ist: Sollen wir anstatt dem urspünglich geplanten PushBack-Mapping und Verbreitung der Online-Plattform in Bosnien nun doch lieber an die ukrainische Grenze fahren und fliehende Menschen ohne ukrainischen Pass abholen, die auf ihrer Flucht zusätzlich Rassismus ausgesetzt sind? Das Ergebnis: Wir wollen an der Bosnienreise festhalten, denn wir denken dass es in der nächsten Zeit weniger Unterstützung und weniger politischen Fokus auf der Situation Flüchtender und von Push-Backs Betroffener auf der Balkanroute geben wird, speziell in Bosnien-Herzegovina, einem Land das selbst immer instabiler wird und wo Kriegsgefahr herrscht.. Falls es dann noch sinnvoll ist, wollen wir auf dem „Rückweg“ an die ukrainische Grenze, um mehrfachdiskriminierte fliehende Menschen abzuholen. Und Uschi fährt vorab mit zwei Sudanes*innen einem weiteren deutschen schon eine erste Abhol-Tour an die ukrainische Grenze. Ich begleite digital, auch eine andere Gruppe sudanesischer Studierender aus der Ukraine, die zeitgleich und komplett übernächtigt mit dem Zug in Deutschland ankommen – wo sie weitere 24h mit minimaler Schlafmöglichkeit an verschiedenen bürokratischen Stationen feststecken, und direkt und ohne jegliche behördliche Erklärungen einen Fragebogen ausfüllen müssen, ob sie Asyl beantragen wollen oder nicht.
Als Uschi sich dann auf dem Weg aus dem Wendland zu mir nach Süddeutschland schlapp fühlt und einen Covid-Test macht, ist dieser positiv. Bei ihrer Ankunft erstmal Krisensitzung mit Maske 🙁 Schließlich entscheiden wir, dass ich zunächst alleine losfahre, ab Zagreb dann mit einer weiteren Bekannten aus Holland weiterreise und unsere Aktivitäten beginne, bis Uschi mit dem Zug nachkommt.
Das Auto ist gut gefüllt mit Flyern, Stickern, Kleidung, Babytragen, Schlafsäcken, Verbandszeug, Power-Banks… Auf der Autobahn Richtung Zagreb spielt das Radio REM: „It’s the End of the World as We Know It“. But I don’t feel fine.

Uschi:
Am Sonntag, den 6.3. ist Julia nun endlich losgefahren Richtung Bosnien.
Ich bin durch Corona erstmal ausgebremst worden und werde nachreisen.
Was ich in der letzten Woche, durch das Abholen von jungen afrikanischen Flüchtenden an der polnisch-ukraininschen Grenze, von denen gehört habe – und auch drei Wochen davor von einem jungen Mann, der aus dem Wald zwischen Polen und Belarus flüchten konnte – lässt das klare Aushebeln der Menschenrechte erkennen…..
Dass an der polnisch-belarussischen Grenze Push-Backs stattfinden, ist nicht neu. Auch dort haben viele Geflüchtete es bis zu 15 Mal versucht, eine dieser Grenzen zu überschreiten. Sie wurden bei Minustemperaturen in eiskalten Gewässer gejagt, ihnen wurden Schlafsäcke, Kleidung, Handys weggenommen, sie hätten durch die Hilfe von unermüdlichen polnischen Hilfsgruppen nicht überlebt. Aber was da geschah, ist das In Kauf Nehmen von Tod vonseiten des Militärs und der Polizei. Fällt es schon unter die Definition von Mord?
Wer in die geschlossenen Camps auf polnischer Seite kam, sitzt mitunter monatelang fest, ohne eine Information zu bekommen, wie er oder sie weiter vorgehen kann. Ein Pflicht-Anwalt auf 100 Menschen – kein unabhängiger Anwalt (das Recht auf freie Anwaltwahl wird ausgehebelt..), nur ein Arzt kommt ins Camp ( kein Recht auf freie Arztwahl, keine weibliche Ärztin für die Frauen, kein Zugang zu gynäkologischer Versorgung), kein „Freizeitangebot“ für die Kinder zum „Kindsein“ .. spielen können, etwas Freude haben können. Kein Ausgang, keine Bewegungsfreiheit. Keine eigene Entscheidung des Essens……. Ist der Vergleich zu den libyschen Camps noch sehr herbeigeholt?
An der Grenze Polen-Ukraine erlebten die jungen Menschen, die wir abgeholt haben, dass sie im Vergleich zu Ukrainer*innen extrem langsam abgefertigt wurden – manche warteten mehrere Tage. Manche berichteten davon, von morgens 7 Uhr bis abends 20 Uhr in einer Schlange am Abfertigungsschalter gestanden zu haben. Sie wurden dabei von den Grenzern beobachtet……wer aus der Schlange herausging, hatte von deren Seite aus seinen Platz in der Schlange verloren (ausser er oder sie ging kurz beiseite, um einem menschlichen Bedürfnis nachzukommen). Sie hatten nicht ausreichende Kleidung, um in der Kälte ruhig zu stehen – einer der jungen Studierenden bekam Erfrierungen an den Füssen. Ob die Langsamkeit nun aufseiten der ukrainischen oder der polnischen Seite stattfand, liess sich nicht immer herausfinden. Aber die Schikane war da…… Ein Verzögerungs-„Push-Back“ auf psychischer Ebene, oder wie soll man das nennen? Andere erzählten auch von Schlägen im Verlauf der Flucht; es wird noch viel Aufzuarbeiten geben.
Nun kamen gestern Nachrichten von Militärbewegungen aus Bosnien. Die EUFOR erhöht ihre Personalstärke und Alarmbereitschaft, und macht Manöverübungen. Was geschieht in Zukunft mit den Flüchtenden auf der Balkanroute?
Werden die Menschen, die immer noch in den polnisch-belarussischen Wäldern ausharren, irgendwann „geräumt“ und interniert, weil die Soldaten, die dort die Grenze bewachen, anderenorts eingesetzt werden sollen?
Das sind so die Gedanken einer, die „ausgebremst“ wurde und auf dem Sofa verharren muss…….

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