Europa lässt foltern

Seit einigen Tagen sind wie so viel unterwegs, dass wir keine Kraft zum Schreiben hatten.

Um euch aber auf dem Laufenden zu halten, versuchen wir zumindest eine Begegnung zu schildern. Anderer Berichte über die letzten 3 Tage folgen.

Europa lässt foltern. Das sind harte Worte. Aber diejenigen von euch, die die Berichte in Political Critique vor einigen Tagen gelesen haben, werden unsere Wortwahl verstehen. Und auch wir begreifen immer mehr, was hier jede Nacht im Dunkeln durch staatliche Gewalt passiert.

Wir treffen morgens um 8.10 Uhr H. Er möchte nicht mit seinem Namen genannt werden. Er ist vor einer Stunde über die Grenze zurück nach Serbien abgeschoben worden (push-back), H. zittert am ganzen Körper. Seine Füsse stecken barfuss in Plastikschuhen, die ihm ein LKW-Fahrer auf dem Weg fort von der Grenze zugeworfen hat. Die Jacke, die er trägt, haben ihm andere Flüchtende gegeben; die lange Unterhose, ist wohl noch seine (es sind 5°C). Kaum betreten wir das Grundstück, wo eine Gruppe von Menschen am Rande eines Dorfes nahe der Grenze Zuflucht gesucht hat, bricht es aus ihm heraus. Stotternd berichtet er von Stockschlägen und Fußtritten. Er kann sich nicht richtig aufrecht halten. Den Kopf immer noch schützend zwischen die Schultern geduckt, beschreibt er die Traktierung mit Elektroschocks. Die Angriffe mit Pfefferspray. – Dass sie ihm die Schuhe weggenommen und vor seinen Augen zerschnitten haben. Die Jacke und Hose haben sie genommen.
Wie die Grenzleute alle ausgezogenen Menschen in einen kleinen Kreis getrieben hätten und ihrer Köpfe aneinander geschlagen hätten, wie er es noch nie erlebt hat. Dann wurden die Männer im Kreis rumgeschubst, dabei immer wieder mit Schlägen und Tritten malträtiert. Er auf den Boden geschmissen, auf ihm rumgetrampelt. Mit Water boarding sei auch schon einmal vor 2 Wochen sein Kopf unter Wasser gehalten worden, während seine Beine in der Luft strampelten. Er ringt nach Fassung. Immer wieder muss er unterbrechen. Wir schweigen immer wieder zusammen, dann ein leichtes Nachfragen von uns, und H. berichtet weiter unter Zittern. Sein Geld haben sie ihm abgenommen, es vor seinen Augen zerrissen. Sein Handy zertreten; die zwei Ringe und 2 Ketten, die er von seinen Eltern bekommen habe, abgerissen und ins Wasser geworfen. Jetzt könne er seine Mutter in Afghanistan nicht anrufen und sie würde verrückt vor Sorgen.

Seine Augen blicken entsetzt, voller Fragen, Demütigungen. Er ergreift eine offene angebotene Hand. Mehr Körperkontakt geht nicht. H. steht unter Schock.

Wir bereiten aus der Thermoskanne einen kleinen Becher Pfefferminztee mit viel Zucker zu.

Dies ist nicht Guantanamo. Dies ist eine Außengrenze von Europa mitten in Europa, 1100 km vom Wendland entfernt.